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Am sechsten Tag – oder war es schon der fünfte – erschuf Gott den Menschen, sagt man. Und man sagt auch, dass er sich am siebenten Tag ausruhte.

Die Sonne schickt ihr schönstes Strahlen herab. Wenn sich Gott ausruht, einfach mal einen ganzen Tag lang chillt, dann gibt es gutes Wetter – garantiert. Er schläft am Morgen bis in die Puppen, frühstückt in aller Gottesgemütlichkeit und liest die Lokalseite der himmlischen Zeitung. Den Sportteil feuert er gleich in den Papierkorb, welche Verschwendung. Ein alter Mann treibt keinen Sport, wenn doch, dann würde niemand in der Lage sein, ihn zu bezwingen. Gott freut sich. Die Sterne stehen für ihn günstig. Das Horoskop hatte er am Vorabend noch rasch selbst geschrieben.

Gott macht sich auf den Weg. Langeweile kann er nicht leiden. Immer muss er etwas werkeln, wenigstens nach dem Rechten schauen. Viele Dummheiten stellen die wenigen Menschen, die es bisher gibt, nicht an. Trotzdem: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Diesen Spruch wird sich in etlichen tausend Jahren ein russischer Politiker von ihm ausleihen. Weitere Jahrzehnte später werden viele Regierungen diesen Slogan zur Staatsdoktrin erheben, ganze Armeen von Kontrolleuren mit riesigen Computergehirnen zur Überwachung einsetzen.

Gott kommt an einer Eisdiele vorbei. Besser gesagt, er geht schnurstracks hinein und sucht sich den schönsten Platz direkt am Fenster dieses wundervollen Etablissements. Er bestellt eine Kugel Eis, die hat er sich in den letzten Tagen redlich verdient.

Ich fange mal klein an, beschließt er und überlässt die Wahl der Eissorte dem heißen Eisengel Martina. Gott ist von der scharfen, silbergrauen Lederhose des Engels ein wenig irritiert. Die Federstola, die ihr lässig über den Schultern schwingt, findet er außerordentlich passend. Er ist tief beeindruckt vom himmlischen Personal.

„Ein Überraschungseis!“, wispert Martina mit ihrer süßen Stimme und einem Lächeln im Gesicht.

Vanille, Haselnuss, Joghurt … Gott überlegt, welche Geschmacksrichtung ihm gerade serviert wurde. Göttlicher Rat ist teuer. Natürlich könnte er – Gott – das schnell herausfinden. Allerdings erscheint es ihm unfair. Er zieht das Knusperherz aus der Eiskugel und löffelt seine Köstlichkeit.

Nach dieser harten, sechstägigen Schinderei, die noch dazu mit weniger als dem Mindestlohn, nicht einmal mit einem „Danke“ belohnt wurde, hat er richtig Hunger. Den Dank vernimmt er später in den ihm zu Ehren errichteten Gotteshäusern. Das Eis steht jetzt vor ihm. Im Nu ist das silberne Schälchen leer. Die Reste der herzförmigen Waffel knuspern noch in seinem Mund.

Martina verrät es ihm. Er hatte eine Kugel Whiskeyeis. Gott ahnt, weshalb ihm so beschwingt ums Herz ist. Martina hat die Federstola abgelegt. Wow, was für ein Weib! Sollte er an Eva noch ein Update vornehmen? Später als Pensionär könnte er sich als Eisverkoster noch ein ordentliches Zubrot verdienen. Dann wird er bei Martina regelmäßig einkehren.

Nach der siebenten Eiskugel bekommt Gott Bauchweh. Er beschließt, sicherheitshalber am achten Tag bitteren Magen­likör zu erfinden. Bis dahin gibt er sich seinen Leiden hin. Schon bald bereut er, vergessen zu haben, eine Frau für sich erfunden zu haben. Wer kann ihn jetzt trösten, bemitleiden, Fencheltee kochen und seinen Heldenmut loben. Niemand sagt zu ihm:

„Ja, du bist wirklich totsterbenskrank. Deine Chancen stehen schlecht. Doch ich glaube an dich. Du wirst es schaffen und dann ist die ganze Menschheit stolz auf dich!“ Nein, da ist wirklich niemand, der sich um ihn kümmert.

Es kommt noch schlimmer. Das Wetter ist ausgerechnet jetzt umgeschlagen. Die Jahreszeiten haben sich längst noch nicht abgestimmt, wer wann das Sagen hat. Und nach dem göttlichen Plan richtet es sich erst recht nicht. Nach dem wundervollen Sommerwetter schlägt der Winter mit Kälte und Schnee seine Kapriolen. Prompt bekommt Gott diesen schon damals berühmten Männerschnupfen. Die Erfindung des Magenlikörs muss er noch ein paar Tage aufschieben.

Als sich Gott endlich, nach langen drei Tagen des Krank­seins, wieder besser fühlt, fragt er sich, wer Bauchschmerzen und Männerschupfen erfunden hat.

„Manchmal erfinde ich ziemlich blöden Mist!“, stellt er verwundert fest.

Da sieht man, dass Gott auch nur ein Mann ist.