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Lecker Espresso

Lecker Espresso

Von einer Rosinenschnecke, einem verführerischen Dekolleté, Selbstzweifeln und tiefen Einsichten, einer Tendenz zum X, einem schlanken Fahrgestell und einem leeren Platz

Ein Blind Date ist ein blödes Spiel – das Blinde-Kuh-Spiel für Erwachsene.

Peter trifft sich seine Bekanntschaft aus dem Flirtportal in einer Konditorei. Es ist eine merkwürdige, aufregende, fast peinliche Situation.

Hier ein Ausschnitt aus dem Manuskript dieser Geschichte:


„Entschuldigst du mich bitte einen Moment?“ Magdalena braucht nicht zu begründen weshalb. Er nickt nur. Auch Peter spürt im selben Moment ein Bedürfnis. Die zwei großen Pötte Kaffee melden sich. „Pott – was für eine neumodische Bezeichnung für eine große Tasse“, denkt Peter. Während sich Magdalena erhebt, beugt sie sich zu dem leeren Stuhl, der noch am Tisch steht hinüber und greift nach der Handtasche.

„Macht sie das absichtlich so langsam?“, fragt sich Peter und schaut direkt in ihren Ausschnitt.

„Hm!“, schwärmt er in Gedanken und meint damit „Wundervoll!“. Er genießt diesen unübersehbar tiefen Einblick. Sie scheint noch etwas in der Handtasche zu suchen, zieht den Reißverschluss betont langsam zu. Die helle Bluse lässt nur wenig des gedämpften Lichts hier im Café hindurch. Zum Bestaunen dieser wundervollen Rundungen reicht es. Vielleicht sind es fünf Sekunden, höchstens sechs oder sieben. Peter labt sich am Einblick und fühlt genussvoll, wie der Moment, fast wie in Zeitlupe vorüberzieht.

„Vorbei!“, denkt er zufrieden, „Das war pure Absicht!“ Dabei vergisst er, ihr mit dem Blick zu folgen, schade. Ihre Beine interessieren ihn natürlich sehr. Diese passen bestimmt hervorragend zu ihrer gesamten Erscheinung. Er nimmt sich vor, sie beim Zurückkommen genau in Augenschein zu nehmen. Als sie sich begrüßt haben, hat er nur flüchtig geschaut, hatte anderes zu tun, war aufgeregt. Er wird sich ihr Bild gut einzuprägen, nimmt er sich fest vor. Er wird sie genau anschauen, natürlich so, dass es nicht auffällt. Schließlich möchte er bei ihr einen guten Eindruck hinterlassen.

„Was mache ich nur?“, denkt Peter amüsiert, „Ich bin hier zu einem allerersten Stelldichein und ich habe nur Augen für Brust, Po und ihre Beine.“ Er fragt sich, ob alle Männer so sind. Angeblich sollen Männer am Tag über Dreißigmal an Sex denken, hörte er neulich im Radio.

„Nein, bei dreißig bin ich noch nicht angekommen. Ich habe noch Reserven.“

Zufrieden und glücklich lässt Peter das tête-à-tête in Gedanken noch einmal Revue passieren. Er staunt über seinen Mut, dieses Abenteuer eingegangen zu sein. Kann er wirklich mit sich zufrieden sein? Er glaubt, bei ihr bisher gut angekommen zu sein. Egal, wie es ausgeht, es ist ein nettes Erlebnis, allein wegen des fantastischen Blicks auf ihr Wonnegebirge.

Dieser Einblick geht ihm nicht aus dem Kopf, vor allem, weil es garantiert pure Absicht war. Er lehnt sich zurück und lässt die Gedanken schweifen. Er stellt sich vor, sie steht vor ihm auf einer großen Wiese. Wie ein Engel im zarten Seidenkleid schwebt sie um ihn herum. Der Stoff berührt sein Gesicht, ganz sanft, nur den Bruchteil einer Sekunde. Peter glaubt beinahe, es wäre ihre Haut, zart, glatt, warm. Während sie um ihn herumtanzt, dreht er sich im Kreis, behält sie im Auge. Keine Sekunde löst er den Blick. Ein Lufthauch, der zwischen den hohen Bäumen hindurchgeht, zieht unter das Kleid. Sachte, ganz langsam löst es sich von ihrem hellen Körper. Ein wundervolles Bild. Sie schwebt elfenartig vor ihm. Durch einem nebelartig aufziehenden Vorhang, dessen pastellartige Farben sich ständig ändern, erscheinen ihre Kurven, die Brüste, die geschmeidigen Hüften, der runde, sanft geschwungene Po. Sein Blick gleitet die Oberschenkel hinab, über die schmalen Waden, zu ihren Füßen. Peter fühlt sich wie in einem süßen Traum. Seine Gedanken schwingen zielgerichtet nach oben.

Ruckartig erwacht er aus seiner Illusion. Die Fee hat sich in ein Nichts aufgelöst. Es ist nicht Magdalena, nicht die quietschende Straßenbahn, die ihn wieder in der Realität geholt hat. Am Nebentisch blökt eine Mutter ihr Kind an. Es hat den Saft verschüttet, genau über das Kuchenstück. Das ist nun Matsch, das Kind soll es trotzdem essen. Peter hat Mitleid, stellt sich vor, wie sich das im Mund anfühlt.

„Igitt!“ Als der Geräuschpegel wieder normales Niveau erreicht hat, gleitet sein Denken erneut zu Magdalena.

Der Kellner serviert an einem der Nachbartische Kaffee. Der Duft streicht durch den Raum und holt Peter aus seinen Gedanken. Er schaut auf die Straße, beobachtet die Menschen, wartet auf Magdalena.

„Frauen brauchen immer eine Ewigkeit auf dem Klo! Und dann rennen sie alle fünf Minuten, weil sie schon wieder müssen.“ Auf der Straße hetzen Leute der Straßenbahn hinterher. Die hat schon dreimal geklingelt, möchte endlich losfahren.

Peter bekommt einen Schreck, einen furchtbaren Schreck. Er schaut auf die Werbung an der Tram, ein Ärztehaus buhlt um Patienten. Dort gibt es alles, was der Kranke braucht, MRT, Urologie, Chirurgie, Ernährungsberatung, Physiotherapie, Zahnarzt …

„Zahnarzt – das ist es! Die kenn ich. Arbeitet sie nicht als Schwester bei meinem Zahnarzt.“ Erst neulich, bei der jährlichen Inventur seiner Zähne, hat Magdalena mit den tausend Schläuchen in seinem Mund herumgestochert. Und so wunderbar strahlende Zähne hat sie auch.

„Sie ist es!“ Peter muss tief durchatmen. Der Zahnarzt hatte gesagt, er solle die Zähne besser putzen, vor allem die Zwischenräume. Und sie hat alles mitbekommen. Sicher hat sie extra noch seine Patientenakte studiert, bevor sie kam. Ja, deshalb war sie zu spät, nicht weil der Chef sie aufgehalten hat.

„Oder ist sie es doch nicht?“ Peter grübelt. Er ist unsicher.
„Oh Gott, wenn sie das ist. Sie hat noch nichts über ihren Job erzählt. Ich muss sie unbedingt fragen. Fragen? Lieber nicht.“ Der Mut verlässt ihn. Seine Gefühle schlagen Wellen, da würde jeder Ozean neidisch werden. Kein Gedanke an Einblick oder Fahrgestell. Ein vollautomatischer Zahnarztstuhl geistert durch sein Gehirn.

Peters Fantasie läuft mit Volldampf. Er sieht sich auf dem Behandlungsstuhl seines Zahnarztes sitzen, fast liegend. Grinsend zeigt der Zahnbohrer auf ihn. Die Helferin, natürlich ist das Magdalena, beugt sich über ihn und steckt den Absauger in seinen weit geöffneten Mund. Schnurpsende Gurgellaute kommen aus seinem Inneren. Gleich beginnt der Bohrer pfeifend sein Werk. Sie gewährt ihm genau den Einblick, welchen er wenige Minuten zuvor live erleben durfte. Nein, danach ist ihm gerade nicht, er möchte den Vorhang schließen. Im selben Moment fragt der Arzt irgendetwas. Peter versteht kein Wort. Er könnte sowieso nicht antworten und hebt fragend die Brauen.

„Tut es weh?“, wiederholt der Arzt die Frage beinahe schreiend.

„Nein!“, möchte Peter antworten, obwohl ihm nicht wohl zumute ist. Er verträgt solche Operationen schlecht und der Geruch im Behandlungszimmer und der Geschmack in seinem Mund und die Angst, er könne mit dem Bohrer abrutschen, und der Gedanke, es könne wehtun … Doch die Anwesenheit der Schwester zwingt ihn, die Frage irgendwie zu verneinen, egal wie, egal wie es klingt. Einen Moment lang setzt der Arzt den Bohrer ab. Schnell wiederholt Peter dieses „Nein!“. Er zwingt sich, seine Gedanken zu bändigen, blickt aus dem Fenster des Cafés, beobachtet die Passanten.

Da sitzt sie wieder. Peter war mit seinen Gedanken beschäftigt und hat ihr Kommen erst wahrgenommen, als sie den Stuhl zu Recht schob.


Die erste Fassung dieser Geschichte stammt aus meinem Buch „Lieblich bis Zartbitter“. Die neue, stark überarbeitete und erweiterte Fassung, aus der diese Leseprobe stammt, wird in der zweiten Auflage dieses Bandes mit Erzählungen etwa Mitte des Jahres erscheinen.