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Endstation

Endstation

Hin und wieder fahre ich auch mit der Straßenbahn. Viel lieber nehme ich die U-Bahn, doch auch damit ist man vor Überraschungen nicht sicher.

Neulich war ich mit der U-Bahn unterwegs. Ich wollte vom „Schweizer Platz“ in Frankfurt-Sachsenhausen nach „Eschersheim“. Da buhlen gleich vier Linien um Fahrgäste: die Linien 1,2, 3 und 8. Ich nehme die Linie 1, das bietet sich an, denn die fährt gerade ein. Schnell finde ich einen Platz, mache es mir gemütlich. Na ja, so richtig gemütlich würde sich anders anfühlen. Wenigstens habe ich die Stationsanzeige im Blick. Die Gefahr, das Aussteigen zu vergessen, ist also gering.

Die Bahn fährt los. Wie immer kennt sie nur Vollgas, bis sie ihre Reiseflughöhe erreicht hat. Die Reiseflughöhe liegt allerdings deutlich unterhalb der Wasserspiegel des Mains. Ein älterer Herr, noch mit dem Hinsetzen beschäftigt, knallt in den Sitz. Wenigstens wählte er einen Platz in Fahrtrichtung, sonst hätte es einen Unfall gegeben. Die nächste Station, der „Willy-Brandt-Platz“ liegt auf der anderen Mainseite. Also geht es unter dem Fluss durch. Ich träume vor mich hin und merke nicht, wie die Bahn langsamer wird. Dann bleibt sie stehen, genau unter dem Main. Oben fährt gerade ein Flusskreuzfahrtschiff lang und 3 fette Schwäne kreuzen seine Bahn. Hoffentlich hält die Decke vom U-Bahn-Tunnel!

Ich warte, die Bahn steht. Ich warte immer noch, die Bahn gibt keinen Mucks von sich. Da hinten quakt ein Kleinkind. Die Bässe der Musik meiner Sitznachbarin dröhnen unüberhörbar aus ihren schicken, weißen Ohrhörern heraus. Demnächst ist sie Kundin beim HNO-Arzt. Der verschreibt ihr eine hübsche Brille mit Hörgerät. Eine Dame telefoniert mit ihrer Freundin. Wenn deren Chef das mitbekommen würde, gäbe es bestimmt ein nettes Personalgespräch. Allerdings findet sie ihn nicht nur doof, sondern auch so süß und sexy. Wer findet seinen Chef sexy! Chef und sexy sind Widersprüche an sich, so wie Diät und Kalorie, Wochenende und Sonnenschein, Monatsende und volles Portmonee, Bahn und Pünktlichkeit, … An der „Hauptwache“ will sie mal kurz aussteigen. Der Schuhladen auf der Zeil, der Frankfurter Einkaufsmeile für Besserverdienende, hätte Stiefel für sie zurückgelegt – Größe 43, also echte Quadratlatschen, zumindest für eine Frau. Vielleicht findet ihr Chef sie morgen mit den neuen Stiefelchen auch so süß und sexy. Der ÖPNV ist spannender als das RTL-Abendprogramm.

Ich schaue auf meine Uhr. Pünktlichkeitsfanatiker, wie ich, haben meistens Reserven. Es wird nun aber knapp. Von der halben Stunde vor der Zeit sind höchstens noch schlappe 27 Minuten übrig. Es könnte knapp werden.

Eine Durchsage – endlich:

„Signalbedingt verzögert sich die Weiterfahrt des Zuges kurzzeitig. Wir bitten um etwas Geduld. Vielen Dank!“

Das klingt wie „Sächsisch für Anfänger“, Angelsächsisch: „Zänkju for trewellink wizz Deutsche Bahn AhGee“. Nur diesmal auf Deutsch. Solche Sprüche liebe ich. Bestimmt räkelt sich ein Wassertropfen auf den Schienen und hat einen Kurzschluss verursacht. Hier unten, unter dem Main, ist es saugefährlich. Ich ahnte es. Und nun sind die Signale verrostet und wir müssen hier verrotten. Neue Signale brauchen Zeit. Ich sage nur: Europaweite Ausschreibung! Hoffentlich ist noch Geld in der Stadtkasse. Andererseits wurden die Fahrpreise zum Jahreswechsel mal wieder erhöht. Jetzt kostet eine Fahrt 2,90 €. Dafür wäre man Früher zweieinhalbmal nach Sylt gefahren – Erster Klasse hin und zurück inklusive Vollpension im Grand Hotel und Schwimmkurs!

Ruhe im Karton! Wieder eine Durchsage. Jetzt kommen sie mit der ganzen Wahrheit rüber. Ich rechne schon mal mit eineinhalb Jahren Verspätung. Sicher kündigen sie einen Teeservice zur Überbrückung der Wartezeit an:

„Signalbedingt verzögert sich die Weiterfahrt des Zuges kurzzeitig. Wir bitten um etwas Geduld. Vielen Dank!“

Nein, kein Teeservice. Ich war mit meiner Vermutung etwas voreilig. Jetzt tagt wahrscheinlich erst die Katastrophenkommission und berät das weitere Vorgehen. Vielleicht kalkuliert man gar ein paar Kollateralschäden ein. Ist billiger als der Teeservice.

Ich warte, die Bahn steht wie ein Felsen unterhalb der Brandung des Mains.

Ich schaue auf meine Uhr. Die Zeitreserve schwindet. Es sind nur noch 25 Minuten übrig. Jetzt ist das egal. Ich schaue auf mein Handy. Kein Empfang. Wundert mich nicht, hier unten kurz vor des Teufels Hölle. Mir wird plötzlich warm. Ist die Klimaanlage ausgefallen? Nein, sie war gar nicht an. Mein, unser aller Ende naht.

Plötzlich geschieht etwas Unfassbares. Der Zug setzt sich in Bewegung. Hilfe, gleich gibt es einen schlimmen U-Bahn-Unfall. Die kann doch bei einer Signalstörung nicht einfach losfahren. Durchgerostete Signale kann man so schnell nicht reparieren. Der Gedanke an eine manuelle Verkehrsregelung, wie es sie früher auf den Straßenkreuzungen gab, gibt mir ein wenig Hoffnung. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass ich den heutigen Tag überlebe.

Endlich: der Willy-Brandt-Platz. Massen lauern auf den Zug, wollen einsteigen. Gut dass ich einen Sitzplatz habe. Die Hälfte der Massen bleibt draußen stehen. Die warten sicher auf Züge der anderen drei Linien. Na hoffentlich warten sie nicht umsonst.

Mein Ziel, Eschersheim, erreiche ich mit 7 Minuten und 23 Sekunden Verspätung. Ich haste zu meinem Ziel, erreiche es völlig verschwitzt. In gut einer Viertelstunde geht die Veranstaltung los. Das war knapp.

Wider Erwarten verläuft die Rückfahrt, etwa zwei Stunden später, allerdings mit einer Bahn der Linie 3, völlig komplikationslos.

Nein, Freunde werden wir nicht, die Straßenbahn und ich. Auch wenn ich diesmal mit der U-Bahn unterwegs war.