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Früher gab es mitten im Zentrum jeder Stadt, die etwas auf sich hielt, ein Kaufhaus. Heute nennt man solch einen Einkaufstempel, „Center“, „Galerie“, „Einkaufspark“, „My Shopping“ oder sonst wie. In größeren Städten gibt es gleich  mehrere davon, in den kleineren sucht man vergebens. Es sind Riesenläden und doch gleichen sie sich alle irgendwie. In Parterre riecht es mächtig nach dreiundsiebzig verschiedenen Sorten Parfüm gleichzeitig. Ein Stinkerstand neben dem anderen, zwischendurch gibt es Schmuck billigster Couleur zu Preisen, als wäre er aus Gold. Man sieht fast nur gelangweilte Verkäufer. Wo sind die Kunden? Die hasten unwirsch vorbei. Irgendwo dahinten ist die Rolltreppe. Auf jeder Etage rennt man einmal um die Fahrtreppe rund herum, um die nächste Spur nach oben zu finden. Dummerweise sind die Klos meistens oben im siebenten oder neunten Stockwerk.

RolltreppenWer ist schon so verrückt, diese umständliche Reise auf sich zu nehmen, nur weil die Blase drückt? Wohin kann man sonst gehen, um seine dringenden Bedürfnisse zu befriedigen?

Eine Möglichkeit wäre die Toilette unten in der U-Bahnstation, wenn die geöffnet ist und auch nicht geflutet wurde, weil die Abflussrohre mal wieder verstopft sind und der Drücker am Zylinder festklemmt, statt den Fluss zu unterbrechen. Apropos „Brechen“: Der Duft der Bahnklos ist meist schlimmer als die radioaktive Wolke dazumal aus Tschernobyl.

Eine andere Möglichkeit wäre die Burgermanufaktur ein paar Ecken weiter. Allerdings sind Pinkelkunden dort nicht gern gesehen. Die Dame an der Kasse rückt den Schlüssel für die Klotür nur an Kunden heraus, welche drei Doppelknusperkäseburger mit Pommes, Salat und Dreiliterbecher Cola kaufen. Da kostet einmal Pinkeln siebzehn Euro zwölf. Und der ganze Kladderadatsch, den man erstehen musste, fliegt anschließend in den Müll. Wer will so etwas schon essen! Ein normaler Hamburger, meinetwegen ein halber Doppelwopper oder ein kleiner MeckBick, das ginge ja gerade noch so. Vielleicht mit einem doppelten Wodka dazu, zur Entgiftung und Beschleunigung der Verdauung. Und nach dem Supertrooper-Riesenbecher muss man dann gleich dreimal … Dreimal 17,12 € – Wer kann sich das schon leisten?

ToilettenAlso heißt es hoch ins siebente Geschoss der Einkaufscentergalerie. Dort kostet einmal Strullern nur ‘nen Fünfziger – eine Münze, keinen Schein. Statt Schlüssel steht hier Madam Pipi mit eisernem Blick und erst heute früh ausgewaschenem Scheuerlappen in der Hand. Überlaufen geht hier nicht, wir sind schließlich 35 Meter über der Stadt. Bis die vollgelaufen ist, dauert es ein Weilchen.

Fahrstuhl

Fahrstuhl

Man kann natürlich auch den Fahrstuhl nehmen. Hinten links in der Ecke gibt es gleich drei Aufzüge nebeneinander. Davor warten gewöhnlich etliche Leute. Alle gieren darauf, welcher Aufzug als Nächstes ankommt. Dann gibt es ein Gedränge. Alle möchten rein, niemand merkt, dass es günstiger wäre, wenn erst einmal eine Kompanie Leute aussteigen würde. Und dann ist da auch noch die Dame mit dem Zwillingskinderwagen und der Herr mit Rollator. Nach drei Minuten haben sich alle wieder sortiert. Im Idealfall sind keinerlei Kollateralschäden an Mensch und Material entstanden; vielleicht außer ein paar blauen Flecken abgerissenen Knöpfen, verlorenen Hüten und abhandengekommenen Kindern, Ehepartnern oder Liebhabern. Die nehmen dann den nächsten, übernächsten, überübernächsten … Lift oder fix mal die Treppe. Die Durchsage
„Klein Kevin sucht seine Mama!“, ist auch eine Möglichkeit.

So ein Aufzug ist beziehungstechnisch eine Revolution.

„Alle viereinhalb Minuten verlieben sich zwei Fahrstuhlfahrer!“ Wo steht man sonst so eng aneinandergeschmiegt? Der Zufall würfelt die Paare zusammen. Speeddating ist angesagt, gute Vorbereitung von Vorteil und man darf keine Hemmungen haben, seine Sprüche vor aller Ohren aufzusagen.

Neulich fuhr auch ich im Kaufhaus mit dem Fahrstuhl. Grund und Ziel meiner Reise erläuterte ich bereits.

FahrstuhlIch stand genau an der Tür und verließ mich darauf, dass irgendwer die „Sieben“ gedrückt hat. Eine andere Möglichkeit gab es für mich sowieso nicht. Und das mit dem Verlieben kam gerade nicht infrage, klemmte ich mit eingezogenem Bauch direkt an der Tür, die sich mit müh und Not schloss. Hinter mir stand eine Dame. Nein, hochschwanger mit Siebenlingen war sie nicht und Knoblauch hatte sie gefressen, etwa dreieinhalb Kilo, mindestens.

„Was ist das?“, der Fahrstuhl fährt nach unten in die Tiefgarage, „Was soll ich dort?“ Dann hielt er mit einem zarten Ruck. Und plötzlich war der Fahrstuhl fast leer, nur die Hälfte seiner vorgesehenen Zuladung wurde erreicht. Die Knoblauchdame stand immer noch in meiner Nähe, wollte wohl auch nach oben. Weiter ging es, diesmal hoch ins Erdgeschoss, wo ich kurz zuvor eingestiegen war. Hier drängelten Menschenmassen in den Fahrstuhl. Quälend langsam schob sich die Tür vor die Leute, gemächlich setzte sich der Lift in Bewegung.

Nach zehn Zentimetern Fahrt begann, die Luft knapp zu werden. Kurz vor der Massenohnmacht erreichte der Fahrtstuhl die nächste Etage. Die Tür schrammte an etlichen, mühsam eingezogenen Bäuchen entlang, die sich sogleich lustvoll entfalteten. Dann quoll die Masse heraus. Standhaft verteidigte ich meinen Platz, ließ gerne und mit einem Lächeln im Gesicht etwa dreiundneunzig Einkaufswütige passieren. Gierig sog ich ein paar Luftmoleküle auf.

Hund

Im selben Moment stürmten eine Schulklasse Pubertierender und etliche anderer Leute in den Fahrstuhl. Eine Tasche wurde auf meinem linken Fuß abgestellt. Da waren bestimmt Wackersteine drin. Ein Hund, Marke „kleiner Goldhamster“, wuselte ängstlich zwischen aller Leute Beine herum. Seine Leine fesselte mehrere Passagiere und ein heftiger Disput entstand. Ein gefährlich klingendes Kläffen beruhigte die Gemüter, es war wohl mehr Angst als Entspannung. Dann saß der Kläffer unter dem mitleidsvollen Blick seines Frauchens in deren Handtasche, eingezwängt zwischen den Körpern, Taschen und Rucksäcken der laut palavernden Schüler. Leider stand die Knoblauchfresserin immer noch hinter mir und blies mir ihre Duftwolke von hinten in den Kragen.

Dann passierte es. Es passierte, dass nichts, reinweg Garnichts passierte. Ich stand, in Erwartung der sich schließenden Tür, mit eingezogenem Bauch vor dieser imaginären Wand. Die Luft hatte ich vorsichtshalber tief ausgeatmet. Ein junger Mann, so Anfang Fünfzig, ließ zur Volumenreduzierung knapp einen Meter über Grund lautstark einen Liter gasförmiger Verdauungsprodukte ab. Letztere verbesserten die knoblauchgeschwängerte Luft nicht unerheblich – dachte ich. Mit angehaltenem Atem riecht es sich schlecht. Lange konnte ich das Luftholen nicht mehr unterdrücken und dabei auch noch den Bauch einziehen. Doch was half es, ich musste da durch, ich wollte schnell in die Siebente.

Plötzlich rief einer: „Da steht ‚Überlastung – Der Fahrstuhl ist nur für 24 Personen oder 1500 kg zugelassen!‘“ Tatsache, die Anzeige blinkte rot und nichts tat sich. Im Kopf überschlug ich fix: „1500 kg geteilt durch 24 Personen … das ergibt gut 60 Kilo Durchschnittsgewicht.“ Na gut, wenn der Kindergarten Betriebsausflug macht, mag das funktionieren. Hier stehen allerdings gerade ganz andere Kaliber.

Niemand rührte sich. Die vier, nein, inzwischen warteten schon sieben Personen und drei Kinderwagen vor dem Aufzug, grinsten hämisch, als sie dieses Malheur mitbekamen. Die hatten längst eine günstige Ausgangsposition für einen der anderen Fahrstühle.

Meine erste Reaktion war: Einatmen. Dann gewährte ich meinem Bauch wieder die gewohnte Freiheit. Irgendwer muss sich erbarmen und rausgehen! Doch niemand überwand sich.

„Sollen doch die anderen aussteigen!“, dachten wir alle gemeinsam im Chor. Das klappte sogar ohne Noten und Dirigent!

Endlich, eine junge Frau – Typ bulemischer Fettwanst, gut 195 cm Körperhöhe, bei 62,4 kg Lebendgewicht – opferte sich wild drängelnd, böse blickend und verließ die Kabine. Diese Erleichterung reichte dem Fahrstuhl nicht. Er ließ seine Anzeige weiterhin rot blinken. Die Dicke hinter mir könnte doch … Das wäre garantiert das eine Gramm oder der entscheidende Doppelzentner Entlastung für die Weiterfahrt. Aber die stand wie ein Fels in den Alpen, festgewachsen seit Jahrmillionen: ein Knoblauchduft speiender Vulkan.

HerzhäuschenIch spürte wieder den Grund meiner Fahrt. So auf halber Höhe meines Körpers drückte etwas mit zunehmender Tendenz. Es war durchaus unangenehm. Doch die Dicke hinter mir war es nicht. Es kam aus dem Innern. Genau in diesem Augenblick huschte ein wilder Entschluss wie ein Gepard in mein Gehirn. Schnurstracks sprang ich ganz, ganz langsam, beinahe wie eine schlanke Gazelle in doppelter Zeitlupe aus der Fahrstuhlkabine. Schnell bewegen wäre jetzt ungünstig. Das Ventil reagiert bei zunehmenden Druck sehr sensibel auf Erschütterungen. Im selben Moment hörte ich eine Glocke. Es war der ankommende Nachbarfahrstuhl, dessen Tür sich langsam öffnete. Eine Wand aus Leibern stand darin. Niemand rührte sich. Für mich war es eine Wohltat, dies zu sehen. Nein, Mitleid empfand ich nicht. Nur dieses erbärmliche Drücken, den dringenden Wunsch, einem dringenden Bedürfnis endlich nachkommen zu können. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich die Tür meines Fahrstuhls langsam schloss. Ich atmete tief ein und verspürte keinen Hauch von Knoblauch.

Rolltreppe

„Wo ist die nächste Rolltreppe nach oben?“

 

Fotos: pixabay.com