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Neulich war ich mal wieder unterwegs. Köln war mein Ziel. Das ist nicht weit, dorthin kommt man in Windeseile, zumindest von Frankfurt aus gesehen.

„Nächster Halt ‚Basler Platz‘. Alle Schweizer bitte aussteigen. Super Gag! Und am Goetheplatz müssen alle Dichter raus – aber nur, wenn sie dicht sind. Hihihi!“, tönt die Stimme eines hessischen Comedians aus dem Lautsprecher der Straßenbahn, meiner geliebten Linie 16 in Frankfurt. Ich finde es nur albern, aber das liegt vielleicht an Uhrzeit, Stimmung und persönlichem Gusto. Ich bin froh, dass die nächste Station, der Hauptbahnhof, „ordentlich“ angesagt wird.

Mein Zug nach Köln wird sicher gleich bereitgestellt. Auf dem Wagenstandsanzeiger suche ich meinen Wagen Nummer 24. Den ICE 816 gibt es hier gleich viermal, je zweimal Montag bis Freitag und Samstag; je zweimal vor und nach dem 1. Juli. Da benötigt man eine kleine Ewigkeit, bis man den richtigen Zug im Auge hat. Bei keinem gibt es einen Wagen mit der Nummer 24. Immer folgt auf die 23 gleich die 25.
„Die können nicht zählen“, schlussfolgere ich messerscharf.

Ich habe nun mal einen Sitzplatz im Wagen Nummer 24 zugewiesen bekommen. Was tun? Ich beschließe, Fachkräfte, am besten die Schaffner, zu befragen. Die stehen in einem gelb markierten Bereich. Ist das der Schaffnerwartebereich? Nein, die beiden rauchen, es ist der Raucherbereich. Das ist so etwas wie der Pinkelbereich im Schwimmbad. Nur hier ist der Randbereich gelb markiert. Im Schwimmbad färbt sich das Wasser von Chlorgrün nach Gelb. Nein, diese Beiden spreche ich nicht an, die haben Mundgeruch. Kaum 20 Meter weiter warten zwei andere Schaffner.
„Doch, den Wagen 24 gibt es im Zug, steigen sie in Wagen 30 ein, ich aktualisiere die Wagen- und Platzanzeige sowie ich im Zug bin“, sagt mir die freundliche Schaffnerin.

Tatsächlich fährt eine Minute später der Zug ein, und ich entere Wagen 30, der kurze Zeit später in den Wagen mit der Nummer 24 mutiert.

Dann geht es los, pünktlich. Die Brockenbahn dampft deutlich schneller als diese Spitzentechnik der deutschen Eisenbahntechnologie. Zu Fuß wäre selbst ich eher am Flughafen Frankfurt als dieser ICE. Dann gibt der Lockführer überraschend Gas. Oder muss es bei einem elektrischen Zug heißen „Er gibt Strom“? Egal, die Geschwindigkeit liegt bald im mittleren zweistelligen Bereich. Wir haben beim ersten Halt nur fünf Minuten Verspätung, das ist rekordverdächtig.

Von nun an geht es in Tiefflug voran. Die Landschaft fliegt regelrecht an mir vorbei. Spontan bekomme ich Appetit auf ein frisches Brötchen mit Limburger Käse. Nächster Halt ist Limburg. Doch Limburger Käse kommt aus dem Supermarkt und dorthin findet er seinen Weg aus dem belgischen Herzogtum Limburg. Wir sind in Hessen. In Limburg hat man Stil. Hier pflegt man seine staubigen Füße in goldenen Badewannen zu schrubben. Käseduft ist hier nicht angesagt. Allerdings: Seit Tebartz-van-Elst den Job als Bischof von Limburg aufgeben musste, badet man seine müden Treter sicher in einer schnöden Plastikschüssel, vielleicht einer mit synthetischem Goldrand.

Wieder gibt der Lockführer Strom, aber nur bis Montabaur. Diesen Ort kenne ich erst, seitdem es hier einen ICE-Bahnhof gibt. Anfangs konnte ich mir lange Zeit den Ortsnamen nicht merken. Dank meiner Eselsbrücke „Montagsbauer“, klappt es mittlerweile. Montage und der bäuerliche Beruf sind eher am Ende jeder Hitliste zu finden. Doch als „Montagsbauer“ hat man immerhin sechs freie Tage pro Woche. Das gleicht die Unannehmlichkeiten aus. Wenn die Bezahlung stimmt, ist das sogar ein Traumberuf. Da nimmt man den Gestank im Schweinestall gern in Kauf. Gibt es auch Dienstags-, Mittwochs-, …und Sonntagsbauern? Man darf die Tierchen nicht verhungern lassen. Die sollen ordentlich und vor allem schnell dick und rund werden!

Montabaur ist bekannt durch einen, durch meinen Internetprovider. Der transportiert die Daten so schnell, wie die Deutsche Bahn ihre Fahrgäste, manchmal wie die erwähnte Brockenbahn. Spam in Form von Rechnungen legen die auch in mein Postfach. Und neulich … neulich haben die eine wichtige Mail nicht zugestellt. Nur weil ich kleines Schusselchen zwei Buchstaben vertauscht hatte. Als die Mail zurückkam, sah ich sofort, was los war. Wir schreiben das 21. Jahrhundert, die haben mehr Computer als ich und bekommen solche Kleinigkeiten nicht repariert! Na, das ist ein Laden!

Zwischendurch kommt der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle. Ich befürchtete schon, umsonst bezahlt zu haben. Für mein Geld erwarte ich wenigstens eine ordentliche Fahrscheinkontrolle.

Plötzlich steht ein Herr mittleren Alters, mit blauer Krawatte und vielen Zetteln in der Hand neben mir. Er blickt mich mürrisch an, ich blicke mürrisch zurück. Der Kaffeefleck auf dem blauen Grund der Krawatte ist nicht zu übersehen.

„Guten Tag“, sagt er. Sein Benehmen ist in Ordnung, finde ich, obwohl ich keine Lust auf irgendein Gespräch mit ihm habe. Ich nicke artig und mit fragendem Blick zurück.
„Darf ich Ihren Fahrschein sehen? Wir machen gerade eine Fahrgastbefragung.“ Wer ist „wir“? Schließt er mich in sein „wir“ mit ein? Da ist er völlig auf dem falschen Dampfer!
„Nö!“, entgegne ich, „Außer wenn sie die Heizung einschalten. Hier ist es saukalt!“ Lang und ausführlich erklärt er, dass die Klimaanlage fest eingestellt ist und er da nichts machen könne, nicht einmal der Schaffner kann das. Die Klimaanlage wäre optimal auf die Bedürfnisse der Fahrgäste abgestimmt und jeder Fahrgast empfinde das anders. Mir jedenfalls ist kalt wie Rahmspinat im Tiefkühlfach. Er bittet mich noch einmal, dass ich ihm den Fahrschein zeige und er mir einige Fragen stellen darf.

„Die Befragung ist natürlich freiwillig und absolut, wirklich absolut anonym.“
„Na gut“, willige ich ein, „weil Sie das sind“, und reiche meinen Fahrschein rüber.
„Nein, nicht mir zuliebe, für die Bahn sollten Sie das tun.“
„Kommt gar nicht infrage! Die Bahn lässt mich frieren.“

Er schaut sich den Fahrschein an. Er ist zufrieden, sein Ziel erreicht zu haben.

„Wo wollen sie hin?“
„Nach Hause.“
„Sie wohnen in Köln?“
„Nein, in München.“ Da wohne ich natürlich nicht, aber die Wahrheit geht die Bahn überhaupt nichts an. Und nach Hause will ich in diesem Moment wirklich. Leider muss ich nach Köln, egal ob mir das gefällt oder nicht. Es gibt Schlimmeres, aber auch Schöneres, meine häusliche Couch beispielsweise.

„Sie fahren nach Köln“, stellt er fest.
„Ja“, entgegne ich wahrheitsgemäß.
„Und in Köln?“ Was ist das für eine Frage! Da fehlen Subjekt und Prädikat. Mir beginnt, dieses Spiel Spaß zu machen. Es vertreibt die Zeit ein wenig.
„In Köln“, entgegne ich, „gibt es einen hübschen Dom.“
„Den wollen Sie sich anschauen?“
„Nö, kenne ich schon.“
„Und was machen Sie in Köln?“
„Aussteigen. Da endet der Zug.“
„Und dann?“ Der ist vielleicht neugierig. Wieso möchte die Bahn wissen, weshalb ich in Köln aussteige? Funktioniert die Klimaanlage in den Zugabteilen dadurch besser? Genau in diesem Moment habe ich eine Idee.

„Kennen Sie Köln?“, frage ich.
„Ja“, entgegnet er.
„Ich brauche Ihre Hilfe. Ich suche die Straßenbahnhaltestelle.“
„Am Bahnhof gibt es keine Straßenbahnhaltestelle. Dort fahren nur Busse ab.“
„Nicht mal eine Straßenbahn haben die in Köln, was für eine arme Stadt!“
„Doch, die haben eine Straßenbahn. Aber nicht direkt am Bahnhof.“
„Muss ich weit laufen?“
„Wo wollen Sie denn hin?“ Ich erkläre ihm, wie mein Hotel und wie die Straße heißen. Er hat sogar einen Stadtplan von Köln parat und erklärt mir sehr umständlich, wie ich dorthin komme.

„Wissen Sie was? Ich wollte sowieso ein Taxi nehmen.“ Der Befrager scheint ein wenig frustriert zu sein. Das verstehe ich nicht. Wir führen doch eine nette Unterhaltung. Inzwischen nähern wir uns dem Kölner Hauptbahnhof, Köln-Deutz rauscht schon an uns vorüber. Er gibt auf und verabschiedet sich freundlich.

Nein, Freunde werden wir nicht, die Bahn und ich. Die ist ja noch schlimmer als meine Linie 16 der Frankfurter Straßenbahn.