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Lange war ich nicht mit meiner „geliebten“ Linie 16 unterwegs. Kürzlich war es wieder soweit. Ich wollte vom Otto-Hahn-Platz zum Buchrainplatz in Frankfurt-Oberrad fahren.

Ich möchte nicht unnötig meckern. Der Fahrkartenautomat funktioniert, die Bahn kommt pünktlich. Der planmäßige Umstieg in den Schienenersatzverkehr nahe des Südbahnhofs klappt problemlos: ich finde einen Sitzplatz ganz vorn, quasi auf dem Beifahrersitz. Mein Fahrschein wird nicht kontrolliert und pünktlich steige ich an meinem Ziel aus.

Busfahrer möchte ich wirklich nicht sein. So ein Riesending von Bus, das geradeso durch die Straßen passt, mit Müh und Not die Kurven meistert, lässt mich hochachtungsvoll vor dem Fahrer oder der Fahrerin niederknien. Na gut, ich gehe nur in Gedanken nach unten, es ist eher so eine Art Bewunderung.

Diesmal sitzt eine Frau am Steuer, eine mit breitem Dauergrinsen im Gesicht. Lässig trommelt sie mit den Fingern aufs Lenkrad, schließt die Türen, der Bus geht automatisch in die waagerechte Fahrposition, sie haut den Gang rein und ab geht es.

Schon vor der ersten Linkskurve stößt sie einen Fluch aus. Ein PKW kommt entgegen, die Straße ist schmal und sie muss ein wenig abbremsen.

Kurz darauf kommt eine Kreuzung, eine ohne Ampel, eine an der die Vorfahrt der Verkehrsteilnehmer auf der Hauptstraße zu beachten ist. Sie schiebt ihre Riesenkiste, eine klitzekleine Fahrzeuglücke ausnutzend, schon mal soweit auf die Hauptstraße, dass die Fahrzeuge der rechten Spur auf den linken Fahrstreifen wechseln müssen. Das machen sie auch, was dieser grinsenden Lenkraddreherin eine Folge von Flüchen entlockt. Es riecht nach Stau. Ich glaube, die Frechheit mit welcher sie für ihr Gefährt eine Lücke zum Einschwenken fordert, animiert alle Fahrer, diesen Wunsch zu ignorieren. Ein gewisses Verständnis dafür kann ich wirklich nicht leugnen. Irgendwann klappt es dann, in weitem Bogen schwenkt sie auf die Darmstädter. Eine Smart-Fahrerin scheint aus Angst vor diesem Brummer etwas zögerlich zu fahren. Und sie, die Busfahrerin, nutzt diese Schwäche gnadenlos aus. Wir sind im Krieg, mitten in Frankfurt, im Verkehrskrieg, der jeden Abend in der Rushhour tobt. Nur die Stärksten kommen an ihr Ziel. Ist es morgens genauso schlimm?

An einer der nächsten Ampeln kalkuliert sie die Grünphase für sich ein. Allerdings liegt sie mit ihrer Überlegung etwas daneben und die Fahrgäste werden heftig gegen die Vordersitze gepresst. Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass die Bremsen des Busses ordentlich funktionieren. Das Abbremsen dauert nur ein Moment, denn als das Gefährt Schrittgeschwindigkeit erreicht, schaltet die Ampel brav auf Grün. Was macht ein Fahrer in solchem Fall? Vollgasgeben natürlich. Auch ein Bus kann ordentlich beschleunigen. Bei all diesen Aktionen vergesse ich, auf das Fluchen der Fahrerin zu achten. Irgendwie ist mir nicht mehr so richtig wohl zumute. „Werde ich mein Ziel – heute noch – ohne körperliche, nur mit reversiblen psychischen Dellen erreichen?“, schießt ein Gedanke durch meinen Kopf. Dellen am Bus sind mir einigermaßen egal, sofern niemand in Mitleidenschaft gezogen wird.

„Frau am Steuer, das wird teuer“, sagte der Macho dazumal. Allerdings fahren Frauen in der Regel sehr viel vorsichtiger als Männer. Manchmal äußert sich diese Vorsicht auch durch elendiges Bummeln, gerne mit 80 km/h auf einer für 100 zugelassenen Bundesstraße, oder mit 30 vor einen Starenkasten in der Innenstadt, wo man 50 fahren darf. Beim Überholen blicke ich dann nach rechts um mir dieses Fräulein anzuschauen. Merkwürdigerweise sitzt dort häufig ein Mann. Tauschen die während der Fahrt die Plätze?

Neulich las ich einen interessanten Artikel, ich habe mir nicht gemerkt, wo ich ihn las, vielleicht auf Spon. Forscher fanden heraus, dass es einen neuen Typus Fahrerin gibt: Geschäftsfrau, Managerin, so zwischen 30 und 50, PS-starker Wagen häufig mit Stoffverdeck, attraktiv, modern gekleidet, hohes Risiko für größere Unfalle, weil sie sehr dynamisch unterwegs ist. Letzteres bezieht sich auf die Fahrweise. All diese Eigenschaften, passen, wenigstens halbwegs auf die Fahrerin dieses Busses, in dem ich sitze.

Am Buchrainplatz, meinem Fahrziel, steige ich aus und atme erst einmal tief durch. Hoffentlich sitzt auf der Rückfahrt eine andere Fahrerin am Steuer, vielleicht diejenige von vor vier Wochen. Dann fühle ich mich auch in einem RMV-Bus wieder sicher.

Nein, Freunde werden wir nicht, die Straßenbahn, der SEV und ich.