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Kaufmann Tell

 

 

Eine Reise in die Unterwelt

oder … In jeder Mauerritze lauert ein Gespenst

Kürzlich durfte ich zusammen mit zwei Autorenkolleginnen unserer Autorengruppe ARS Autoren RheinMain Szene e.V. in Mainz im Vinarmarium lesen. Das Weingut Kaufmann aus Hattenheim im Rheingau veranstaltete eine Weinverkostung und wir Autoren hatten jeweils zu einem der angebotenen Weine eine Geschichte geschrieben. Zusammen mit mir standen Agga Kastell und Meike Möhle auf der Bühne.

„Mein“ Wein war der „Tell“, ein Cuvee verschiedener Rieslinge. Der Name „Tell“ sowie sein Etikett zeigen die Herkunft des Winzers Urban Kaufmann aus der Schweiz. Es ist ein köstlicher Tropfen. In meiner Geschichte beschreibe ich die (fiktive) Geschichte des Weinguts, seines Winzers und seiner Lebensgefähtin Eva Raps. Hier ein kurzer Ausschnitt:

Es war im Jahr 1307, in jenem Jahr, als Wilhelm Tell seinen berühmten Apfelschuss wagte. Im tiefen Schweizer Land, in Appenzell lebte dazumal ein Bauer, welcher nebenbei aus der Milch seiner Kühe Käse bereitete. Er hatte das Handwerk von seinem Vater erlernt. Der wiederum bekam das Wissen von seinem Vater. Wilhelms Zwillingsbruder, welcher nur Augenblicke vor ihm das Licht der Welt erblickte, erbte den Bauernhof samt Käserei. Also musste Wilhelm nach der Lehre in die weite Welt ziehen. Fünf Jahre lang war er unterwegs. Hier und dort machte er Station, verdingte sich für Wochen bei dem einen oder anderen Bauern, half bei der Getreideernte, der Versorgung des Viehs und versuchte sich das eine und andere Mal in der Kunst des Käsemachens. Ja, es war eine Kunst, denn Wilhelm zelebrierte sie wie ein Magier. Niemand durfte ihm zuschauen. Oft wurde er verspottet, allerdings nur solange, bis die Ergebnisse seiner Arbeit auf dem Tisch lagen und verkostet wurden. Gerne hätte ihn manch ein Bauer als Knecht behalten. Einer bot ihm gar die einzige Tochter als Frau an. Doch nirgends gefiel es Wilhelm, immer zog weiter.

Im fünften Jahr kam er im Rheingau an. Es ging auf den Herbst zu und die Winzer suchten Helfer für die Weinlese. Die süßen Beeren hatten es Wilhelm angetan, ein Dach überm Kopf und ein wärmender Strohsack nebst Schaffellen auf der Bettstatt kamen ihm gerade zupass.

Die Arbeit ging ihm schnell von der Hand und schon kurze Zeit später stieg ihm das eine um das andere Mal der junge Wein prickelnd in den Kopf. Eines Sonntagabends, er war wieder hübsch angeheitert, machte er sich an die Tochter des Winzers heran. Bernhardine war ein hübsches Mädel. Er tat schweizerisch stürmisch und sie konnte ihm nicht widerstehen. Hatte sie auch von dem berauschenden Saft getrunken? Jedenfalls wurden die Beiden in den Morgenstunden von der Magd Pauline mit dem Reisigbesen aus dem Heuschober hinter der Scheune getrieben.

Pauline war sauer auf Wilhelm, da sie selbst mehr als ein Auge auf ihn geworfen hatte und Bernhardine sowieso nicht die standesgemäße Wahl für Wilhelm war. Die war längst dem Sohn eines Winzers aus dem Nachbarort versprochen, einem gewissen Ferdinand, den niemand, am wenigsten Bernhardine, leiden mochte. Doch es passte so gut, Bernhardine mit Ferdinand zu verkuppeln, da die Weinberge beider Winzer so günstig beieinander lagen. Nur ein Bächlein, gespeist aus dem Wisselbrunnen, trennte sie voneinander.

Eine Woche später besuchte Wilhelm reumütig diese Pauline. Es war ihr Ultimatum, das ihn zu ihr trieb. Sonst hätte sie der Winzerin … Und dies wäre für Wilhelm und Bernhardine eine Katastrophe gewesen. Wer weiß, ob Ferdinand dann noch an Bernhardine interessiert gewesen wäre. Andererseits war auch Pauline ein ansehnliches Weib, eines, das die Kunst der Verführung bestens beherrschte, eines das seine Bockspfeife zu den höchsten, sinnlichsten und wunderschönsten Tönen trieb und ihn zum Anschlagen ihrer üppigen Wonneglocken verleiten konnte.