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Verflixte Weihnachtszeit

Verflixte Weihnachtszeit (Foto: pixabay.com)

Die Weihnachtsvorbereitungen laufen auf Hochtouren. Es ist der alljährliche Stress. Trotz aller Routine rennen alle wie aufgescheuchte Hühner herum.

Der Weihnachtsmann und seine Helfer, die Weihnachtswichtel, wissen: Alles wird gut, alle Geschenke werden rechtzeitig eingepackt, alle Plätzchen werden gebacken sein, jedes kleine und große Kind erhält pünktlich seine Geschenke.

Da geschieht eine Katastrophe nach der anderen. Muss Weihnachten etwa ausfallen?

Verflixter Qualm in der Weihnachtsbäckerei

Ein lieblicher Duft erfüllt die Luft. Es riecht nach frischen Plätzchen, Mohnstollen, Lebkuchen, Mandelhörnchen und Marzipankuchen. Dreiundzwanzig Wichtel und der Oberbäcker Nelke sind am Werke, alle leckeren Naschereien für das Weihnachtsfest zu produzieren. Es geht hektisch zu, doch sie liegen gut im Zeitplan: nur vier Wochen im Rückstand. Für Nelke steht fest:
„Was sind diese vier Wochen im Vergleich zum Berliner Flughafen! Das holen wir locker wieder auf.“ Vor drei Jahren lagen sie am vierten Advent sogar sieben Wochen hinter dem Plan. Trotzdem hat jedes kleine und große Kind seine Portion, wie bestellt, erhalten. Sicherheitshalber geht er an alle Backplätze, kontrolliert die Arbeit der Wichtel und ermuntert sie, nicht nur schneller zu arbeiten, sondern auch ein paar Überstunden zu machen. Er hat den Gewerkschaftswichtel mit einer Flasche Rum bestochen. Der liegt nun auf der Couch und schläft seinen Rausch aus. Nelke ist zuversichtlich, dass alles klappt, so wie letztes Jahr, wie vorletztes Jahr, wie bisher jedes Jahr. Er genehmigt sich eine Pause und schnarcht gleich im Takt der Kuchenteigknetmaschine.

Plötzlich schreckt Nelke hoch. In der Bäckerei ist ein Höllenlärm ausgebrochen. Er hört nur:
„Mist, Verdammter!“, „Elende Sauerei!“, „Verflixt!“ und „Hilfe!“ Als ein Wichtel verzweifelt schreit:
„Jetzt fällt Weihnachten aus!“, ist Nelke hellwach. Er rennt in die Backstube und sieht das Malheur. Der Marmeladenkessel vom Plätzchenbackautomaten ist geplatzt. Die ganze Marmelade, Kirsch-, Himbeer-, Erdbeer-, Orangen- und Limettengeschmack hat sich im Backhaus auf Fliesen, Wänden und Maschinen verteilt. Er erkennt keinen der Wichtel. Alle sind in den süßen Fruchtaufstrich gehüllt. Nur ihre Zungen schlecken die Süßigkeit rund um ihre Münder, von Händen und Armen ab.

„Ojemine!“, entfährt es Nelke. Dann schickt er die Wichtel unter die Dusche. In zehn Minuten sollen sie mit frischen Sachen wieder in der Backstube stehen. Zuerst wird sauber gemacht. Das ist das Wichtigste. Nelke lässt die Nockenwellen aller Maschinen mit Butter schmieren. Noch einen Ausfall können sie sich nicht leisten. Alsdann wird weitergearbeitet. Nelke ruft in der Maschinenfabrik an und bestellt einen neuen Marmeladenkessel.
„Kein Problem!“, sagt die Dame in dieser Fabrik, „In drei Wochen kommt unser Monteur zur Reparatur.“
„Dann ist Weihnachten vorbei!“, flennt Nelke. Lange kann sich Nelke seinem Frust nicht hingeben. Wieder dringt Geschrei aus der Backstube, Geschrei vermischt mit schwarzem Qualm. Nelke reißt das Portal auf, hat schon den Feuerlöscher in der Hand. Bevor er den Brand löschen kann, ist der Schmauch durch Fenster und Türen abgezogen. Ein Mohnstollen ist angebrannt und hat den Qualm verursacht. Nick, einer der Backwichtel, steht mit gesenktem Haupt neben dem Mohnstollenbackofen. Er war für die Mohnstollenbäckerei eingeteilt und hat, statt auf den Backofen zu achten, auf dem Handy gedaddelt.
„Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass ein Handy nicht in die Backstube gehört!“, schimpft Nelke, „Diesen Kohlestollen können wir doch niemandem schenken!“ Er nimmt Nick das Gerät weg.
„Das bringt dir der Weihnachtsmann, doch nur, wenn bis Weihnachten alle Mohnstollen fertig gebacken sind!“ Nick verspricht es kleinlaut und macht sich an die Arbeit. Willi, der Lebkuchenbäcker grinst hämisch. Nelke blickt ihn nur eine Zehntelsekunde lang ernst an und atmet laut hörbar ein. Sofort kümmert sich Willi wieder um seine Lebkuchen. Zum Glück arbeitete er einen kleinen Planvorsprung von sieben Lebkuchenherzen heraus. Er wird sich dann, wenn Nelke mal nicht zuschaut, helfend um Nick kümmern.

Während Nelke überlegt, wie er die Katastrophe mit dem Plätzchenbackautomaten aus der Welt schaffen kann, kommt Rosi, die Lagerverwalterin angerannt.
„Nelke, wir haben keine Rosinen mehr. Wir hatten sieben Zentner bestellt. Nun sind sie alle.“ Leise sagt sie, „Ich glaube, die Backwichtel naschen zu viel.“

Normalerweise würde Nelke anfangen, mit seinen Wichteln mächtig zu schimpfen. Allerdings müsste er sich dann selbst am meisten rüffeln. Jedes Mal, wenn er durch die Backstube läuft, greift er in die Rosinenschüssel und schiebt sich eine Handvoll Weinbeeren in den Mund. Man sieht es ihm an. Von nichts kommt nichts.

Nelke beschließt, die Rezepturen umzustellen. Bei den Plätzchen ist das kein Problem. Statt Kekse mit obendrauf gekleckster Marmelade, nehmen sie nun eine Mandel. Aber Stollen ohne Rosinen? Geht das überhaupt? Nelke sucht das Rezeptbuch. Im Schrank herrscht eine totale Unordnung. Das Buch mit den Rezepten ist nicht zu finden. Hat es sich in Luft aufgelöst?

Nelke ist ratlos, Nelke ist mit seinem Latein am Ende. In wenigen Tagen ist Weihnachten, Weihnachten ohne Marmeladenkekse und Rosinenstollen. Hilfe!


So endet die zweite von insgesamt sechs Katastrophen, welche in diesem Jahr während der Weihnachtsvorbereitungen im Weihnachtsland passieren. Ist noch etwas zu retten? Oder muss gar Weihnachten ausfallen?

Die Antwort auf diese Fragen liefert die siebente Geschichte. Sie ist, neben den 5 weiteren Katastrophen in dem Heftchen „Verflixte Weihnachtszeit“ (Band 3 der Reihe „Ausgesucht“ von Rainer Franke) zu finden

Der Autor

Rainer Franke lebt in Thüringen und sucht seine Themen im Alltag, auf der Straße, im Supermarkt, in der Straßenbahn, im Büro, … Es sind zwischenmenschliche Beziehungen, die er in Liebesgeschichten, Krimis und Zukunfts­visionen verarbeitet.
Geschichten für kleine und große Kinder runden das Spektrum seiner Arbeiten ab.