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Schuhe 21. Jahrhundert

Schuhe 21. Jahrhundert

Es ist Frühling an der Ostsee – die schönste Jahreszeit, vor allem, wenn man Urlaub hat.

* * *

Zwei Männer warten vor einem Schuhgeschäft in der Zingster Innenstadt. Die Gesichter verraten ihre Stimmung: Langeweile pur. Zwei Schritte nach links, ein kurzer Blick ins Schaufenster, vier Schritte nach rechts, ein kurzer Blick ins andere Schaufenster, müdes Gähnen und sehnsuchtsvolles Mustern des Eingangs. „Wo bleibt sie nur?“ oder „Das wird wieder teuer!“ Man spürt die Schwere ihrer Gedanken. Zwei Schritte nach links … Das ist ihre Welt seit fünf Minuten, die sich wie eine Dreiviertelstunde anfühlen.

Ihre Blicke treffen sich. Völlig synchron atmen sie hörbar ein und schütteln den Kopf. Männer verstehen sich ohne Worte, besonders wenn sie leiden. Einer nickt dem anderen zu.

„Imma detselbe.“ Sein Berliner Dialekt ist unverkennbar. Der andere signalisiert Zustimmung.

„Ick hab zwee Paar Schuhe. Und wenn eena der Latschen kaputt is, jeh ick in‘n Schuladen und kohf mir neue. Sie hat hundat Paar im Schrank und rennt in jeden Laden. Bestimmt schleppt se wieda neue Treta an.“

„Kenn Ick! Brauchst mir nischt zu erzählen.“ Noch so ein Berliner.

Da kommt sie aus dem Schuhladen. Sie gehört zu Mann Numero eins.

Im Schuhladen

Im Schuhladen

„Nee, jibt nischt. Komm, wir jehn mal rüba.“ Sie meint den Schuhladen auf der anderen Straßenseite, hakt ihren Göttergatten unter und rennt beinahe einen Radfahrer um.

Auch Frau Numero zwei verlässt freudestrahlend das Geschäft.

„Komm doch mal, ich brauche deinen Rat.“

„Kauf se.“

„Du hast sie doch noch gar nicht gesehen, Schatz. Die sehen wirklich süß aus, passen haargenau zu meinem neuen Kleid.“ Ich vermisse das Berlinern in ihrer Stimme.

„Kauf se, ick weeß, dass de juten Jeschmack hast.“ Strahlend betritt sie wieder den Schuhladen. Die Welt ist für beide in Ordnung.

* * *

Hatte ich bereits erwähnt, dass auch ich vor dem Schuhgeschäft warte?