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Aus dem Tagebuch des Expeditionsleiters.

Vulkanlandschaft

Vulkanlandschaft – (c) pixabay.com

Tag 7

Nun sind wir schon eine ganze Woche lang unterwegs. Unsere Expedition läuft nicht nach Plan. Besser gesagt, fast alles ist außer Kontrolle geraten. Gestern hat das letzte Handy seinen Dienst eingestellt. Das war kein großer Verlust. Seit Tagen sind wir ohne GPS-Empfang und Telefonnetz. Die Landkarten, das Notebook und die Speicherkarten für die Fotoapparate, beinahe die gesamte Technik waren in diesem Rucksack, der seit vorgestern in einer Felsspalte liegt, 30 Meter tief. Stundenlang suchten wir nach einer Abstiegsmöglichkeit zur Rettung des Rucksacks, ein hoffnungsloses Unterfangen. In tausend Jahren wird man ihn bergen und jedes Atom analysieren, so wie damals Ötzi. „Wie spannend – die ersten Anfänge der Technik – die schleppten ihren Kram noch selbst! Die mussten selbst auf Expedition gehen. Das war noch weit vor der Zeit der humanoiden Roboter.“

Jetzt lesen wir die Zeichen der Natur um unseren Weg zu finden. In erster Linie ist es der Sonnenstand, wenn es mal nicht regnet. Die grobe Richtung weist eine Bergkette im Norden, welche zeitweise aus dem Nebel auftaucht.

Wir schätzen, gestern Mittag den Polarkreis überschritten zu haben. Die Sonne steht sogar um Mitternacht über dem Horizont, knapp drüber, leuchtend orange und riesengroß. Die Vögel sind irritiert, flattern ziellos herum, lärmen und lassen das Einschlafen für uns zu einer endlosen Tortur werden. Lange währt der Schlaf nicht, die Kälte kriecht in die dicksten Schlafsäcke. Unser Zelt hat seine besten Tage längst hinter sich, nicht nur der Morgentau, vor allem die ständig wechselnde Witterung weckt uns bald wieder auf.

Teekochen auf dem wackligen Benzinkocher wird zu einer Herausforderung, wenn Regen und Sturm Schwerstarbeit leisten.

Wir müssen weiter, wollen spätestens in sieben Tagen Brobdingnag, die Hauptstadt von Balnibarbi erreichen. Wir laufen nordwärts, mal mit Rückenwind, dann mit Wind von vorn, begleitet von waagerechtem Regen. Hier sagt man, „Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten“. So oft wie uns danach ist, können wir nicht ausharren, wir müssen weiter.

Das Laufen ist beschwerlich. Das Wasser läuft in Schuhe und Kleidung hinein, findet größtenteils wieder einen Ausgang. Wir sind nass bis auf die Haut. Einen ordentlichen Weg gibt es nicht. Wir kraxeln über die moosbewachsene Lavawüste, scheuchen ständig deckungsuchende Vögel auf.

Endlich! Am Nachmittag zeigt sich die Sonne. Zusammen mit dem Wind trocknet sie unsere Kleidung. Links und rechts des Weges liegen die Weiten unwirtlicher Lavafelder. Das dicke Moos dampft. Bäume lassen sich an zwei Händen abzählen. Die Größten sind schulterhoch und blicken uns traurig an. In der Ferne, hinter der Kette der Vulkankegel liegt die Hauptstadt Brobdingnag – hoffen wir. Der Weg ist weit.

Tag 10

Hunger! Das Brot ist alle, aufgeweicht, ungenießbar geworden. Den Vögeln hat es geschmeckt. Die Nudeln sind aufgegessen und die Dauerwurst war zu lecker. Mehr als kleine Tagesportionen aus durchweichtem Trockenobst und Karamellbonbon gibt es nicht. Wo bekommen wir Nachschub her? Wenigstens leiden wir nicht unter Durst. Wasser gibt es zur Genüge, von oben und unten und – trotz kühler Temperaturen – aus jeder Schweißdrüse. Wir haben einen Gang hochgeschaltet. Das Laufen ist fast ein Rennen, es betäubt das Hungergefühl. Völlig ermattet kriechen wir am Abend in unser Zelt.

Der Plan, die beeindruckende Natur von Balnibarbi kennenzulernen, ist nur halb aufgegangen. Hunger, Regen, Sturm, zwischendurch strahlender Sonnenschein und dieser Gewaltmarsch in Richtung vermeintlicher Zivilisation fordern alle Kräfte und Aufmerksamkeit. Am Abend sahen wir am Himmel ein Flugzeug. „Es ist nicht mehr weit!“, stand für uns fest. Man muss an seine Ziele glauben.

Tag 11

Nach den Strapazen der letzten Tage fällt das Schlafen nicht schwer. Aufstehen dagegen schon. Solange, bis man den inneren Druck, diese schier unendliche Kraft spürt. Das viele Wasser vom Vortag muss wieder raus. Ich schnelle hoch, ziehe mich aus Schlafsack und Zelt heraus, ignoriere Regen und Pfützen, nehme nichts wahr außer diesem dringenden Bedürfnis. Ich habe nur ein Ziel, renne den Weg ein Stück zurück, krabbele über Lavafelsen, stoße mir sämtliche Zehen, weil ich es nicht schaffte, die Wanderschuhe überzuziehen und …

„Nein! Jetzt nicht!“ Es scheint eine Fata Morgana oder etwas noch Schrecklicheres zu sein. „Nein!“ Ich wende mich ab und lasse es laufen. Es war knapp und tut so gut.

Hinter mir sitzt sie, diese Fata Morgana. Es ist kein Hirngespinst, kein Monster, kein Kannibale, kein Vampir. Es ist ein Balnibarbini, ein Bewohner dieses Landes, ein Hirte mit seiner Schafherde und einem strubbeligen Hund.

„Rettung!“ Dieses Wort schießt mit hundertfachem Echo durch meinen Kopf.

„Hallo“, sage ich schüchtern und schäme mich wegen meiner Vorstellung.

„Holla“, entgegnet er mit Balnibarbinischem Akzent. Ich spüre Schmerzen am großen Zeh, sehe einen Tropfen Blut aus einer kleinen Wunde quellen. Das Halbmeter dicke Moos wächst auf krustigem Untergrund. Doch die Freude über diese Begegnung lässt die Leiden schrumpfen.

Wir sind vor dem Hungertod gerettet. Na gut, vier Tage lang kaum etwas futtern, führt längst nicht zum Tod. Inzwischen spüre ich den Hunger kaum noch. Andere fasten wochenlang – verrückt.

Der Mann lacht, sein Hund, er gleicht im Aussehen Schäfer und Schafen, kuschelt sich an meine Beine. Wahrscheinlich mag er den Geruch eines tagelangen Gewaltmarsches.

Die Verständigung ist einfach. Ich sage nur zehnmal „Brobdingnag“, jedes Mal mit einer anderen Betonung und als er lächelt, weiß ich, er hat mich verstanden. Er zeigt auf die Vulkankegel und malt mit dem Finger ein Bild auf seine Handfläche. Er tippt siebenmal drauf, für jeden Vulkan einmal. Zwischen dem dritten und vierten Feuerberg führt ein Pfad hindurch. Da müssen wir lang. Zwei Tagesreisen deutet er an, indem er den Lauf der Sonne mit dem ausgestreckten Arm in die Luft zeichnet.

Und Brot, richtiges Brot gibt er uns, Schafskäse und Milch in Mengen.

Wir bedanken uns, er wendet lächelnd den Blick zur Herde. Dann pfeift er, deutet seine Richtung an. Der Hund treibt die Schafe weiter. Selbst dies geschieht mit sanfter Ruhe. Leises Knurren, eine lockere Runde um die zwischen den Lavahügeln weit verteilten Schafe genügt, um diesen Tross in Bewegung zu setzen. Eine halbe Stunde später, wir haben endlich wieder etwas Festes im Magen, dreht er sich noch einmal zu uns um, winkt einen kurzen Gruß und verschwindet langsam zwischen den Hinterlassenschaften eines tausende Jahre zurückliegenden Vulkanausbruchs.

„Gerettet!“

Tag 14

Brobdingnag Airport. Die Maschine hebt ab. Das war der Plan, dieser Schneesturm stand nicht darin. Wir warten 5 Minuten.


Die Idee des Textes geht auf einen Schreibworkshop „Kreatives Schreiben“ mit Anke Engelmann zurück.

 

N.B.: Wer weiß, wo Brobdingnag, die Hauptstadt von Balnibarbi erstmals erwähnt wurde?