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Es ist ein wunderbares Gefühl, nach so vielen Jahrhunderten wieder zu laufen, laufen, ohne nach 100 Schritten an eine Wand zu stoßen. Luft, richtige, frische Luft, unrecycelte Luft zu atmen, auch wenn sie etwas säuerlich riecht, ein eigenartiges, nicht definierbares Aroma enthält. Daran gewöhnt man sich. Über 500 Jahre schlafen, tiefgefroren, nun aufgeweckt, mit dem neuesten Wissen der Menschheit programmiert, läuft die Expedition im Gänsemarsch durch diesen Wald. Na gut, das Wissen ist 70 Jahre alt, war 70 Jahre von der Erde aus unterwegs zu diesem Raumschiff. Jetzt erkundet die Vorhut der Menschheit deren neue Heimat.

„Kann man hier wohnen? Können die vielen Milliarden Menschen ernährt werden? Ist dieser Planet „New Earth“ eine Alternative zur Erde?“ Er muss, denn die Zukunft der Erde ist keine Zukunft, sie kann nicht mehr lange der Heimatplanet der Menschheit sein. Die Zeit drängt. Die Shuttles für den Umzug der Bevölkerung stehen bereit.

Wald - (c) pixabay.com

Wald – (c) pixabay.com

Die Expeditionsteilnehmer laufen seit zwei Tagen durch lichte Wälder. Grüne, bambusartige mit Zweigen und Blättern bewachsene Stämme ragen senkrecht in die Höhe, Büsche mit grünen Blättern und vielen blattlosen Ranken stehen dazwischen. Die rötliche Sonne wärmt angenehm. Ein sanfter Lufthauch ist zu spüren. Alle einhundert Meter setzen sie ein Zeichen für den Rückmarsch. Nichts darf schiefgehen. Ein Kompass funktioniert hier nicht. Die Nord-und Südpole verändern ständig die Position, verschmelzen und teilen sich im Tagesrhythmus. Nur das Funkgerät weist den Weg. Ein Funkgerät, Technik aus der Zeit vor mehr als 500 Jahren, Erdenjahren, klapprig und sensibel wie eine Mimose. Ein falscher Knopfdruck und man hört nicht einmal ein Rauschen.

Der Weg der Expeditionsteilnehmer endet an einem See. Das Wasser leuchtet grün, sanfte Wellen streichen darüber. Pflanzen scheinen im Wasser zu schweben, kleine, große, unbekannte Pflanzen. Der Detektor zeigt Aminosäuren, kaum Fett, Kohlenhydrate, Mineralien – essbar. Mit einem Ast fischen sie einen Batzen heraus. Es riecht essigartig.

Algenteppich - (c) pixabay.com

Algenteppich – (c) pixabay.com

„Igittigitt!“, das schmeckt furchtbar. Eine eingehende Untersuchung ist nötig. Sie füllen die Probe in ein Wasserglas und verstauen es in einer Tasche.

Es ist Zeit für den Heimweg. Für diese erste Expedition waren nur wenige Tage angesetzt. Wo geht es lang? Der Pfad, den sie getreten haben, ist verschwunden, der Wald wird zunehmend dichter. Sie kämpfen sich durch das Gehölz. Beim zurückschauen sehen sie, dass sie eingekreist sind, von Bäumen, Sträuchern, Gestrüpp. Wie Dornröschen, nur ohne Schloss und Dornenbüsche. Die Pflanzenmauer ist durchdringbar, doch es ist mühsam. Sie bahnen sich langsam den Weg, bleiben nah beieinander. Es wird schwieriger, voran zu kommen. Der Wald wird dichter. Bald geht nichts mehr, sie stecken fest. Alle paar Meter steht einer aus der Gruppe, angewurzelt, festgewachsen.

„Verdursten? Verhungern?“, sind ihre Gedanken. Das Essen reicht noch für zwei Tage, dann ist Sense. Ja, eine Sense wäre nicht schlecht. An die Rucksäcke kommen sie nicht heran. Die sind festgetackert auf ihrem Rücken oder stehen auf dem Boden. Sie können sich nicht rühren, sind gefesselt von Lianen, Ästen, Tentakeln, in einem unbekannten, unheimlichen Wald. Es dämmert, das Sonnenlicht erreicht den Boden kaum noch.

Arthur, der Biologe der Crew, hat Sprechkontakt mit der Bodenstation. Es ist ein Wunder, dass dieses Funkgerät jetzt funktioniert. Doch auch die Kameraden sind ratlos. Mit großer Mühe gelingt es Arthur, das Glas mit den Wasserpflanzen aus seiner Tasche zu zerren. Er öffnet es, ein starker Geruch strömt ihm entgegen. Er hat Hunger, überwindet sich, dieses ekelige Zeug in den Mund zu nehmen. Doch er kann es nicht fassen, es gleitet auf den Boden.

Dies ist das Ende!

Langsam spüren sie, wie die kraftvollen Krallen ihre Griffe lösen. Sie können sich rühren, etwas bewegen, zueinander aufschließen, an die Hände fassen, gemeinsam durch das lichter werdende Gestrüpp kraxeln. Bald sehen sie ihre Fußspuren von Hinmarsch, die ersten Zeichen, die sie setzten. Dort hinten ist die Basis.

Am nächsten Tag tritt die Expedition den Rückflug zur Raumstation an. Nach weiteren 500 Jahren Eiszeit erreichen sie die Erde. Der Funkspruch „Planet ungeeignet“, eilt ihnen voraus.


Diese Geschichte entstand bei einem Schreibworkshop von Anke Engelmann im historischen „Haus Dacheröden“ in Erfurt. Dabei sollten ungewöhnliche Reaktionen von Pflanzen beschrieben werden: Blumen, die sprechen, die weglaufen, die sich wehren, Blumen, die lachen oder weinen …