Schlagwörter

, , , , , , , ,

Ausflugsdampfer

Ausflugsdampfer

Unser Missisippi ist der Bodden am Darß

Für eine Woche wohne ich auf einer Insel. Von Einsamkeit kann nicht die Rede sein, 5 Urlauber, 1 Ornithologe, 12 Kamerunschafe und unzählige Mücken leben hier gut eingzäunt. Außerhalb der Zauns ersteckt sich ein Naturschutzgebiet: Betreten streng verboten. Dort übernachten jetzt im Herbst etwa 15.000 Kraniche, tausende Weißwangen- und Graugäse, Schwäne, Grau- und Silberreiher und anderes Fluggetier.

Jeden Abend vor dem Sonnenuntergang kommen die Kraniche vom Festland in langen Ketten und mit viel Lärm eingeflogen. Es ist ein ganz besonderes Spektakel. Am Tage futtern sie sich auf den Feldern der Umgebung den Bauch voll und in der Nacht schlafen sie in seichten Wassern dieser Insel sowie an anderen flachen Stellen im Barther Bodden. Wenn sie nach ein paar Wochen ihre Fettreserven aufgefüllt haben, geht es weiter in den Süden in Richtung Spanien.

Irgendwann, immer am Vormittag, übermannt mich die Sehnsucht nach dem Festland. Nein, ein Inselkoller ist es nicht, eher die gemeine Langeweile. Ausruhen im Urlaub ist angenehm, doch etwas erleben, die Füße in die angenehm temperierte Ostsee tunken, ein Bummel durch Zingst, Prerow oder Ahreshoop, das vertreibt auf angenehme Weise die Zeit.

Ab aufs Festland. Doch es gibt keine Brücke, der Shuttleservice beschränkt sich auf die An- und Abreise mit der ganzen Gepäckbagage. Schwimmen ist keine Alternative. Das Wasser ist herbstlich kühl, der Schilfgürtel scheint undurchdringlich. Bleibt nur der Äppelkahn, ein kleines Ruderboot. Wir hatten die Wahl: elektrisch oder mit Benzinmotor. Natürlich haben wir uns in Anbetracht des bevorstehensden naturverbundenen Urlaubs spontan für die elektrisch, ökologisch, vegane Variante entschieden.

Ab geht die Post, besser gesagt der E-Kahn. Die erste Hürde, das Einsteigen, klappt wider Erwarten ohne Komplikationen. Dann Kabelverbinder zusammenstecken, Schiffschraube in die Fahrposition bringen und Leinen los! Schiff Ahoi!

Der Kahn hat mehrere Rückwärtsgänge und 5 Vorwärtsgänge. Man kann sogar auf der Stelle wenden, vorwärts oder rückwärts. Die ersten 10 m bis zur Hafenausfahrt schaffen wir problemlos. Ebenso die 5 bis 10 Minuten lange Fahrt ans andere Ufer. Das Einparken im Hafen muss noch geübt werden. Wenigstens bleiben Schiff und Stege heil.

Die Rückfahrt am Nachmittag entpuppt sich als Ü-Ei. Kaum dass wir den schützenden Hafen verlassen haben, sehen wir das Unheil kommen. Eine Katastrophe in Form zweier Kreuzfahrtschiffe, die von der ganz großen Sorte mit mindestens 20.000 Passagieren, plus Besatzung. Die kommen mit einem Affenzahn angebraust. Wenn da ein Blitzer stehen würde … Na gut, ich will nicht übertreiben, es sind zwei gewöhnliche Ausflugsdampfer. Aus unserer Perspektive, 5 cm überm Wasserspiegel, sehen die natürlich riesig aus. Das Schlimme an diesen Biesern sind nicht die mitleidigen Blicke der Passagiere. Die verzeihen wir, die wissen nicht, was wir später, kurz vor dem Sonnenuntergang von unserer Insel aus noch bewundern dürfen: Den Einflug der Kraniche, life, in Farbe und von einem Beobachtungsturm aus. Das Schlimme an den biestigen Ausflugsdampern sind die Wellen hinterher.

Wir werden mächtig durchgeschaukelt, so als liefe ein Tsunami durch den Barther Bodden. Und wir haben weder Rettungsboot, Rettungswesten noch Rettungsring an Bord. Wir müssen im Falle eines Falles freihändig schwimmen. Es geht noch einmal, genauer gesagt gleich zweimal gut, es sind ja zwei Dampfer im Gegenverkehr.

Morgen Vormittag sticht die Fähre wieder in See –  elektrisch, ökologisch, vegan.