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Manchmal bin ich wirklich ein kleines Dummerchen. Da mache ich mich vor ein paar Tagen auf den Weg nach Frankfurt-Oberrad ohne mir Gedanken zu machen, welche Gemeinheiten meine gehasste Linie 16 wieder verbocken könne.

Weder bockt sie, noch verbockt sie irgendetwas. Das hätte mir höchst verdächtig vorkommen müssen. Nein, im Gegenteil, das erscheint mir völlig normal. Schließlich ist es die Aufgabe der Linie 16, ihre Fahrgäste zügig an ihr Ziel zu bringen. Nicht einmal der Fahrkartenautomat zeigt Auffälligkeiten.

„Was ist los mit der 16? Sind die Schienen frisch geölt, sitzt der neue Lehrling, dieser Streber, am Steuer, streiken Fehlerteufel und Murphy gleichzeitig, träume ich einen furchtbaren Traum, sind Aliens zu Besuch gekommen, die man mit Pünktlichkeit beeindrucken will oder plant man einem ganz gemeinen, höchst geheimen Cup?“ Nichts dergleichen geht mir durch den Kopf. Ich denke an die netten Menschen, Autorenkolleginnen und -kollegen, die ich gleich treffen werde, an das leckere Essen, welches vor mir stehen wird. Nein, „Grüne Soße“ kommt mir nicht auf den Teller, auch wenn sich die Gaststätte „Grüne Soße und Mehr“ nennt. Kalte Soße essen, das ist genauso schlimm, wie krachsauren Apfelwein trinken. Das bringen nur echte Frankfurter fertig. Die haben eine fette Harnhaut auf der Zunge und einen Magen aus Leder – glaube ich. Ich bin zugewandert, komme aus dem bezaubernden Thüringer Land.

Der Abend ist schön, wir quatschen, lachen, feiern unsere literarischen Erfolge, futtern und leeren das eine oder andere Glas. Doch irgendwann zieht es alle heimwärts. Schließlich muss der gemeine Bürger am nächsten Morgen früh raus und brav auf seine Arbeit trotten.

Störung berhoben

Störung berhoben

Die Bahn, meine geliebte und gehasste Linie 16, fährt alle Viertelstunde. So steht es im Plan, auf den verlässt man sich in stillem Vertrauen darauf, was die Anzeige so anzeigt. Die muss es wissen, die ist garantiert computergesteuert mit Direktverbindung zu allen Straßenbahnen, zur Zentrale und Bundesregierung. Die Laufschrift nimmt man nicht ernst, wenn da steht, „Störung behoben“.

In 2 Minuten kommt die Bahn. Es sind die längsten 2 Minuten meines Lebens. Bestimmt hat Einstein dazumal, als er die Relativitätstheorie erfand, ebenso auf eine Straßenbahn gewartet.

Noch 0 Minuten. Das heißt, die Bahn fährt jetzt ab. Aber wenn keine Bahn kommt, fährt auch keine los. Ich sehe mir die Laufschrift genauer an. Von „Fahrplanabweichungen“ und „vereinzelten Zugausfällen“ ist trotz behobener Störung die Rede. Meine Stimmung … Mir wird langsam kalt, Novembernächte sind keine Augustnächte.

Fahrplanabweichungen

Fahrplanabweichungen

Klammheimlich entsteht aus der „0“ eine „12“. Das heißt, weitere 12 Minuten warten. „Garantiert sind das wieder diese einsteinschen Monsterminuten!“, denke ich – Ich irre mich nicht.

Dann, die Anzeige nähert sich ganz gemütlich der „0“, dann kommt sie, so als wäre alles in Ordnung, gäbe es keine Ausfälle, wäre es wie immer. Ja, wie immer ist es natürlich. Wenn ich mich mal auf den Weg mache, ist stets irgendetwas mit meiner Linie 16.

Wenigstens verläuft die Fahrt ohne Zwischenfälle. Erleichtert steige ich aus, laufe die restlichen Meter heimwärts. Dann blicke ich mich um. Kaum ist meine Bahn weitergefahren, kommt schon die nächste 16. Die übertreiben es jetzt aber wirklich. Spätabends, beinahe mitten in der Nacht, reicht doch eine Bahn pro Viertelstunde.

Nein! Freunde werden wir nicht, die Linie 16 und ich.

Ich widme den Text meinen Autorenkolleginnen Meike und Maike, die ebenfalls unter den Frechheiten dieser Straßenbahnlinie leiden mussten.