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Weihnachtsente - (c) pixabay.com

Weihnachtsente – (c) pixabay.com

Weihnachten vor etwa 50 Jahren.

Weihnachten bringt Stress – für die Kinder, die Eltern, für alle. Am Tag vor dem Heiligen Abend nähert sich die Aufregung ihrem Höhepunkt. Die Gedanken der Kinder kreisen um die Geschenke, jene gemalten und gebastelten, welche im hintesten Schubfach vom Spielzeugschrank liegen, die sie selbst verschenken werden, und jene, die irgendwo in einem gut behüteten Fach darauf warten, für die Kinder unter den Weihnachtsbaum gelegt zu werden. Die Kleinen üben zum hundertsten Mal, das neue Weihnachtslied zu singen und ihr Gedicht aufzusagen.

„Komm!“, sagt der Vater zu den Kindern, „Wir schmücken den Weihnachtsbaum.“ Sie können diese jahrelang zelebrierte Prozedur kaum erwarten. Endlich gibt es etwas zu tun, etwas, was die Wartezeit bis zum Weihnachtsfest verkürzt, etwas was Spannung und Vorfreude in unendliche Höhen treibt. Die Weihnachtstanne steht im Wohnzimmer auf der Anrichte. Vater hat sie in einen Ständer gesetzt und die fehlenden Äste ersetzt, Löcher gebohrt und Zweige aus einem extra für diesen Zweck besorgten Tannenstrauß reingesteckt und verklebt. Hoffentlich hält das wenigstens bis nach dem zweiten Weihnachtstag.

Der Vater geht in den Keller, die Kinder folgen aufgeregt. Der sonst so unheimliche Kohlenkeller strahlt heute eine besondere Faszination aus. Kein Gespenst, das in der Dunkelheit lauern könnte, interessiert sie. Sie holen die Kisten mit den Kerzen, den Kugeln und Weihnachtsfiguren und dem Lametta hoch in die Wohnung. Dann geht es los. Zuerst klettert Vater auf die Leiter und setzt die goldene Spitze oben auf den Baum. Er verteilt die Lichter, weit außen, so dass die Flammen keinen Zweig erwischen können. Die Kinder reichen abwechselnd Kugel oder Weihnachtsfiguren und die Aufhänger aus Draht.

Nun folgt die langweiligste Arbeit, das Verteilen des Lamettas auf alle Äste und Zweige. Das muss sein, schließlich soll der Baum glänzen und strahlen. Jeder einzelne Faden wird, wie in den Jahren zuvor, auf alle großen und kleinen Zweige verteilt. Eine Sisyphusarbeit ist das. Die langen Lamettafäden sind bald alle, die mittellangen reichen nicht weit und die kurzen, sie haben sich im Laufe der Zeit unheimlich vermehrt, werden nun in alle Zwischenräume gehängt, gelegt oder um einzelne Nadeln gewickelt.

Zum Schluss wird gesaugt. Die Tanne verlor schon etliche ihrer Nadeln.

Fertig ist das Prachtstück! Die Mutter wird aus der Küche ins Wohnzimmer gerufen. Schweigend stehen sie vor dem geschmückten Weihnachtsbaum. Er glänzt wie jedes Jahr und es fühlt sich für alle an, als wäre es das erste Mal im Leben, solch eine wundervolle Tanne zu sehen. Und wie wird sie erst morgen bei der Bescherung strahlen, wenn die Kerzen angezündet sind!

Aus der Küche dringt Bratenduft. Die Ente für den Heiligen Abend ist fertig, so gut wie fertig. Nur eines fehlt noch, das Verkosten. „Oh, ist die lecker, das Fleisch ist so zart und saftig!“, rufen alle wie aus einem Munde. Es ist eine echte Vorweihnachtsente. Weihnachten wird sie nicht erleben. Sie endet am 23. Dezember in den Bäuchen von Mutter, Vater und den Kindern. Nur das „Innenleben“, also zwei Äpfel, Möhren, Sellerie, Beifuß und viel Hackfleisch bleiben übrig. Das gibt es morgen, am Heiligen Abend zu Mittag. Doch dann brutzelt bereits eine neue Ente für die Weihnachtstage, wenn Oma und Opa zu Besuch kommen, in der Bratröhre.

Nun kann Weihnachten starten. Alle sind bestens auf das Fest vorbereitet.

So ist es jedes Jahr. Und jedes Jahr sind alle erneut überrascht, dass eine Ente nicht reicht.

„An solch einem Vogel ist ja wirklich nicht viel dran“, sagt Vater dann.