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Es sind die letzten Kisten, Blumentöpfe und die Gardinenstange, die Richard aus dem Auto die ausgetretene Treppe hoch zu seiner neuen Mansardenwohnung schleppt. Er fühlt sich beobachtet. Erst schaut sie aus dem Fenster im Hochparterre auf ihn herab, dann trägt sie eine unscheinbare Plastiktüte, ihn dabei neugierig musternd, genau in dem Moment hinunter zu den Mülltonnen, als er den Blumentopf mit der Monstera mühsam, jeden einzelnen Treppenabsatz für eine Verschnaufpause nutzend, in sein neues Domizil wuchtet. Am liebsten hätte er sie die Treppe hinuntergestoßen, stand sie ihm so ungeschickt im Wege, dass er die Last unter Aufbietung aller Kräfte auf der drittletzten Stufe absetzen musste. Grußlos drängelte sie sich an ihm vorbei. Um Haaresbreite wäre dabei dieses riesige, fingerförmige Blatt, auf das Richard so stolz ist, abgeknickt.

„Olle Schabracke!“, denkt er und möchte die Stimmung hier im Treppenhaus nicht vergiften.

Zehn Minuten später läuft ihm diese Dame erneut über den Weg. Beinahe hätte er sie umgerannt, so stürmisch lässt er sich von oben kommend, ohne eine Last tragen zu müssen, von Absatz zu Absatz, mehr springend als laufend, hinab gleiten.

„Sorry“, sagt er nur und bleib erschrocken stehen. Mit einem vorwurfsvollen Blick wendet sie sich von ihm ab und nimmt ihr kaum hasengroßes Hündchen, das Richard erst jetzt wahrnimmt, auf den Arm. Betont langsam schleicht sie die letzte Treppe hinab und erwartet mit einer unscheinbaren, aber unübersehbaren Kopfbewegung, dass Richard ihr die Tür aufhält.

Während sie hinaustritt, weiß Richard was ihm an der Dame aufgefallen ist, was er bei seiner Arbeit ins Unterbewusste verdrängt hatte. Es ist ihre Haartracht. Diese als Frisur zu bezeichnen wäre eher unangemessen. Mehrere Dutzend Lockenwickler unter einem geblümten Kopftuch wollen, besser gesagt sollen, aus diesem Gestrüpp erst etwas zaubern, was einer Dame angemessen sein könnte. Der Versuch wird misslingen.

„Guten Tag!“, sagt Richard, „Da wir uns heute schon mehrfach begegnet sind, darf ich mich Ihnen als neuer Mieter vorstellen: Richard Müller, viertes Obergeschoss links.“ Er hofft, damit ihre Gnade zu finden, ihre Neugier zu befriedigen, das Tratschen und die Gerüchteküche nicht allzu sehr ins Uferlose schießen zu lassen.

„Madame Mimi Moffat, parterre rechts“, entgegnet sie ausdruckslos, dabei Ricard einen verachtenden Blick zuwerfend. Sie zündet sich eine Zigarette an, mustert den neuen Mieter abweisend und bläst den Qualm, wohl mit Absicht, in seine Richtung. Das ist für Richard gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung.

„Okay!“, denkt Richard, „Freunde werden wir nicht. Das steht felsenfest. Ich nehme die Herausforderung an.“ Während sie sich betulich entfernt, den Hund – kann man solch ein Wesen als Hund bezeichnen – auf den Gehsteig setzt, ihm, dem Hund, ein „Nun mach mal fein Pipi“ zuraunt, dreht sie sich noch einmal langsam zu ihm um. Ein Blick der Verachtung trifft Richard.

„Und das ist Sir Vincent von Moffat. Ich bitte sie, wenigstens dieser hilflosen Kreatur, den nötigen Respekt entgegenzubringen.“

„Selbstverständlich, Madame.“ Richard glaubt, sich verhört zu haben. Solch eine Äußerung aus seinem Mund: unvorstellbar. Wenn das Vieh wenigstens ein Fell hätte. Doch dieser Nackedei trägt im Gegensatz zu der gepflegten, lilafarbenen Robe seiner Herrin ein halbzerfetztes Pelzmäntelchen und eine hellblaue Schleife auf den Kopf, welche die einzigen Haare daran hindert, ihm die Sicht auf die Welt dort unten zu nehmen.

In den nächsten Tagen stellt sich Richard allen Mietparteien vor. Niemals wird in den teils ausgiebigen Gesprächen, die mehrfach in eine gemütliche, abendfüllende Wein- oder Schnapsverkostung enden, Madame Mimi Moffat erwähnt. Lediglich der alte Herr in Hochparterre links, also der unmittelbare Nachbar von Madame, warnt Richard ausdrücklich vor dieser Person.

„Ein hinterhältiges Waschweib. Die sitzt jeden Tag drüben bei „Kaffee-Bauer“ und tratscht mit Ihresgleichen über alle und alles. Sei vorsichtig Jungchen!“

Keine zwei Wochen später schmeißt Richard eine Einweihungsfete, erst einmal die Probe mit seiner neuen Freundin Friederike. Er möchte den Einzug in die neue Wohnung, in dieses altertümliche Haus aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts feiern. Die richtige Wohnungseinweihung, die mit allen Freunden, mit denen, die ihm beim Renovieren seiner Behausung sowie beim Bewältigen des Umzugs geholfen haben, kann erst dann stattfinden, wenn Richard seine Freundin überredet hat, für ihn und die Gäste die nötigen Speisen zu bereiten. Heute gibt es Pizza vom Lieferdienst. Kochen und Backen ist etwas, was Richard nicht beherrscht, weder jetzt noch in tausend Jahren. Er hasst es regelrecht, in der Küche zu stehen und den Rührlöffel durch die Soße zu ziehen, Teig zu kneten, Fleisch zu klopfen … Kochen und Backen sind Eigenschaften, die bei der Auswahl seiner Freundinnen immer eine wichtige Rolle spielten, gleich nach Aussehen und Körpermaßen. Heute wird Richard gewaltig baggern. Champagner wird ihm helfen und wenn sie genügend intus hat, wird er sie bitten, die Aufgabe der Küchenfee zu übernehmen.

Die Ankunft von Friederike ist nicht unproblematisch. Richard erwartete sie sehnsüchtig und während sie ihren kleinen gelben Stadtflitzer vor dem Haus einparkt, rennt er hinunter, sie zu begrüßen. In dem Moment, als er an der Wohnungstür seiner Lieblingsnachbarin vorbeihastet, fällt ihm ein, vergessen zu haben, den Rosenstrauß zu besorgen.

„Zu spät!“

Es kommt noch schlimmer. Friederike ist nicht allein, das ahnte er. Sie bringt Cleopatra, ihre in die Jahre gekommene Leonbergerdame mit. Cleopatra ist nicht nur gutmütig, sie ist die Ruhe in Hundefell, ein voller Zentner Hund. Trotz ihres Alters ist Treppensteigen für sie kein Problem, solange sie sich auf jedem Treppenabsatz eine Pause gönnen kann. Auf dem ersten Absatz legt sie sich auf den Fußabtreter vor Madame Mimi Moffats Wohnungstür. Prompt öffnet die sich und Sir Vincent von Moffat rennt gegen den Türvorleger namens Cleopatra. Sein piepsiges Bellen ist nur kurzer Dauer, da Cleopatra ihren Kopf wendet, nur um nachzuschauen, welche Mücke sie gerammt hat. Dabei reißt sie ihr Maul weit auf, was ausschließlich der Tatsache geschuldet ist, dass sie beim Treppensteigen, es sind immerhin elf Stufen, außer Atem geraten ist.

„Nehmen sie sofort dieses Untier fort!“, kreischt Madame und nimmt ihren Liebling beschützend auf den Arm. Cleopatra ist nicht zu bewegen, sich zu erheben und die nächste Etappe des Treppensteigens in Angriff zu nehmen. Madame ist schneller. Mit ihrem Wischmopp versucht sie, das Untier, also den Hund von ihrem Wohnungseingang wegzuschieben. Cleopatra nimmt es gelassen, erhebt sich, meint wohl, diese Dame wolle mit ihr spielen und wandert gemächlichen Schrittes, aufgrund ihrer schieren Größe durch nichts aufzuhalten, in Madame Mimi Moffats Wohnung hinein, bis sie vor dem kleinen Schränkchen, auf dem Sir Vincent von Moffat vorübergehend abgelegt wurde, stehenbleibt. Das freudige Bellen eines richtigen Hundes dröhnt durch die Wohnung. Madame ist nah am Wahnsinn oder Herzinfarkt. In Gedanken sieht sie, wie der Koloss einatmet und dabei ihren Liebling verschlingt.

„Ich rufe die Polizei!“, schreit sie und sucht in ihrem gelben Hausanzug nach dem Handy, dass sie offensichtlich andererorts parkte.

„Cleopatra“, sagt Friederike leise und selbige, also die Hundedame, macht sich umgehend und gehorsam auf den Weg aus der Wohnung von Madame um die nächsten 11 Stufen bis zu einem Treppenabsatz, der sicher eine freundlichere Atmosphäre ausstrahlt, in Angriff zu nehmen. Richard und Friederike entschuldigen sich brav bei der Dame, die dies in keiner Weise beachtet und den jungen Leuten gegenüber nur Verachtung empfindet und durch ihre Mimik zum Ausdruck bringt. Diesmal bläst sie den Rauch ihrer Zigarette genau in Friederikes Richtung, die händewedelnd ihrem Hund folgt.

Der Abend mit Friederike startet verheißungsvoll. Ihr erscheinen die Pizza zu groß und der Gemüseteller zu klein. Wenigstens muss Cleopatra nicht hungern. Der Schampus mundet ihr hervorragend, sie wird außerordentlich gesprächig und kichert über jede Kleinigkeit. Cleopatra schnarcht in der Ecke neben dem Fernseher. Jetzt ist für Richard der richtige Zeitpunkt gekommen, sein Anliegen anzubringen.

Friederike atmet tief durch. Dann sagt sie eine Weile lang nichts.

„Kein gutes Zeichen“, mutmaßt Richard. Endlich löst sich das Schweigen auf.

„Wie viele Gäste erwartest Du?“

„Fünfzehn … zwanzig … höchstens fünfundzwanzig“, entgegnet Richard kleinlaut.

„In dieser Wohnung willst du 25 Leute unterbringen?“

„Allerhöchstens – natürlich uns und Cleopatra mit eingerechnet.“

„Vergiss es. Mehr als 10 Personen passen nicht in dein Wohnzimmer. Und wenn ich mir dein Geschirr anschaue, solltest du besser in Schichten von je fünf Gästen feiern, dich natürlich mit eingerechnet.“

„Also doch lieber Pizza bestellen.“ Richard hat diese Variante längst ins Kalkül gezogen. Den langen Tapeziertisch hat er noch nicht in den Keller geräumt. Der könnte im Flur aufgestellt werden. Und ins Schlafzimmer kommen Decken und Matratzen auf den Boden, dann kann man sich auch hier niederlassen. Bis auf die vier, die in den beiden Sesseln kuscheln und auf Richards zwei Stühlen sitzen, und die vier bis sechs, die auf seinem Bett lümmeln. „Ach ja, da sind ja auch noch die Klappstühle vom Balkon. Das reicht.“ Nach diesem Gespräch verabschiedet sich Friederike überraschend schnell. Richard bringt die beiden noch hinunter, um bei einem Zwischenfall mit Madame Mimi Moffat besänftigend eingreifen zu können.

Zwei Wochen später: Die Einweihungsfete. Der Pizzadienst kommt dreimal. Hunger und Durst von Richards Gästen sind enorm. Die Stereoanlage leistet Schwerstarbeit. Die Luft ist zum Schneiden, trotz weit aufgerissener Fenster. Die Stimmung ist spitze, spitze bis zehn nach zwölf.

Madame Mimi Moffat klingelt an der Tür und steht, als Richard ihr öffnet, mitten in der Wohnung. Ihr Nachthemd ist Gelb, knallgelb. Die Haare sind zu einem Dutt zusammengebunden. Niemand sagt ein Wort. Irgendjemand schaltet die Musik aus. Es herrscht absolute Stille. Unten wird die Haustür geöffnet. Es entsteht Zug durch die offenen Fenster und die Wohnungstür fliegt mit lautem Krachen ins Schloss.

„Herr Müller! Ich war auch mal jung. Bei unseren Feiern haben wir die Nachbarn eingeladen. Aber wir haben nicht solch eine Rumba-Zumba-Musik gespielt. Bei uns ging es zivilisiert zu. Und Punkt zwölf war Schluss!“ Sie schaut in die Runde. „Ist diese nette, junge Dame mit dem großen Hund schon gegangen? Schade.“ Madame Mimi Moffat dreht sich um und geht, die Wohnungstür leise ins Schloss gleiten lassend.

Keine Viertelstunde später ist der letzte Gast aufgebrochen.

„Hast du die bestellt?“, wird Richard beim Abschied mehrmals gefragt, „Die Alte ist der Knaller. Die musst du dir warmhalten.“


Das ist mein Beitrag zur 7. Clue Writing Challange von Clue Writing – Literatur in kleinen Happen.

Die vorgegebenen Clues für diese Geschichte sind:

Frisur, Grinsen, Zigarette, Robe und Gelb

Vorgabe ist außerdem, dass Madame Mimi Moffat in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt.