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Vortrag - (c) pixabay.com

Vortrag – (c) pixabay.com

Der Alte fährt in Urlaub. Das ist beinahe eine Sensation, so selten passiert dies. Aber nun ist es soweit, der Alte hat seine frühere Leidenschaft, das Schilaufen, wiederentdeckt. Man munkelt, es wäre die neue Lebensgefährtin, der er ein wenig imponieren möchte. Hoffentlich hält die Hüfte. Sein Arzt sprach schon von künstlichem Gelenk, das in naher Zukunft eingesetzt werden müsse.

Alois ist glücklich. Das hat mehrere Gründe. Erstens ist er in der Zwischenzeit der Chef hier im Laden. Zweitens muss er nicht dauernd beim Alten wegen überschrittener Projekttermine zum Rapport antanzen und drittens ist diese Chefsekretärin, das „Brötchen“, wie er sie insgeheim nennt, Gertrude Müssigbrodt, jetzt für ihn da. Allerdings befürchtet Alois, dies wird eher ein Konfliktauslöser sein.

Der Chef hat kurz vor dem Urlaub noch eine spezielle Aufgabe an Alois übertragen. Normalerweise ist der skeptisch, wenn der Alte ihn mit irgendetwas beauftragt. Das riecht nach Arbeit. Alois und Arbeit, das passt nicht recht zusammen. Er verteilt lieber Arbeit. Doch diesmal ist es etwas anderes. Alois soll zu einem Kongress fahren, für den sich der Alte bereits vor Monaten angemeldet hatte. Und dort wird Alois einen Vortrag halten. Es wäre eine große Ehre, dass wir dort auftreten, meinte der Alte. Die Presse wäre da, vielleich sogar das Fernsehen. Das Thema des Referats sei etwas verzwickt und der Alte warf nur ein paar Fachbegriffe wie „Marketing“, „Bedeutung“, „Smart Business“, „Digitalisierung“ und Ähnliches in den Raum.

„Du weist schon, was ich meine. Das bekommst du doch problemlos hin“, lobt der Alte seinen Stellvertreter und dessen Brust schwillt sofort vor Stolz an.

Seit drei Tagen sitzt Alois vor einem Blatt Papier. Wenigstens ein paar Stichpunkte benötigt er. Labern ist für ihn kein Problem, nur den roten Faden darf er nicht verlieren. Er kommt leicht vom Thema ab und findet bei der Suche dieses Fadens kein Ende. Er kennt seine Schwäche, wenigstens die eine.

Alois fällt nichts Gescheites ein und am Montagfrüh muss er schon nach München zu diesem Kongress reisen. Drei Kollegen, die wichtige Fragen zu ihren Projekten hatten, wimmelte Alois ab. Schließlich schließt er die Bürotür von innen ab. Auch diese Maßnahme bringt ihn nicht weiter. Er legt den Telefonhörer neben den Apparat, schaltet sein Handy aus. Jetzt hört er Tuscheln auf dem Gang und meint, sicher nicht zu Unrecht, man rede über ihn. Schweißgebadet und ohne brauchbares Konzept verlässt er das Büro.

Das Wochenende ist grausam. Die Laune von Alois ist eine Katastrophe. In der Nacht schläft er nicht und grübelt stundenlang. Am Tag sitzt er im Arbeitszimmer und notiert irgendwelche zusammenhanglose Sätze. Mit seiner Frau Angelika gerät er mehrfach in Streit. Den lange geplanten Besuch bei der Schwiegermutter sagt er verzweifelt ab. Angelika fährt stocksauer allein zu ihren Eltern, lässt die Kinder daheim. Denen fällt nichts Besseres ein, als sich zu zanken. Nach Vaters Machtwort sitzt die Tochter beleidigt vor dem Fernseher und der Sohn veranstaltet in seinem Zimmer eine Disko, lauter als monatliche Ü30-Party im großen Saal der Stadthalle. Alois gibt auf.

Am Montagnachmittag erreicht Alois mit einem flauen Gefühl im Leib die Kongresshalle in München. Wenigstens trifft er alte Bekannte, so dass sich seine Laune deutlich verbessert. Alle sind sehr gespannt, was der Wirtschaftsminister berichten wird, „Wow, sogar der Wirtschaftsminister ist hier!“, Alois fühlt sich gleich um Dezimeter größer.

Dann wird der Kongress eröffnet: Begrüßungsworte und nochmals Begrüßungsworte. Dann gibt der Oberbürgermeister, der sich geehrt fühlt, seinen Senf dazu. Endlich kündigt der Versammlungsleiter den ersten Keynotesprecher, den Wirtschaftsminister an. Allerdings lässt sich der von einem stellvertretenden Staatssekretär aus seinem Ministerium, irgendeinem völlig unbekannten Dr. Phil. vertreten. Das macht ihn Alois sofort sympathisch, ist er doch auch nur stellvertretend hier. Die 20 Minuten, die für diese Rede vorgesehen sind, dehnen sich zu einer Dreiviertelstunde. Zum Glück schnarcht niemand. Doch etliche Gäste sitzen verdächtig mit geschlossenen Augen da. Alois ist begeistert, nicht vom Inhalt der Rede dieses Fehlredners. Nein, solche nichtssagenden Sprüche wie der hat er ebenso im Repertoire. Morgenvormittag, wenn er, besser gesagt der Alte mit seiner Rede auf der Tagesordnung steht, kann nichts schiefgehen. Alois sieht sich schon als Held gefeiert, zu Hause. Er wird sagen:

„Na ja, Standing Ovations waren es nicht. Aber ich habe Begeisterung gespürt. Unsere Ideen sind auf fruchtbaren Boden gestoßen. Jetzt müssen wir etwas daraus machen.“

Endlich schläft Alois wieder eine Nacht ordentlich. Wenigstens so ordentlich, wie dies im Bett eines Fünfsterne-Hotels möglich ist. Morgens gut frühstücken, kostet ja nichts und der alles entscheidende Tag kann beginnen.

Die Anspannung in Alois Brust wächst. Er wird aufgerufen, begrüßt die Tagungsteilnehmer und steigt in den Vortrag ein. Nach 20 Minuten wird signalisiert, seine Redezeit gehe zu Ende. Nach 30 Minuten hört er deutliches Hüsteln, nach 35 Minuten verlassen einige Zuhörer den Saal. Weitere 10 Minuten später sagt Alois abrupt und weil er sich völlig verzettelt hat:

„Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!“ Alois merkt, dass er etliche Tagungsteilnehmer aufgeweckt hat. Es gibt sogar höflichen Applaus.

„Fast so viel wie beim Minister“, wird Alois zu Hause berichten.


Der „Fehlredner“ ist einer von 50 Charakteren, die Elias Canetti in seinem Buch „Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere“, erschienen bei Volk und Welt Berlin im Jahre 1976 beschreibt.

Hier also meine Version, welche auf eine Schreibaufgabe in einem Schreibworkshop bei Anke Engelmann im Haus Dacheröden in Erfurt zurückgeht.

Dieser Text ist eine Vor-Beta-Version für eine Geschichte meiner Alois-Serie. Die endgültige Version wird weitere Szenen beinhalten und braucht noch etliche Zeit der Bearbeitung.