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Sturmkinder

Sturmkinder

Tropfen prasseln aufs Fensterbrett. Ein anstrengender Tag liegt hinter den beiden. Endlich unter die Decke kriechen, sich einkuscheln, die aufsteigende Wärme spüren. Die Gedanken entschwinden im Nichts. Die Unendlichkeit der Träume besiegt alles, die Müdigkeit, die Aufregungen des Tages, Wünsche und Hoffnungen.

Nur ein gleichmäßiges Tropfen ist geblieben: Tropf, tropf, tropf. Im Traum zählt Samuel mit: Eins, zwei, drei. Er gleitet in eine hypnotische Fantasievorstellung. Wind kommt auf, mausert sich langsam zum Sturm. Alles schwankt, das Bett, der Tisch, der Schrank, die Lampe an der Decke. Die Möbel ächzen unter dem Hin und Her. Samuel erhebt sich, tritt ans Fenster, zieht die Gardine zur Seite und lugt hinaus. Wolken ziehen vorbei, dunkle Wolken aus denen grelle Blitze zucken. Von unten, von weit unten aus der Tiefe hört er dumpfes Grollen von Donnerschlägen. Samuel hält sich am Fensterknauf fest. Das Schwanken des Hauses verstärkt sich. Nur mit Mühe hält er sich aufrecht. Die Wolken ziehen schneller und schneller.

Ein Blitz, heftig wie keiner zuvor, ein Blitz, der sich in tausend Zweige verästelt. Dann, eine schiere Ewigkeit später das Prasseln von Donnerschlägen. Ruhe, absolute Stille. Das Schwanken hat ein Ende gefunden. Charlotte steht neben ihm. Im Mondlicht leuchtet ihr Nachthemd. Die Sterne funkeln. Samuel und Charlotte schweben mit dem Haus in die Unendlichkeit des Himmels. Oben die Sterne, ein goldener Mond, unten eine dunkle, undurchdringliche Wolkendecke.

Die Kinder fassen sich an die Hand und tapsen durch die Dunkelheit. Kalte Füße? Egal, sie sind auf dem Weg, die Nacht zu erkunden. Die Tür des Kinderzimmers öffnet sich. Sie treten in den langen Flur. Links und rechts sehen sie Türen, das Schlafzimmer der Eltern. Leise huschen sie vorbei. Sie möchten Mama und Papa in ihrem Schlaf nicht stören. Dann Wohnzimmer, Küche und das Bad. An der Wohnungstür wird der Flur zu einem langen Weg durch ein riesiges Haus. Räume öffnen sich, gewaltige Räume mit weichen Teppichen, uralten Möbeln, einen im Mondlicht glitzernden Kronleuchter und großen Gemälden an der Wand, Porträts von Frauen und Männern.

„Unsere Vorfahren“, raunt Charlotte. Die Köpfe folgen dem Weg der Kinder, lächelnd, grinsend, grummelnd oder weinend. Charlotte und Samuel tappen weiter, tief beeindruckt von den märchenhaften Erlebnissen. So gruselig wie die Nacht erscheint, so wenig Angst verspüren die Kinder. Entdeckerdrang, kindliche Neugier treibt sie.

Jemand ist an ihre Seite getreten, genau in dem Moment als die Kinder auf die Terrasse treten. Er hat kein Gesicht, trägt ein Hemd aus derbem Tuch, lang und grau, hoch über den Kopf gezogen. Lediglich die Augen sind zu sehen. Sie blitzen wie Sterne aus zwei Löchern in Gewand. Die Kinder bleiben an der steinernen Balustrade stehen und schauen in die Weite. Diese Person dagegen schreitet durch die Mauer, so als existiere sie nicht. Vom Mond strahlt ein Lichtkreis auf die ganze Szenerie.

Die Schatten der Kinder verzerren an der Hauswand. Es ist kein gewöhnliches Haus, er ist ein Schloss, ein großes Märchenschloss mit vielen Türmen, Verzierungen, riesengroß. Die Silhouetten von Charlotte und Samuel spielen mit den Steinfiguren, die in die Wand eingelassen sind. Elf Gesellen mit grauen Gewändern tanzen mit den Schatten einen lustigen Reigen zu einer leisen Musik, welche ein lauer Lufthauch mit sich führt.

„Guten Morgen, Kinder. Die Nacht ist vorbei. Es ist Zeit zum Wachwerden.“ Eine bekannte Stimme holt Charlotte und Samuel heim aus dem Traum. Sie reiben sich die Augen, möchten einen Moment lang zurück ins Land der Unendlichkeit, ins Land der Träume und Fantasie. Die Mutter sitzt am Bett, streichelt abwechselnd über die Köpfe der Kinder.

Der Text entstand bei einem Schreibworkshop von Anke Engelmann im Haus Dacheröden in Erfurt und wurde inspiriert durch zwei DiXit-Karten.