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condoms-3112007 - (c) pixabay.com

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All diese Fragen machen mich unruhig.

Zuerst kommt Elvira. Elvira ist nicht nur eine frühere Schulfreundin, der Schwarm meiner Jugend, die erste, schüchterne Kusserfahrung und Partnerin in der Tanzschule, sie ist heute noch eine Freundin, mit der ich mich mindestens einmal im Monat abwechselnd zu Kaffee und Kuchen oder Wein und Pizza treffe. Elvira redet wie ein Buch, von ihrer letzten Shoppingtour und der vorletzten, von ihrer Tochter, die jetzt ihren ersten Freund hat, was natürlich eine absolute Katastrophe ist und sie bestimmt bald Großmutter wird und von Wolfgang, ihrem Mann, den das alles überhaupt nicht aufregt, die Kreditkartenabrechnung ausgenommen. Doch dann fragt sie mich, mit einer für sie völlig untypische Ruhe in der Stimme, was das für Kuchenkrümel im Hausflur vor meiner Wohnungstür wären. In diesem Haus herrsche doch sonst immer eine vorbildliche Ordnung.

„Welche Kuchenkrümel?“, entgegne ich.

„Na die vielen Krümel, das zertretene Kuchenstück und ein Kondom im Hausflur vor deiner Wohnungstür.“

„Kondom?“

„Ja, ein pinkfarbenes Kondom, ausgerollt, wahrscheinlich unbenutzt, jedenfalls leer, soweit das zu erkennen ist.“ Soll ich das aufrollen und ins Schubfach vom Nachttisch legen, für den Fall, dass mal eine Frau vorbeikommt und unbedingt mit mir in die Kiste steigen möchte? Möglicherweise kam der Träger dieses Präservativs nicht zum ersehnten Ziel und zog es unverrichteter Dinge im Hausflur vor meiner Wohnungstür herunter. Elvira hat komische Ideen. Und dann meint sie, ich müsse mal fegen.

„Frechheit“, sage ich unhörbar und nur für mich, „Ich bin in vierzehn Tagen erst wieder mit der Hausordnung dran.“ Ich werde Amanda, meine Haushaltshilfe, bitten, den Flur außerplanmäßig zu reinigen, nächste Woche am Mittwoch, wenn ihr planmäßiger Putztag ist.

„Ich muss weiter, sei tapfer.“ So ist sie immer, redet wie ein Wasserfall und wenn ich endlich das zehnte Wort gesprochen habe, geht sie. Ich mag sie trotzdem.

Draußen auf der Straße ist seit einer Stunde viel los. Polizeiautos mit Sirenen preschen vorbei und biegen in die Nebenstraße ein. Leider kann ich aus dem Fenster nicht sehen, was da passiert ist. Neugierige hasten über die Fahrbahn.

Angelo ruft mir im Vorbeigehen zu, ich soll keinen Schreck bekommen. Es wäre Blut, kein Ketchup. Bei Angelo weiß man nie, ob er es ernst meint. Der ist Regisseur beim Regionalfernsehen. Nebenbei tritt er als Comedian auf. Irgendwie muss der ja Geld verdienen. Im Fernsehen sah ich noch nie einen Film von Angelo. Nur einmal, kurz vorm vorletzten Muttertag hörte ich im Radio einen Werbespot, bei dem mich die Stimme an Angelo erinnerte. Doch das muss eine Verwechslung sein. Angelo würde niemals Werbung für mütterliche Gesichtscreme machen, selbst wenn diese Spachtelmasse klinisch erprobt ist.

Schon von weitem sehe ich Zacharias kommen, öffne ihm die Tür. Unsere Begrüßung ist wie immer kurz und herzlich. Wir gehen ins Wohnzimmer und nehmen auf dem Ecksofa nebeneinander Platz. Zacharias legt mir seinen Arm über die Schulter und sagt nichts. Das tut gut. Nach zehn Minuten wird es mir langweilig und ich frage ihn, „Iss was?“.

„Nö. Ich wollte dich nur ein wenig trösten.“

„Danke Zacharias.“ Zacharias ist manchmal ein komischer Kauz. Aber liebevoll. Deshalb mag ich ihn. Hoffentlich findet der mal eine Frau fürs Leben. Bei den drei Letzten hatte er ja total danebengegriffen. Solche Schicksalsschläge nehmen ihn bestimmt mit. Wäre Amanda die passende Frau für ihn? Die räumt endlich mal seine Bude auf, macht sauber und kochen kann sie auch. Na gut, einem Schönheitsideal kommt sie nicht nahe, keinem noch so Ausgefallenen. Es sind ihre inneren Werte. Andererseits, sie ist eine Frau. Möglicherweise steht Zacharias mehr auf Männer und weiß es selbst noch nicht. Wo sonst kommen die Probleme mit den Frauen bei ihm her? Er versucht es immer wieder, um schließlich doch allein durch die Welt zu rennen. Sollte ich ihm das mal sagen? Nein, lieber nicht, dann denkt er womöglich, ich würde …

Mitten in meinen Gedanken schnellt Zacharias hoch, klopft mir kumpelhaft auf die Schulter und geht wie immer mit einem kurzen Gruß „Hau rein, Alter!“ Ja, manchmal ist zu viel Nähe nicht gut, da sollte man aufstehen und gehen.

Es klingelt an der Wohnungstür, keine fünf Minuten später, das Teewasser kocht noch nicht einmal. Mein Nachbar, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Konstantin-Rudolf Markewitsch steht vor der Tür.

„Nimm‘s nicht so tragisch. Du kannst nichts dafür. Die Jugend ist heutzutage so spontan. Wenn du Hilfe brauchst, klingel einfach bei mir. Du weißt ja, meine Ex ist Psychologin. Das hat auf mich abgefärbt.“

Weg ist er. Im selben Moment klingelt das Telefon. Immer wenn es so läutet wie jetzt, weiß ich, Mutter ist dran. Ich spüre es. Das ist Mutters Aura, die da mitschwingt. „Ach ja, halb fünf, ihre Zeit, jeden Tag seit knapp elf Jahren.“

„Ja Mutter, ich hab‘s nicht vergessen. Aber gestern konnte ich nicht kommen. Bei dem Regen scheucht man keinen Hund vor die Tür. Ich wäre ja klatschnass geworden, bis ich bei dir den Berg hochgestrampelt wäre. Ich komme morgen. Bis dahin wirst du es mit der kaputten Nachttischlampe noch aushalten, oder?“ Bei Mutter ist es immer besser, gleich zuzugeben, wenn man etwas verschusselt hat. Sonst dauert ihre Predigt eine Dreiviertelstunde, bis sie mit den Worten endet, „Ich habe 83 Jahre nur geschuftet und nun vergessen mich alle. Nicht einmal Alfred – Gott hab ihn selig – kann mich noch trösten.“

Ich hatte es bemerkt, aber irgendwie doch nicht. Mutter setzte laufend an, mich zu unterbrechen. Erst jetzt, als ich zum Luftholen eine kurze Pause einlege, beginnt sie.

„Ist doch nicht so schlimm, das mit der Nachttischlampe, mein Junge. Ich nehme einfach eine Kerze und stelle sie auf den Nachttisch.“ Ich bekomme beinahe einen Herzschlag, weil Mutter im Umgang mit Kerzen, Streichhölzern, mit Feuer überhaupt einem Pyromanen gleicht. Ich erinnere mich daran, dass in meiner Kindheit ein Weihnachtsbaum fast das ganze Wohnzimmer in Brand gesetzt hätte. Nur der Einsatz meines kleinen Bruders hat das Schlimmste verhindert. Mutig riss er die Wachstuchdecke vom Tisch und warf sie über die Flammen. Zumindest wenn man die auf dem Teppich verteilten Wiener, den Kartoffelsalat, die Kinderbowle sowie das „Gute Geschirr“ nicht einrechnet, hielt sich der Schaden in Grenzen. Auf einen Weihnachtsbaum kann man verzichten.

„Sei tapfer, mein Junge. Denk an Papa, da haben wir viel geweint. Und nun denken wir an ihn und freuen uns, dass es ihm da oben so gutgeht.“ Bevor ich meine Verwunderung äußern kann, klingelt es an ihrer Wohnungstür.

„Du, Junge, ich muss Schluss machen. Du weißt, es ist Donnerstag, da kommen die Damen vom Häkelkränzchen.“ Schwupps, schon hat sie aufgelegt.


Die Fortsetzung folgt in wenigen Tagen.