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cake-2358563 - (c) pixabay.com

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„Sind heute alle verrückt geworden! Was soll dieses Gehabe?“ Ich beschließe, in den Garten hinterm Haus zu gehen, frische Luft schnappen. Ich ziehe die Strickweste über und die Gartengaloschen an. Gestern hat es sintflutartig gegossen, die Wege zwischen den Beeten werden matschig sein.

Weiß gekleidete Gespenster laufen in meinem Garten herum. Ein weiß-rot-gestreiftes Band sperrt ihn ab. Ich trete aus dem Haus, möchte mal schauen, was hier vor sich geht. Am Gartenzaun, der an die Seitenstraße grenzt, stehen Polizeiwagen. Einer hat vergessen, das Blaulicht auszuschalten. Ein Mann mittleren Alters, mit grauem Trenchcoat und rotem Base Cape, also das Spiegelbild einer Witzfigur, fragt mich, „Sind sie der Gartenbesitzer?“. Ich schaue ihn mehr als überrascht an und möchte ihm sagen, dass ihn das nichts angeht, er sich wohl verlaufen hat, denn dies ist ein Privatgrundstück und mein Vermieter achtet darauf, dass sich hier kein fremdes Gesinde aufhält, da zeigt mir dieser Komiker einen Ausweis, einen der ihn als Hauptkommissar ausweist. „Klabuffke. Polizei. Mordkommission.“ Ich bin geplättet.

„Kennen sie die Frau?“
„Welche Frau?“
„Die Tote.“
„Welche Tote?“
„Die da im Gartenhaus.“
„Da ist um diese Zeit niemand“, entgegne ich.
„Doch eine Tote mit halber Torte.“
„Ach, das wird Amanda sein. Amanda stellt bestimmt die Torte fürs morgige Gartenfest in den Kühlschrank. Eine Cremetorte mit Erdbeeren, hat sie versprochen, eine ganze Torte allerdings.“
„Das hat sie auch gemacht, aber nicht überlebt.“
„Hat sie die halbe Torte gegessen und ist geplatzt? Oder Herzinfarkt? Die ist doch so jung, knapp 50.“
„Hackebeil, nicht Herzinfarkt.“
„Hackebeil? Wurde sie ermordet?“
„Nein, Selbstmord. Sie hat ein Liebespaar in der Hütte auf dem Sofa erwischt. Die haben gerade … Äh, na ja, jedenfalls liegen deren Klamotten immer noch herum, sind weggerannt, so wie sie waren. Der Sohn von diesem verrückten Professor aus der zweiten Etage und seine Freundin.“
„Der Professor hat eine Freundin?“
„Nein, sein Sohn.“
„Und der hat Selbstmord begangen?“ Ich bin fassungslos. Selbstmord nach dem Liebesspiel, vielleicht seinem allerersten. Das muss ja ein furchtbares Sahnetortenstück sein, das er sich geangelt hat.
„Nein, die Dame hat Selbstmord begangen, diese Amanda.“ Das kann ich nicht glauben. Amanda ist eine lebenslustige Frau. Na gut, das mit ihrem verschiedenen Ehemann, das war schon ein Schlag ins Kontor ihres Lebens. Wieso ist der Blödmann auch gegen den Bus gelaufen, das musste ja schiefgehen. Ist nun sieben Jahre her, sie hat es sicher verkraftet. Neulich hatte sie, sagt man im Dorfladen, sogar einen Freund, einen, der etliche Jahre oder Jahrzehnte jünger ist als sie. Liegt garantiert an ihren herrlichen Torten. Da kann auch ich nie widerstehen, nehme meistens ein drittes Stück. „Fräulein Amanda ist vor Schreck die Torte von der Tortenplatte gerutscht“, berichtet der Hauptkommissar, „Der Junge war ebenfalls erschrocken, ist aufgesprungen und konnte gerade noch eine knappe Tortenhälfte auffangen als sie ihn, äh, äh, … also unterhalb des Bauchnabels touchierte und in zwei Teile brach. Vor Wut griff Amanda eine Axt, die da rumlag und wollte die Beiden vertreiben. Sie holte allerdings zu weit aus, verlor die Gewalt über das Hackebeil und knallte sich die Klinge in den eigenen Schädel. Volltreffer.“ Ich fasse es nicht. Amanda. „Arbeitsunfall“, ist das Fazit des Hauptkommissars.

Jetzt müsste ich jetzt einen Schock bekommen, vielleicht sogar in Verbindung mit einem leichten Herzinfarkt. Aber das Ganze erscheint mir so unwirklich, dass ich eher an „Versteckte Kamera“ glaube. Gleich springt hier so ein verrückter Fernsehfritze raus und brüllt „Ätsch! Reingelegt!“ Meinem Kumpel Angelo traue ich so etwas zu. Der muss doch mal auf den Sender kommen.

„Ist die Dame wenigstens bei der Minijob-Zentrale angemeldet?“, setzt der Kriminale noch eins drauf. Ich nehme diese Frage nicht mehr wahr. Amanda hätte wirklich gut zu Zacharias gepasst. Und nun soll sie tot sein? Wo bekomme ich eine neue Haushaltshilfe her, eine, die zu mir und zu Zacharias passt. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt!

Ich muss mich setzen. Wenigstens steht hier an der Hauswand eine Bank. Der Kommissar merkt, mir schlagen seine Nachrichten auf den Magen und er schiebt den ganzen Kram, den die Spurensicherer darauf verteilt haben, zur Seite.

Jetzt bräuchte ich einen Schnaps oder zwei. Vielleicht auch drei. Verdammt. Amanda. Morgen knöpfe ich mir den Bengel von diesem Professor vor und drücke ihm Besen und Kehrschaufel in die Hand! Hoffentlich hat er sich bis dahin was angezogen. Und eine andere Freundin sollte der sich auch suchen. Den Schlüssel fürs Gartenhäuschen darf er behalten. Ich war auch mal jung.

Ich stehe auf und halte mir die Ohren zu.


Die Urform dieses Textes entstand bei einem Schreibworkshop von Anke Engelmann im Haus Dacheröden in Erfurt. Die Aufgabe lautete:

Zwischen zwei Sätzen

In Hanns-Josef Ortheils Buch „Der Stift und das Papier“ kommen diese beiden Sätze vor:

„All diese Fragen machen mich unruhig. Ich stehe auf und halte mir die Ohren zu.“

Wir sollten eine Geschichte schreiben, die zwischen diese Sätze passt.