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Eiscreme - (c) pixabay.com

Eiscreme – (c) pixabay.com

Erst läuft ihm eine schwarze Katze über den Weg, dann wird er auf dem Zebrastreifen um Haaresbreite von einem Leichenwagen überrollt. Abergläubig ist er nicht. Heute geht er kein Risiko ein.

Gegenüber vom Bismarck sollen sie sich treffen, vor einem Eis-Café. Dreimal fragte Olaf, wo dieser Bismarck wohnt. „Wer ist das überhaupt? Gewiss so eine Art Goethe, nur in klein. Was hat der mit Erfurt am Hut?“ Und nun gibt es hier zwei Eis-Cafés. Hoffentlich finden sie sich, er und die Unbekannte.

„Da ist sie!“ Olaf ist sicher, die Richtige entdeckt zu haben. Mittelgroß, dunkle Haare, Sonnenbrille mit verspiegelten Riesengläsern, eine etwas zu kurz geratene 7/8-Hose, südländischer Typ. Völlig unauffällig auffällig, so wie er. Pünktlich erscheint sie vor dem „Café Polo“ am Anger. „Lass es auf dich zukommen“, hieß es bei der Verabredung, „Du merkst schon, wie es läuft.“

Olaf ist unentschlossen. Nur der Treffpunkt war vereinbart, nichts weiter. Sie steht herum, kramt in ihrer Handtasche. Er beschließt, eine Kugel Eis zu kaufen. Vielleicht nimmt sie ihn dann wahr. Olaf tritt in den Gastraum an den Verkaufstresen. Sie hat dieselbe Idee. Der Zusammenstoß ist unvermeidlich. Ihre Handtasche rutscht von der Schulter. „Tschuldigung“, brummelt sie. Olaf nickt, sagt „sorry!“. Dabei schauen sie sich zum ersten Mal direkt ins Gesicht. „Dämliche Brille“, denkt Olaf und gewährt ihr den Vortritt. Sie bestellt zwei Kugeln, Schoko und Mango und reicht einen Hunderteuroschein rüber. Der Eisverkäufer grinst unbeeindruckt. Olaf meint machohaft, „Typisch Frau“, wartet, ärgert sich, dass der Verkäufer das Wechselgeld in Ein- und Zwei-Euro-Stücke herausgibt, sich zweimal verzählt, lacht und ihr dann großzügig den Schein zurückgibt. „Stimmt so.“

Olaf ordert eine Kugel Stracciatella, legt zwei Euro in die Schale fürs Geld, eilt der Dame hinterher. „Il Signore, Moment, das Wechselgeld“, ruft der Eisverkäufer. Olaf muss ihr auf den Fersen bleiben. Um Haaresbreite wäre sie ihm entwischt.

Sie schlendert kreuz und quer über den Anger, die Erfurter Einkaufsmeile, von einem Schaufenster zum nächsten, Klamotten, Schuhe, Schuhe, Klamotten, immer abwechselnd. Sie leckt ihr Eis, so als wäre nichts geschehen. Es war ja auch nichts.

Dieses Schleichen nervt. Olaf wartet auf seine Gelegenheit. Soll er sie ansprechen? „Es wird sich ergeben“, lautet die Abmachung. Sie würdigt ihn keines Blickes. „Blödes Spiel!“, schimpft Olaf. Er ist es gewohnt, ordentlich zu laufen. Ordentlich bedeutet, zügig, Schritt für Schritt, immer dem Ziel entgegen. Schaufenster interessieren ihn nicht, er weiß stets, was er will. Und vor allem, in welchem Laden er das bekommt. Spazierengehen, Shoppen ist etwas für Frauen, nichts für ihn, höchsten als Begleitung für seine Angetraute und nur, wenn es unvermeidlich ist. Derweil watschelt er von Schaufenster zu Schaufenster, schaut sich Kleider, Dessous, Damenschuhe, Hosen, Handtaschen an, diese Dame immer im Blick behaltend. „Wie viele Klamottenläden gibt es in Erfurt? Braucht man all die Schuhläden?“ Hoffentlich geht sie nirgends hinein. Mit ihrem Eis in der Hand wohl nicht. Doch jedes Eis hat ein Ende.

„Irgendwann muss sie doch mal …“, denkt Olaf fast verzweifelt, „Irgendeine Gelegenheit muss sich ergeben. Oder sollte ich sie doch ansprechen?“. Er traut sich nicht.

Olaf steht vor einem Modegeschäft. Er langweilt sich, ist unschlüssig. Seine Gedanken schweifen in die Ferne. Mit dem Eis ist er längst fertig. Da läuft sie los, biegt in eine Gasse ab, schnell. Es dauert einen Moment, bis Olaf das bewusst wahrnimmt. Er folgt ihr. Ein Stück weiter wartet ein junger Mann auf einer Vespa. Der reicht ihr einen knallroten Helm. Sie steigt auf. Dann gibt er Gas.

„Verdammt!“, Olaf ist geschockt. Sie ist weg, ist ihm entwischt. So war es nicht geplant. Er hat die Geldübergabe vermasselt und Giovanni wartet, ist mit seiner Geduld am Ende, gewährte ihm drei Tage Aufschub. „Letzte Chance!“, war sein Abschiedswort.

War sie die falsche Fährte, auf die er setzte? Jetzt ist es zu spät. 14 Uhr war abgemacht, 14 Uhr vor dem Café gegenüber vom Bismarck, unauffällige Frau, südländischer Typ, 7/8-Hose. Alles passte. Olaf hat Angst.

Er schlendert zurück, hat seinen Auftrag nicht erfüllt. Wird Giovanni die Drohung wahrmachen? Vor Olafs Augen tanzen hundert dunkelhaarige Frauen in 7/8-Hose. Er gibt sich einen Ruck. „Aufwachen!“, befiehlt er sich, „Du musst die Richtige finden, du musst! Die läuft hier noch herum.“ Es ist nur ein Hoffnungsschimmer.

Viele Frauen kreuzen seinen Weg, blonde, brünette, dunkelhaarige …, im Kleid oder mit Hose, 7/8-Hose. „Blöde Mode!“, denkt er, „Wie soll ich die Richtige finden?“

Fiat 500 - (c) pixabay.com

Fiat 500 – (c) pixabay.com

Olaf fasst sich an die Gesäßtasche, versichert sich, ob das Bündel Scheine noch da ist. Schlagartig ist er hellwach. Die Tasche ist leer. 50 Hunderter, geliehen bei Freunden unter unsäglichen Ausreden, zu horrenden Zinsen. Seinen roten Fiat 500 mit 22 PS, Faltdach und H-Kennzeichen hat er als Sicherheit gegeben.

Olaf hat Angst, Angst um sein Leben. Und die Kumpel, die ihm Geld liehen, was soll er denen sagen? Wenn er dann noch einen Mucks von sich geben kann.

„Alles klar!“, steht in der SMS, die in diesem Moment auf seinem Handy ankommt.


Dieser Text entstand am 24. August 2019 bei einem Schreibworkshop mit Anke Engelmann im Haus Dacheröden zu Erfurt.

Die Aufgabe lautete: Schaut aus dem Fenster und beobachtet, wie die Leute über den Erfurter Anger flanieren. Schreibt einen Text über diese Menschen. Vielleicht besteht zwischen ihnen eine geheime Verbindung oder …