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Weihnachtsfee - (c) pixabay.com

Weihnachtsfee – (c) pixabay.com

Weihnachten ist doof! Ich kann es kaum erwarten.

Zuerst wächst die Sehnsucht. Langsam. Unmerklich. Die Sonne wärmt den Scheitel, das Getreide wartet auf den Mähdrescher, die monatelange Trockenheit mausert sich zur mittelprächtigen Naturkatastrophe. Dann liegen, gleich nach dem Ostseeurlaub, die ersten Pfefferkuchen in den Regalen vom Supermarkt. Standhaft und prinzipienfest werden sie wochenlang ignoriert. Na gut, einmal probieren, ist erlaubt. Und so ein klitzekleiner, mittelgroßer Schokoladenweihnachtsmann macht den Kohl nicht fett. Das Silberpapier verschwindet klammheimlich im Papierkorb.

Es ist gemein. Knall auf Fall, völlig unerwartet, ohne Vorankündigung sind es nur noch läppische sieben Tage bis zum Heiligen Abend.

Ich brauche Geschenke, dringend, nicht für mich, für die Lieben. Doch was schenken? Freude bereiten sollen sie, wenig kosten, überraschend kommen. Das macht es so irrsinnig kompliziert. Wir leben im 21. Jahrhundert, im Zeitalter des Internets. Kommt die Bestellung im Internetshop rechtzeitig vor dem Fest an? Verpacken die das gleich in Geschenkpapier, mit Widmung? Die entscheidende Frage: Was ordern? Ein Jackpot im Lotto wäre die Lösung des Problems. Jeder bekommt eine Mille, der Rest bleibt für mich. Bleibt überhaupt etwas übrig?

Ein Weihnachtsbaum, eine Blautanne soll es sein, so wie letztes Jahr, wie vorletztes Jahr, wie immer. 1,87 m hoch, dichte Locken, frisch wie ein Gebirgsbach, gerade wie ein Richtscheit und preiswert wie ein Brötchen von vorgestern. Ausgerechnet jetzt gibt es nur krumme Dinger mit Fehlstellen im Geäst. Schlappe 50 Euro blättere ich jedes Jahr hin, Tendenz steigend. Wenn ich mit solch einer Krücke zu Hause antanze …

Die Gans, das arme, federlose Vieh, nächtigt seit Wochen in der Tiefkühltruhe. Plagen sie Alpträume? Haben wir genügend Kloßkartoffeln im Keller? Weihnachten, in Thüringen, mit Gans und Rotkohl ohne Klöße, das ist wie eine Welt ohne Schokolade. Eine Katastrophe, der Weltuntergang, ein Big Bang, nur rückwärts. Reicht ein Kopf Rotkraut? Zwei wären besser, mit einem Dritten wären wir auf der sicheren Seite. Was essen wir am zweiten Weihnachtstag? Und Heiligabend?

Das Schittchen wird nicht reichen, wenn Onkel Alfred mit seiner Henriette kommt. Der sagt immer „Stollen“ zu unserem Schittchen und verwirkt sich damit das Recht, davon zu essen. Wir sind so großzügig, das Randstück bekommt er und ein Mittelstück und noch eines und … Onkel Alfred. Da brauchen wir zwei Flaschen Schnaps. Billig-Fusel reicht. Wenn der Onkel einen sitzen hat, merkt es nicht, dass wir gespart haben.

Lametta! „Nein, bloß nicht!“ Lametta ist out, seit 20 Jahren. Damals haben wir die Streifen zum letzten Mal gebügelt und nun liegen sie im Keller, im Regal weit unten, wenn sie nicht längst zu Staub zerfallen sind.

Staubsaugen! Muss auf die ToDo-Liste, mindestens zweimal, sicherheitshalber. Nein, dreimal, einmal hinterher. Alfred krümelt immer so. Nicht nur Alfred. Das trockene Schittchen und Henriettes selbstgebackene Vanillekipfel ohne Vanille, mit viel Mehl, einem Hauch Kipfel und einem gutem Schuss Kognak.

Hoffentlich schneit es nicht. Weiße Weihnacht ist ein Drama. Wer liebt Schneeschieben, am Heiligen Abend, fünf Minuten vor der Bescherung. Alfred parkt immer so rasant ein, das könnte schiefgehen, wenn es schneit. Und wenn der Onkel endlich wieder nach Hause fährt … Hoffentlich meckert er nicht so viel, wenn seine Henriette am Steuer sitzt. Vor zwei Jahren hätte sie ihn um Haaresbreite mitten auf der Autobahn ausgesetzt, bei Regen. Im besten Fall schläft er gleich ein. Dann lässt sie ihn bis zum nächsten Tag im Auto schnarchen, so laut er möchte.

Benötigen wir Kerzen? Also echte, solche mit Docht und Feuer und ohne LED. Kerzen sind furchtbar gefährlich. Jedes Jahr zu Weihnachten brennt halb Deutschland ab, der Rest zu Silvester. Wir haben einen neuen Feuerlöscher für ABC-Brände. Und der Wischeimer mit Wasser in der Wohnzimmerecke neben dem Sofa verleiht zusätzlich das Gefühl von Sicherheit. Vielleicht überstehen wir die Feiertage ohne Notruf. Wenigsten eine einzige Kerze stellen wir auf die Anrichte, so eine dicke, rote, weihnachtliche. Ist ja Weihnachten. Oder auch nicht, also die Kerze. Die sieht man zwischen den 27 Lichterketten und unterm Kronleuchter sowieso nicht.

Außerdem riechen Kerzen immer so komisch, wenn man sie auspustet. Und Onkel Alfred kokelt wieder. Letztes Jahr, nein, vorletztes Jahr hat er dem Plastikengel die Flügel angeschmort. Mörder! Das hat gestunken wie damals im Matheunterricht, als ich die Rauchgranate unterm Lehrertisch zündete. Die Mathearbeit, in verschärfter Form, haben wir eine Woche drauf geschrieben. Beides ist unvergessen, die blöde Lehrerfresse, die Rauchgranate und die fünf in Mathe.

Seit Monaten überlege ich, wo die CD mit den Weihnachtsliedern abgeblieben ist. „Oho Tannebaum“, „Stihille Naaacht“ und „Schneeheflöckchen, Weißröckchen“ – in Dauerschleife. So ein Weihnachtstag ist lang. Furchtbar! Hat Alfred die CD eingesteckt, im Suff, weil er die Lieder mitgrölen konnte. Ich schreibe es mal auf die Einkaufsliste für Weihnachten, gleich unter die zweite Weihnachtsgans, die zur Reserve, dick unterstrichen: Weihnachtslieder. Am besten eine vom Dresdner Kreuzchor, den Leipziger Thomanern oder den Leningrader Sinfonikern. Das ist dann Kunst. Daran wird sich Alfred doch nicht vergehen? Dem ist alles zuzutrauen. Wie heißt Leningrad heute? Irgendwas mit Nikolaus, Knecht Ruprecht oder Petrus. Egal, ist weit weg. Hauptsache die Russen liefern genügend Erdgas für die warme Stube.

Was sage ich, wenn Henriette fragt, wie uns das Konzert gefallen hat? Das haben wir glatt verschwitzt, zum Glück. Erst letztens, als ich die Bänder fürs Einwickeln der Pakete suchte, hielt ich sie in der Hand, Henriettes Weihnachtsgeschenk, Karten für ein Sinfoniekonzert mit Werken von Claude Debussy, Maurice Ravel und Igor Strawinsky. Musik von Leuten, deren Namen ich nicht aussprechen kann, höre ich mir grundsätzlich nicht an. Henriette weiß doch genau, dass wir so etwas nicht mögen. Die Kastelruther Spatzen, die original Egerländer Musikanten oder wenigstens die Wildecker Herzbuben, das wäre ja gegangen. Von Musik hat Henriette keinen Schimmer. Ich habe ihr in diesem Jahr Karten für ein Konzert mit wirklich moderner Musik besorgt. Sage ihr natürlich nicht, dass es Gangsta-Rap sein wird. Einschlafen wird sie dabei jedenfalls nicht. Den Titel „ältester Gangsta aller Zeiten“ heften sie Alfred garantiert ans Revers. Schade, dass ich ihre Gesichter nicht sehen kann, wenn sie mitbekommen, wo sie gelandet sind.

„Au Backe, beinahe hätte ich es vergessen.“ Die Nachbarn bringen immer eine Tüte selbstgebackener Plätzchen vorbei. Letztes Jahr brauchte man Hammer und Meißel zum Verzehren. Ich habe die Krümel ins Futterhaus für die Meisen gestreut. Seitdem kam kein einziger Vogel zu uns.

Hilfe, ich muss backen. Wo ist das Rezeptbuch? Egal, ich kaufe im Supermarkt eine Portion Plätzchen, fülle sie um und hänge ein buntes Schild dran: „Für die besten Nachbarn der Welt“. Die merken nicht, dass die Kekse nicht selbstgemacht sind. Und ein Glas Himbeermarmelade von vor drei Jahren gebe ich rüber. Die muss weg. Diese Himbeermarmelade mag ich nicht. Da waren zu viele Maden drin und ein paar haben wir sicher übersehen. Die Nachbarn tun dann so, als freuten sie sich darüber, wie letztes Jahr, wie vorletztes Jahr, wie immer. Kleine Gaben erhalten die Freundschaft.

Was ziehe ich zu Weihnachten an, roter Mantel, Mütze, Schal, Handschuhe, Stiefel, weißer Rauschebart? Um Gottes willen, die halten mich für bekloppt. Das denken die sowieso. Da brauche ich mir über die Anzugsordnung keine Gedanken zu machen.

* * *

„Was ist das?“ Ein Wecker klingelt Sturm. Nein, da ist jemand an der Haustür. Der Pizzabote. Klar, ich hatte eine „Hawaii“ bestellt, mit Extra-Käse und bin zwischendurch auf dem Sofa eingepennt. Es ist verrückt. Immer wenn ich hungrig bin, plagen mich Alpträume.


Dieser Text entstand am 14. Dezember 2019 bei einem Schreibworkshop mit Anke Engelmann im Haus Dacheröden zu Erfurt.

Die Aufgabe lautete: Schreibt eine Geschichte aus der Sicht eines Weihnachtsmuffels oder Weihnachtsfans. Für welche Version hatte ich mich entschieden?