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(c) pixabay.com

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Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

„Alle Welt“, was bedeutet das? Der Kaiser meinte Menschen. Zur Welt gehörte mehr, viel mehr. Häuser, Felder, Tiere, Steine, Wasser und Feuer, der Himmel … Wie lässt sich das schätzen. Und die Welt war riesengroß, schon damals vor über 2000 Jahren, weitaus größer, als alle Vorstellungen reichten.

Was heißt schätzen? Messen, zählen … Wie genau kann eine Messung sein? Dazumal war erst einmal durchzählen angesagt. Eins, zwei, drei … tausend, zehntausend unendlich. Wo war die Grenze zwischen „abzählbar“ und „unendlich“? Viel weiter vorn als wir sie in unsrer Zeit sehen. Heute gibt es für alles eine wissenschaftliche Begründung. Selbst für den Punkt, an welchem die Unendlichkeit beginnt und den, an dem sie endet.

Ab wie viel Bäume sagt man Wald? Ab hundert oder 723, 1111 oder … Wald ist eine völlig neue Eigenschaft von Bäumen. Geht die Eigenschaft des einzelnen Wesens in der Masse der Bäume verloren, beginnt die neue Qualität „Wald“. Jeder sieht es anders, bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit, Jäger, Mörder auf der Flucht, ein heimliches Liebespaar, der Pilzsammler …

Wie spät ist es? „Ich schätze, es dürfte kurz vor zwölf sein. Mein Magen knurrt schon. Gibt bald zu essen.“ Solch grobe Zeitansagen reichen bei Bahn und Lufthansa oder auf dem Weltraumbahnhof nicht. Da geht es um Minuten, Sekunden oder Bruchteilen davon. Zumindest beim Start. Die Ankunft kann sich verzögern. Startet die Sojus eine Zehntelsekunde zu früh oder zu spät, findet sie die ISS nicht. Oder sie benötigt einen Extra-Schub aus dem Triebwerk oder eine Zusatzrunde um den Planeten.

Ich schätze, über dieses Thema könnte man schätzungsweise noch Jahrtausende philosophieren und würde kein punktgenaues Ergebnis erhalten.

Vor 2000 Jahren wollte man nur Menschen zählen, Steuerzahler, potenzielle Soldaten, Arbeiter … Die hatten sich einzufinden, an einem Ort, zu einer Zeit. Wie genau war die Zählung? Haben einige Untertanen gemogelt, sich versteckt, das Ereignis schlicht verpennt? Und zählten reiche Dicke doppelt und magere Arme, also Bauern, Sklaven nur halb? Und Kinder und Ungeborene. War der Wert Neugeborener anders als der Menschen, welche genau am Tag der Schätzung verstarben?

Es war der erste Versuch einer Volkszählung, nicht mehr und nicht weniger. Heute, über 2000 Jahre später sind Volkszählungen nicht einfacher. Man nennt es Zensus, das klingt wissenschaftlicher, seriöser. Es ist eine staatlich angeordnete Erhebung statistischer Daten des Volkes. 1983 gab es ein Urteil des Verfassungsgerichts zu der damals geplanten Volkszählung in Deutschland. Das Ergebnis war schließlich das erste Datenschutzgesetz. Es regelte, noch unvollständig, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung als Ausfluss des allgemeinen Persönlichkeitsrechts und der Menschenwürde. Klingt kompliziert, ist furchtbar komplex. Außer für eingefleischte Juristen. Für die ist es eine Gelddruckmaschine. Diese inzwischen europäische Grundverordnung nervt Herrscher und Konzerne gewaltig. Kaiser Augustus wäre das egal gewesen. Er war der Chef, er hatte das Sagen und alle gehorchten.

Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.


Dieser Text entstand am 14. Dezember 2019 bei einem Schreibworkshop mit Anke Engelmann im Haus Dacheröden zu Erfurt.

Die Aufgabe lautete: Nimm die beiden Sätze aus der Weihnachtsgeschichte und denk dir einen Text aus, der dazwischen passt.