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Milchstraße, dann rechts: Burg Fürsteneck

Milchstraße, dann rechts: Burg Fürsteneck

Es dauerte rund eine Stunde, die Autofahrt von Daheim nach Fürsteneck. Anstrengend war sie nicht, eher langweilig, kein Stau, kein Unfall, zum Glück, zwei Tagesbaustellen und Regen, viel Regen. Ich liebe es, wenn Tropfen aufs Fensterbrett trommelt. Beim Autofahren eher nicht. Da bräuchte ich einen Regenschirm, einen großen, der mich vor den Fontänen der Laster schützt. Aber bei 150 flöge der fort, irgendwohin ins Nichts. Weg ist er, mein schöner blauer Schirm, das Geburtstagsgeschenk meines Chefs. Jeder bekam zum Geburtstag einen Regenschirm, das Geburtstagspräsent des Jahres, nicht unpraktisch. Blau ist die Farbe der Firma, HKS irgendwas. Blau eben, wegen des Wiedererkennungswertes. Dieses Blau ist das Magenta der Firma. Es soll einen Impuls geben: Achtung, das ist dieser Laden! Da sind alle blau. Sind sie natürlich nicht. Aber so stellt es sich der Chefmarketer wahrscheinlich vor. Alle Welt sieht Blau, diese Firma, die ist einmalig. Natürlich ist dieses Blau patentiert, weltweit und darüber hinaus.

Vieles ist mir heute völlig gleichgültig, nur nicht dieser verrückte Regen, mein Ziel, diese uralte Burg auf den Berg von Fürsteneck und mein Kumpel Hugo, das Burggespenst. Der wartet längst auf mich, hat sich wieder irgendwelchen Blödsinn zur Begrüßung ausgedacht.

Der Regen platscht auf die Steine im Burghof. Der Weg ist steil, halbsteil, möchte nicht übertreiben. Das Pflaster ist uneben, rutschig vom Regenwasser. Die mindestens 600 Jahre alte Burglinde winkt mir zu. Der Anblick des Burgtores lässt mein Herz schneller schlagen: Ich bin da! Die Burg ist wundervoll, hat eine Aura, die strahlt bis zu den Vulkankegeln des hessischen Kegelspiels, weit darüber hinaus.

Ich rutsche, stolpere, irgendetwas fängt mich auf. Meine Geschicklichkeit? Hugo war‘s, hat mich angestupst, „Hallo Alter“ gesagt, mich Straucheln sehen, meine Hand erfasst und mich vor dem Sturz bewahrt. Ja, so ist er, frech und lieb, lieb und frech, dieser unsichtbare Rotzlöffel, der eigentliche Herr auf Burg Fürsteneck.

Der Duft der Burg, der dicken Mauern und Balken, das Gemisch aus Ruhe, Tradition und Leben. In der Küche ist man fleißig. Was wird zum Abendbrot wieder Leckeres aufgetischt?

Zugluft geht über den Burghof. Hugo hat es wohl eilig, nimmt das hintere Burgtor, rast hinunter zur Fallobstwiese, vorbei an den drei großen Linden und der schönen Krüppelkiefer. Vielleicht sammelt er ein paar Äpfel vom letzten Jahr. Zum Abendbrot wird wieder leckerer Saft kredenzt.


So war es bei meinem letzten Besuch auf der Burg vor wenigen Tagen, beim vorletzten direkt nach Weihnachten und die vielen Male davor. Am letzten Wochenende war ich zum Schreibworkshop. Viele schöne Texte sind entstanden. Hier ein Beispiel, eine Textprobe, die vorletzte Szene aus der Geschichte „Helene hat eine großartige Stimme“ (Arbeitstitel). Es folgen nur noch dreieinhalb Zeilen mit dem Happyend zwischen dem Auftragskiller, Helene, Anastasia und Zacharias. Eine wunderschöne Zweierbeziehung! Ja, das mit dem Zählen ist manchmal nicht ganz einfach.

Die ganze Geschichte wird es hier im Blog auch zu lesen geben. Das dauert noch ein paar Wochen. So ein Text muss erst gut abhängen, reifen und dann gründlich überarbeitet werden. Lasst euch überraschen!


Leseprobe

„Euch müsste man umbringen!“ Anastasia zieht sich ins Schlafzimmer zurück, nicht ohne die Tür zu verriegeln. Sie ist müde, alles hat sie überfordert. Und nun auch noch diese geile Zeitungstante, die Schneider-Knesebrüll! Bald schläft sie wieder. Böse Träume plagen sie. Ein Auftragskiller ist hinter ihr her, jagt sie. Sie läuft eine Ewigkeit durch Straßen, über Plätze und durch Parks, quer durch die Stadt. Sie verliert ihre Stöckelschuhe. Es geht ums Überleben. Vor der Stadthalle bekommt er sie zu fassen, zerrt sie hinein, auf die Bühne. Sie schreit, niemand hört sie. Mitten auf der Bühne küssen sie sich, beide Pumps von gestern Abend stehen ordentlich neben der Bassbox. Plötzlich liegen sie in einem Bett. Helenes Lieblingslied von gestern Abend ertönt. Anastasia ist entsetzt und brüllt „Mach das aus!“. Ruhe. Kerzenschein. Beim Sex überredet sie ihn, Zacharias zu meucheln, grausam zu meucheln. Im schönsten Moment haucht sie, „Das Blut soll spritzen, er muss schreien, mit seinen Gedärmen sollst du ihn würgen, stundenlang.“

Der Auftragskiller schüttelt Anastasia.