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(c) pixabay.com

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Es wird niemanden geben, der die Stube reinigt. Selbst Jahrzehnte später sind die Spuren von Hugos Tat deutlich sichtbar. Doch im Moment seines Verbrechens ist ihm das egal. Er empfindet kein Mitleid mit dem Herrn. Hugo ist stolz auf sich, seinen Mut, seine Heldentat. „Ich habe die Welt gerettet!“, denkt er zufrieden. Er ist sich der Tragweite und der Konsequenzen seiner Tat bewusst.

Lange dauert es nicht. Eine Magd bemerkt die Freveltat als erste. Schreiend rennt sie durch die Burg. Wenig später wird der Burgherr im Barbierzimmer gefunden, tot. Das Rasiermesser liegt in der Blutlache, die langsam, mit allerletzter Kraft aus der Halsschlagader des Burgherrn rinnt. Das hektische Pulsen hat längst aufgehört. Die Holzschüssel, in welcher Hugo die Seife anrührte, scheint in dem Meer aus Blut zu schwimmen. Das Gesicht des Burgherrn ist durch die Mischung aus weißem Seifenschaum und rotem Blut zum skurrilen Abbild eines Hofnarren verkommen.

Leugnen hilft nicht, Hugo versucht es gar nicht erst. Er steht zu seiner Tat, jedenfalls solange er noch stehen kann. Am selben Tag, wenige Stunden nach dem Verbrechen verliert Hugo seinen Kopf. Alle Mägde und Knechte, die Familie und Diener des Burgherrn, alle seine Getreuen wohnen der Exekution bei.

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Ein schweres Gewitter entlädt sich. Niemand bemerkte, wie es aufzog. Als Hugos Kopf fällt, schlagen Blitze im Dach der Burg ein, ohrenbetäubender Donner erfüllt den Burghof, Regen fällt, wird zum Wolkenbruch, Hagelkörner, groß wie Hühnereier zerschlagen Dächer und Fenster. Die Burg steht unter Wasser, halbmeterhoch, obgleich sie auf einem Berg thront. Die Keller laufen voll. Sturmböen fegen die maroden Dächer vom Herrenhaus und des Marstalls hinweg. Die Trümmer erschlagen etliche der feinen Herrschaften der Burg. 17 Tage und Nächte wütet das Unwetter.

Endlich, das Wasser ist abgelaufen, die Opfer wurden beigesetzt. Lange Jahre der Trauer nehmen ihren Anfang. Wer es irgendwie einrichten kann, vermeidet es, den Burgberg hinauf zu steigen. Die dunklen Nebel der Seelenschmerzen und des Zorns wallen lange durch die Burg. Selbst das durchziehende Heer eines fränkischen Königs verzichtet auf einen Abstecher.

Unten im Tal ging das Leben währenddessen ungestört weiter, so als wäre nichts geschehen. Die Bauern sahen zwar, über der Burg geht ein tagelanges Unwetter nieder, ihre Dörfer, die Felder und Wiesen blieben wie von Geisterhand ungeschoren und unversehrt. Im Gegenteil, die Ernte der folgenden Jahre fiel unvorstellbar reich aus. Und Abgaben an die Burgherren waren erst Jahrzehnte später wieder fällig, als oben ein neuer Herr einzog und sich das Leben auf dem Burgberg halbwegs normalisiert hatte.

Es ist nicht überliefert, wann diese Freveltat ausgeführt wurde. Fest steht, es war vor vielen hundert Jahren, die heute über zwölf Jahrhunderte alte Burg war noch jung. Bekannt ist, wer die Beteiligten waren, dass sie diesen Tag nicht überlebten. Lediglich die Barbierstube zeugte von den Geschehnissen, jahrzehntelang. Es war das Blut des Burgherrn, das Wände, die schwere Eichentruhe und den Steinboden besudelt hatte. Das Bartmesser wurde, völlig rostig, erst etliche hundert Jahre darauf von einem späteren Burgherrn hinter der massigen Truhe entdeckt. Niemand beseitigte die Blutspuren. Vielleicht versuchte eine Magd, nachdem sie sich vom Schock der Ereignisse ein wenig erholt hatte, pflichtbewusst, Wände, Stühle, Tische, Truhe und den Steinboden zu reinigen. Es gelang ihr nicht. Einer sorgte dafür, dass das Blut des Burgherrn, zur Mahnung und als Drohung unauflöslich war. Viele Jahrzehnte später ließ das Interesse dieser geheimnisvollen Erscheinung im blutverschmierten Raum nach. Es dauerte lange, bis alle Spuren vom Zahn der Zeit weggefressen waren. Zu tief waren sie in die Gemäuer und Eichenbohlen eingezogen.

Die blutrünstige Tat geriet in Vergessenheit, in Vergessenheit bis er sie wieder ans Licht der Burgtage brachte: Hugo, Hugo von Fürsteneck, ehemals Barbier des Burgherrn. Seit dieser Zeit, vor vielen hundert Jahren, trägt er seinen Kopf auf der linken Hand spazieren, hebt ihn stolz zum Gruße, besucht ihn einer seiner Gespensterkollegen.

Jedes Jahr, Neujahr ist kaum vergangen, jährt sich Hugos Tat, jährt sich der Tag, an welchem der Burgherr, natürlich versehentlich, eine große, vom Barbier beigebrachte Wunde am Hals erlitt, kurz darauf verstarb, der Tag, an welchem Hugo seinen Kopf verlor, der Tag, an welchem ein gewaltiges Unwetter die Burg beinahe verschlang, der Tag, an welchem Hugo in die Innung der Gespenster aufgenommen wurde. Mit lautem, unhörbarem Brimborium trugen sie ihn fort, zelebrierten 17 Tage und 17 Nächte lang eine Zeremonie, die zu beschreiben einem Menschen aus Fleisch und Blut unmöglich ist. Schließlich löste sich Hugos Körper auf, wurde gespenstische Urmaterie, wurde alles und nichts, genau zu dem Stoff, aus welchem das Land, die Welt, das Universum der Gespenster besteht.

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Hugo von Fürsteneck, Gespenst auf Burg Fürsteneck, oberhalb des Dorfes Fürsteneck, zum Markt Eiterfeld gehörend, gelegen in der hessischen Rhön, feiert im Januar seinen Geburtstag, den Geburtstag als Gespenst, nicht den des Barbiers, den kennt nur Hugo selbst. Niemand, nicht einmal Hugo weiß, der wievielte es inzwischen ist. Es lohnt sich nicht nachzurechnen. Für Gespenster spielt die Zahl der Jahre keine Rolle, sie leben in einer raum- und zeitlosen Welt. Und es wäre ihm beinahe peinlich, würde in der Gespenstergilde bekannt werden, dass sein Gespensteralter erst dreistellig ist. Solch junge Gespenster sind höchstens für Hilfsdienste zu gebrauchen. Hugo dagegen ist längst Chef auf einer eigenen Burg.

Glückwünsche nimmt er auf facebook entgegen.

Neun Vulkankegel prägen die Landschaft und eine alte Burg. Die heutigen Burgherren sorgen für Betrieb in der Burgmauern. Einige ahnen, was sich in den Mauern, in den Kellern unter den Gebäuden abspielt. Manche fürchten sich, andere sind fasziniert und einige halten die Geschichte für Quatsch, Hirngespinste, erlogen. Die Letzteren sind Zielscheiben für die Streiche von Hugo. Hugo von Fürsteneck ist das Burggespenst, seit vielen hundert Jahren.

Die Mauern sind dick, richtig dick, manche gar meterdick. Feinde kamen nicht weit, konnten die Burg nicht erobern. Für Hugo, Hugo von Fürsteneck stellten diese Mauern nie ein Problem dar. Im Sommer kühlt er gerne seine qualmenden Füße in den Ritzen zwischen den alten Feldsteinen. Gerne nimmt er den direkten Weg, mitten durch die dicken Mauern aus Basaltsteinen. Hugo von Fürsteneck ist hier Chef, Boss und Herrscher, einer der alles und jeden im Griff hat. Wer nicht spurt … Hugo liebt Späße und diese bekommen die Bewohner und Gäste der Burg zu spüren. Hugo von Fürsteneck ist das Burggespenst, seit vielen Jahrhunderten, seit der Burgherr dank Hugos Künste als Barbier aus dem Leben schied, Hugo seinen Kopf verlor und Aufnahme in die Gilde der Gespenster fand.