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(c) pixabay.com

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Lampenfieber, Adrenalinschub, Angst, Fluchtgedanken, Hilflosigkeit. Diese Worte beschreiben Helenes Gefühle nur bruchstückhaft. Für sie fühlt es sich weitaus schlimmer an. Zacharias quittiert ihren flehenden, hilfesuchenden Blick mit einem „Wird schon!“.

Heute geht es ums Ganze, heute steht sie auf der großen Bühne, alleine, niemand wird ihr beistehen, sie auffangen. Der Erfolg ist eingeplant. Morgen steht sie auf Seite eins in allen Sonntagszeitungen, „Helene Krech – ein Star am Musikhimmel startet durch!“ Nur dann haben sich die Mühen der letzten Wochen und Monate gelohnt.

* * *

Es ist ihr Glückstag, dieser Tag vor etwa einem Jahr, als sie Zacharias kennenlernt. Dabei steht sie überhaupt nicht auf solche Typen. Allein seine Figur, lang wie ein Fahnenmast, dürr wie die Hauptgräte einer Flunder und geschwätzig wie ein Tagesschausprecher, jedoch mit eine „äh“ nach jedem zweiten Wort. Überzeugt hat er sie. „Ich mache dich zum Star!“, sagt er und Anastasia weiß, „In einem Jahr bin ich ein Star!“.

Bisher ist Anastasia ein kleiner Fisch im neuen Teich. Sie ist die Frau mit den langen Beinen in der wachsenden Musikszene der Stadt, ein unbekanntes Sternchen, drei Konzerte hat sie bisher gegeben, als Sängerin, mal mit Gitarre, mal am Keyboard, ab und zu mit der Flöte. Früher kamen nur Musiker aus den umliegenden Städten, ab und an sogar aus der Hauptstadt. Heute musizieren auch Einheimische. Die sind billiger und das Publikum ist anspruchslos. Hauptsache, es ist überhaupt etwas los.

Diesmal singt Anastasia sogar vor mehr als 20 Leuten in Kellerclub am Markt. Die Gäste schreien nicht „Zugabe!“, sondern „Ausziehen!“. Ist das Dekolleté ihrer Bluse zu gewagt, der Rock zu kurz, sind die Beine zu lang? Im ersten Moment ist sie irritiert. Der innere Weg von der Glückseligkeit des eigenen Soloauftritts, von der Hoffnung und Erwartung von „Zugabe“-Rufen hin zum Schock über diese Unverschämtheit dauert eine Weile. Es ist kurz vor Mitternacht und die Party eines Junggesellenabschieds wandelte das Blut in den Adern der Gäste in puren Alkohol. Das Benehmen, welches die Eltern in mühevoller Anstrengung säten, hegten und pflegten, ertrank jämmerlich in Unmengen Bier, Wein und Schnaps. Heulend rennt Anastasia von der Bühne und landet direkt in den Armen von Zacharias. Der tröstet sie, trocknet die Tränen, spricht ihr Mut zu. Das gibt Kraft. „Mach dir nichts draus, die sind besoffen, randvoll“ und „Du singst großartig, deine Stimme klingt wie ein klarer Gebirgsbach!“, vor allem „Du gehörst auf eine richtige Bühne, in einen Saal, der 500 oder 1000 Leute fasst!“ Nur zu gerne glaubt Anastasia diese Worte.

Wie sie mitten in der Nacht nach Hause kommt, bleibt ein ewiges Geheimnis. Es ist nicht ihr zu Hause. Am Mittag des nächsten Tages erwacht sie in einem fremden Bett, nackt. Neben ihr schnarcht ein Mann, nackt. Anastasia angelt die Bettdecke, wickelt sich ein, sicherheitshalber. Da ist so eine Stelle, kalt, feucht. Sie dreht sich von ihm weg, möchte nicht ansehen, jetzt nicht. Die Erinnerungen wabern durch einen dichten Nebel auf sie zu. Dies ist der Typ von gestern Abend im Kellerclub. Wie heißt der? „Hat so einen komischen Namen.“ Schlimmer als dessen Schnarchen sind ihre Kopfschmerzen und die Frage, „War die Nacht was?“. Sind es Erinnerungsfetzen oder Befürchtungen? Pudelnackt, im fremden Bett, mit einem nackten Mann neben sich, das sind eindeutige Zeichen, so wie manch anderes, der Geruch, welcher im Raum liegt, die feuchtkalte Stelle auf der Bettdecke und dieser Mann, einer der garantiert keine Gelegenheit auslässt, seinen Hormonspiegel zu regulieren, einer der sicher nicht allzu wählerisch ist. Vorsichtig dreht sie den Kopf, schaut über ihre Schulter. Ihn nur nicht aufwecken! Er hat noch genügend Hormone im Blut.

Was soll sie tun? Schreien, flüchten, heimlich abhauen? Der Typ pennt, hat wohl auch tüchtig getrunken, letzte Nacht. Wie aus dunkler Nacht kommen Erinnerungsstücke hervor. Wein, süßer Wein, klebrig wie Rübensirup, Schokolade, zentnerweise und dann Tiefkühlpizzen, mehrere. Das meiste hat der Typ vertilgt, ein Stück nach dem anderen. „Zacharias, ja Zacharias heißt er.“ Er nahm sie in den Arm, tröstete sie, wischte mit seinem dreckigen Taschentuch ihre Augen trocken. Sie schmiedeten Pläne, lachten, aßen und tranken. Dann spürte sie seine Hand auf ihrer Brust. Langsam rekonstruieren sich die Ereignisse der Nacht. Schließlich lagen sie im Bett, so wie jetzt, nur nicht nebeneinander. Und dann … Anastasia benötigt eine Weile, um das alles zu verdauen und sie befürchtet, da war noch etliches, was ihr gerade nicht einfällt. „Oh Mann, nie wieder Alkohol!“

Es muss jetzt schnell gehen. Diese Mischung aus süßem Wein, Schokolade, Pizza und wer weiß, was sie noch so alles vertilgt hat, meldet sich mit kräftigem Bauchweh. Anastasia springt auf, rennt in den Korridor, stolpert über ihre Schuhe mit den riesigen Absätzen. Wo ist das Klo? Wieso liegen hier ihre Klamotten rum, die Glitzerbluse vom gestrigen Auftritt und der Rock mitten auf dem Boden, die zerrissene Strumpfhose am Garderobenständer über Zacharias‘ leuchtendgelben Anorak. „Was ist hier heute Nacht gelaufen?“, fragt sie sich endlich auf der Brille der Erleichterung hockend. Erinnerungssplitter mäandern durch ihren Kopf. „Anastasia darfst du dich nicht nennen“ und „Helene passt besser zu dir. Helene hat eine großartige Stimme“ und „Es ist fünf vor zwölf für dich.“ Was soll das mit dieser Helene? Anastasia mag ihren Namen, es gibt wenige, sehr wenige Frauen, die so heißen, der Name macht sie unverwechselbar. Erst einmal gibt sich Anastasia dem Gefühl hin, das sie überkommt, als der Druck, die Schmerzen in Bauch und Darm nachlassen. Sie wartet. Nur nichts überstürzen, nicht heute und erst recht nicht in diesem Augenblick. Der Kopf, oh Gott, der Kopf und es könnten noch mehr Druckpartikel in ihrem Innern warten, sich blähen, drücken, explodieren. Sie spürt schon jetzt die Druckwelle möglicher Explosionen in ihren Kopf. Alles muss raus, koste es, was es wolle. Nur mit der Ruhe. Wenn es hier wenigstens eine Lektüre gäbe. Das Automagazin zählt nicht. Die Computerzeitung ebenso. Man müsste mal das Fenster öffnen, weit, wegen des Geruchs und der frischen Luft, die ihr sicher wohltuend wäre, für ihren Kopf. Und eine Aspirin wäre gut, besser zwei. Und Wasser, viel Wasser, noch mehr Wasser.

In diesem Moment steht Zacharias im Bad. Ein Fahnenmast, dünn wie … Seine Rippen kann man zählen, eins, zwei, drei … weiter kommt Anastasia nicht. Auf halber Höhe regt sich etwas, eine Fahne wird gehisst. „Nein, jetzt nicht. Und überhaupt, hier auf dem Klo …“, stöhnt Anastasia in sich hinein. Wieso platzt dieser Kerl einfach herein, nackt, während sie auf dem Klo hockt? „So schön ist der wirklich nicht, dass der sich hier in voller Schönheit präsentieren muss … Na gut, er kann ja einen zweiten Versuch wagen, wenn es mir besser geht.“ Augenblicklich ahnt Anastasia, was letzte Nacht lief. Ja, dieser Anblick, wenn nur der klebrige Wein ihre Sinne nicht zugekleistert hätte. Wer ist eher eingeschlafen? Solche Details liefert die Erinnerung nicht.

Bevor Anastasia sich beschweren kann, sagt er, „Helene, heute starten wir durch. Es ist fünf vor zwölf, um zwölf, spätestens in einem Jahr, bist du ein Star!“

„Äh, … Du verwechselst mich, vielleicht mit deinem letzten Date. Ich bin Ana…“. Zacharias unterbricht sie.

„Schatz, wir hatten uns doch geeinigt, dass du dich ab sofort Helene nennst. Vergiss Anastasia.“ Sie, Anastasia, Helene ist sprachlos. Ist sie wirklich sein „Schatz“? „Der geht ja ran wie Hektor!“

„Reich mir mal ‘ne neue Rolle Klopapier. Und dann …“

„Meinetwegen. Ich mach uns einen Kaffee, eine große Kanne voll. Irgendwo habe ich noch eine Packung Kekse.“

So hat es angefangen, vor einem Jahr, in Zacharias Bett mit Kopfschmerzen, einer Plörre von Kaffee, Keksen, massig Kekskrümeln auf dem Laken, das schon vor Wochen hätte in den Wäschekorb fliegen müssen, spätestens nach Zacharias‘ letztem Date. Die Kopfschmerzen hat sie erst wieder gespürt, als das Piken der Kekskrümel unerträglich wurde. Zacharias ist ein Mann der Tat und was er unternimmt, wird gut, spätestens an diesem Nachmittag im Bett wird das auch für Anastasia klar. Sex und Kekse sind eine unbequeme Mischung, für den Untenliegenden.

Als erstes verwarf Zacharias alle Lieder vom Anastasia. „Helene macht etwas völlig neues, nicht so komplizierte Melodien. Einfach soll es sein, jeder Blödmann muss nach 20 Sekunden mitsingen können.“ Da schluckte Helene. Dann hat sie tagelang nicht mit Zacharias geredet. Bis er Neuigkeiten mitbrachte.

„Ich habe nicht das 100-Millionen-Dollar-Angebot, aber die Stadthalle habe ich schon mal gebucht. Morgen kommt übrigens eine Frau Schneider-Knesebrüll vom ‚Tagesanzeiger‘. Will ein Interview mit dir. Erzähl ihr irgendetwas. Die macht dann einen Halbseiter draus. Hab sie schon gebrieft.“

„Warst mit ihr im Bett?“

„Man muss Opfer bringen. Hat wenig Überredungskunst, viel Überwindung gekostet. Das war es mir Wert.“ Dann ergänzt er, „Sei nicht eifersüchtig, war geschäftlich.“

Helene fügt sich in ihr Schicksal, ein Schicksal, das Zacharias heißt oder Helene. „Trotzdem, Anastasia ist kein schlechter Name.“ Das ist ihr verzweifeltes und letztes Aufbäumen, „Wenn ich berühmt bin, nenne ich mich wieder Anastasia. Sonst verwechseln die diese komische Fischerin andauernd mit mir.“

Zacharias Konzept geht bis ins letzte Detail. Jedes Wort, jede Note, die Musikeinspielung, die Technik und vor allem die Werbekampagne sowie Helenes erste CD sind beschrieben. Zacharias kennt Hinz und Kunz, die Maschinerie läuft auf Hochtouren. Ein Jahr ist nicht lang, der Zeitplan eng. Helene paukt Texte und Melodien, übt Tanzschritte ein. Für die Auswahl ihres Bühnenoutfits und die Frisur benötigt sie Wochen. Drei Kilo muss sie abnehmen, damit überm Rock kein Speckröllchen wabert. Die letzten drei Proben in der Doppelgarage von Zacharias‘ Kumpel Wassili verlaufen vielversprechend.

* * *

Der Saal ist voll, wenigstens zur Hälfte, das vordere Drittel. Was hinten ist, sieht Helene gegen die Scheinwerfer nicht.

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„Warte noch zehn Minuten. Ein Star erscheint nie pünktlich auf der Bühne.“ Helenes Herz klopft wie verrückt, auf ihrer Stirn bilden sich Schweißtropfen. Dauernd tupft ihr jemand mit einem Wattebausch im Gesicht herum, rückt an der Frisur herum, zupft an Bluse und Rock. Völlig unbekannte Leute rufen ihr ein „toi, toi, toi“ zu. Zacharias hat sie angewiesen, als Antwort dreimal auszuspucken, das würde böse Geister vertreiben. So viel Spucke hat sie nicht. Es ist eher ein symbolischer Akt. Nur einmal, ausgerechnet bei Wassili, landet etwas Schmieriges auf dessen T-Shirt. Es ist ihr furchtbar peinlich. Sie sucht schnell ein Papiertaschentuch zum Abwischen. „Sollte sowieso mal in die Waschmaschine fliegen, gib es mir später mit, ich wasche es für dich.“ Seine Antwort ist eher abweisend. „Soll ich nackig nach Hause fahren? Alles halb so schlimm!“ Na gut, wenigstens ahnt niemand, welcher Fleck von Helene stammt.

„Ich habe Angst“, gesteht Helene. Zacharias ignoriert ihre Worte. „Soll sich nicht so anstellen“, denkt er und verzieht nur sein Gesicht. „Ich habe Angst“, wiederholt sie.

„Mensch, so souverän wie du die Situation bei diesem bekloppten Junggesellenabschied vor einem Jahr gemeistert hast, wirst du das heute auch hinbekommen.“ Souverän war für Helene höchstens Zacharias Auftritt im Bett hinterher. Aber daran hat sie kaum eine Erinnerung.

Es geht los. Die Musik setzt ein. Zacharias wies den Techniker an, die Begleitmusik von der CD lauter abzuspielen. „Ihre dünne Stimme …“, meinte er. Die Nebelmaschinen springen an. Wie eine rätselhafte Erscheinung stakst Helene durch den bunt angestrahlten Rauch. Scheinwerfer, Blitzlichter blenden sie. Ihr Lied beginnt, sie verpasst den Einsatz, holt schnell auf. Die Reaktionen des Publikums bekommt sie nicht mit. Der Spotscheinwerfer hat sie voll erfasst. Ohne Durchblick im Nebel setzt sie einen Schritt vor den anderen. Prompt stolpert sie über ein Lautsprecherkabel und legt sich der Länge nach hin. Es ist wie in einem Traum. Am liebsten würde sie liegen bleiben, bis der ganze Zauber vorüber ist. Das schadenfrohe Gelächter des Publikums bekommt selbst Helene direkt neben den Lautsprecherboxen mit. Reflexartig springt sie auf, singt weiter. Erst jetzt bemerkt sie, beim Sturz einen Pumps verloren zu haben. Wie ein Hanghuhn humpelt sie über die Bühne. Der Nebel hat sich inzwischen verzogen, der Treter ist weg. Wütend schleudert sie den zweiten in die Kulisse. „Barfuß geht auch.“ Das Pfeifen der Zuschauer ist eine Mischung aus Hohn und Beifall für den sauberen Schuss.

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Helene steht mitten auf der Bühne, schutzlos, gnadenlos allen Blicken ausgesetzt. Sie weiß nicht, welcher Titel läuft, singt den erstbesten, der ihr in den Sinn kommt, merkt, es ist der falsche, steigt in den Nächsten ein, trällert dreimal dieselbe Strophe. Der Rest des Textes ist wie weggeblasen aus ihrem Kopf. Die Musik aus den Lautsprechern dröhnt ihren Singsang weg.

Die Stimmung steigt, wenigstens bei Helene. Die Reaktion des Publikums ist ihr egal. Sie konzentriert sich nur auf sich selbst und ihren Auftritt. In wilder Ekstase schleudert sie das Mikrofon im Kreis über ihrem Kopf. So sah sie es mal im Fernsehen. So machen es Profis. Das Kabel kollidiert mit ihren hochgesteckten Haaren. Daran hatte sie nicht gedacht. Hätte sie doch vor dem Auftritt nicht so viel Haarlack hineingesprüht. Jetzt trägt sie eine rhythmisch schwankende Betonfrisur. Das Mikrofonkabel wickelt sich zweimal drumherum. Helene zerrt daran, hört ein Knirschen auf dem Kopf, nein aus den Lautsprecherboxen. Wer wird gewinnen, der Beton, das Mikrofon, Helene? Endlich hat sie das Kabel befreit, singt weiter, ignoriert das Gelächter im Saal. Das Haarspray, diese Chemiekeule erzeugt furchtbares Kopfjucken, mitten im Konzert. Die Gedanken fokussieren sich auf die Kopfhaut, der Liedtext ist wie weggeblasen. Ein ‚LalaLa‘ ersetzt die Reime. Helene fasst sich an den Kopf. Der Beton ist solide. Ebenso das Jucken.

Es folgt die Tanzeinlage. Ohne Schuhe ist das ungewohnt, hat den Vorteil, die Pumps gehen nicht verloren, die hohen Absätze knicken nicht ab und sie kann sich die Knöchel nicht brechen, hofft sie. Dafür tritt sie laufend auf irgendwelche Kabel und Stecker. Mit der Zeit spürt sie die malträtierten Fußsohlen nicht mehr. Hoffentlich ist die Laufmasche in ihrer Strumpfhose nicht zu sehen. Ihre einzigen Orientierungspunkte sind die Scheinwerfer, die sie anleuchten. Die wechseln dauernd ihre Position. Die Augen tränen, schmerzen. Das Licht ist erbarmungslos. „Nur nicht von der Bühne stürzen“, ist ihr letzter Gedanke, bevor sie gegen den Basslautsprecher knallt. Wenigstens kann sie das Gleichgewicht halten, irgendwie. Doch die Vase mit den Rosen, einem großen Strauß knallroter Rosen, welchen ihr Zacharias nach dem Konzert überreichen soll, stürzt ab. Die schwere Vase verfehlt sie knapp, das Blumenwasser ergießt sich über Helenes Frisur und sucht sich weiter den Weg nach unten. Einen Moment lang fühlt es sich gut an. Das Jucken unterm Betondach ist wie weggeblasen. Die Gravitation, das Wasser, die Natur im Einsatz gegen das Kopfjucken. Die Bluse ist klatschnass, klebt an ihrer Haut, zeigt Details, die sie unterm Seidenstoff nur andeuten wollte. Jede Stelle an ihrem Körper ist von einer Mischung aus Wasser und Haarlack überzogen. Selbst die Füße kleben am Boden, so als wäre eine Pfütze süßer Limonade kurz vor dem Eintrocknen.

Das Publikum tobt. Helene sieht inzwischen aus wie eine Witzfigur. Sie weiß, das Konzert geht voll daneben. Morgen berichten die örtlichen Zeitungen auf Seite eins darüber. „Helene Krech – Krächsend in den Sommer: Comedy statt Schlager“. Mutig, entschlossen setzt sie ihren Auftritt fort. Sie versucht nicht, ihre Malaise zu überspielen. Alle haben es mitbekommen. Ihr Adrenalinspiegel ist so hoch, sie muss weitermachen, kann nicht aufhören. Dieser Gedanke kommt ihr nicht in den Sinn, noch nicht. Die Musik aus den Boxen tönt weiter, ihr Lieblingslied startet. Der Titel, der es in die Charts schaffen soll, der Song, der sie berühmt machen wird, der Türöffner in alle Radiosender und Fernsehstudios. Ihre neue CD wird in den nächsten Tagen erscheinen, es fehlt nur die passende Produktionsfirma.

Helene ist zufrieden. Wenigstens dieses Stück hat so leidlich geklappt. Sie atmet durch, verbeugt sich brav. Der Applaus ist mehr als spärlich. Sie spürt, dass Zacharias das Publikum von hinten mit „Bravo“-Rufen anheizt. Ist überhaupt noch jemand im Saal. Sie verbeugt sich immer wieder. Wenigstens den einen Fan, Zacharias, möchte sie nicht enttäuschen. Dessen Rufe werden durch stärker werdende Buh-Rufe übertönt. Der Saal ist nicht leer.

Nach zehn Minuten ist der Ofen aus. Der Krawall von den Zuschauern siegt gegen die Musik, gegen Helenes Gesang sowieso. Mitten im Musikstück rennt sie von der Bühne, landet direkt in Zacharias Armen, genau wie vor einem Jahr. Der spendet diesmal keinen Trost. Wütend ist er, befiehlt sie zurück auf die Bühne. „Noch zwei Titel, dann ist Pause, nicht früher!“ Er blickt zornig.

Wassili, der Techniker und Walpurga, die extra für dieses Konzert engagierte Managerin kommen Zacharias zu Hilfe. Gemeinsam versuchen sie, die Situation zu retten. Anastasia schreit. „Scheiße, leckt mich am Arsch! Ich geh nicht nochmal raus. Sollen die Blödmänner da unten selber singen. Nur deinetwegen ist das in die Hose gegangen, dein Scheißkonzept, Zacharias. Ich bin nicht ‚Helene‘, deine schon gar nicht. Such dir eine andere, mit der du ins Bett kriechst. Mit dieser aufgemotzten Walpurga hast du ja bereits geübt. Ist sie gut, besser als ich?“ Der Saal tobt. Wassili hat vergessen, Helenes, Anastasias Kopfmikro stumm zu schalten.

Zacharias gibt auf, ahnt, dass der Schlussakkord längst verklungen ist. Helene lässt sich nicht zurück kommandieren. Sie ist so aufgebracht, ihre Stimme überschläg sich. Walpurga versucht, Helene zu beruhigen, redet langsam, ruhig auf sie ein. Zwecklos. Auch sie rastet aus. Die Frauen beiden schenken sich nichts. Aus dem Saal kommt ihr Gezänk als Echo zurück, solange bis Wassili endlich den Stecker zieht. Das war die einfachste Methode, diese eklige Séance abzuwürgen. „Zum großen Finale ein klein bisschen Zicken-Zoff“, denkt er amüsiert. Das Konzert selbst hat ihn mehr als gelangweilt, ist sein Job eben. Endlich geben die Frauen das Streiten auf, setzen sich auf zwei Stühle, weit entfernt voneinander, fallen in sich zusammen. Tränen fließen.

Zacharias ist klar, dieses Konzert ist zu Ende. Mit dieser Lusche kann er sein Erfolgskonzept nicht umsetzen. Ihm ist gleichgültig, ob sie sich Helene oder Anastasia nennt.

Notgedrungen tritt er nun auf die Bühne.

„Meine verehrten Damen und Herren!“, er hat Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Er spricht gegen den Lärm an. „Meine hochverehrten Damen und Herren! Leider muss ich ihnen mitteilen, dass die Künstlerin einen leichten Schwächeanfall erlitten hat. Die vielen Proben, die Aufregung, die Medien, sie verstehen. Wir bedauern das und müssen dieses grandiose Konzert leider ohne eine Zugabe beenden.“ Weiter spricht Zacharias nicht. Sicherheitshalber flüchtet er von der Bühne. Harte Gegenstände fliegen durch die Luft. Kein Plüschbärchen für Helene.

* * *

Wassili fährt Anastasia heim. Sie sprechen kein Wort. Widerstandslos lässt sie sich aufs Bett legen. Alle Kräfte haben sie verlassen. Sie vergräbt ihr Gesicht ins Kopfkissen, heult, ist nicht ansprechbar. Wassili steht hilflos daneben. Er kann nichts für Anastasia tun, fährt zurück zur Stadthalle um beim Abbau zu helfen.

Mittags wird Anastasia wach. Das Bett neben ihr ist leer. Sie schlurft ins Bad, fühlt sich mies, der Kopf brummt wie ein 500 PS-Traktor, der Hals tut weh, sie bekommt kaum einen verständlichen Laut hervor. Der Kopf juckt, die Reste der Frisur, die eher einem verlotterten Wischmopp ähnelt, hängen ihr ins Gesicht. Mindestens fünfmal putzt sie die Zähne. Dieser eklige Geschmack, das Gestern muss raus. Dabei hat sie nichts gegessen. Es schmeckt alles nach Zacharias, seinem grandiosen Konzept, seinem bombastischen Reinfall. „Sein Reinfall und der von Helene, nicht meiner, ich bin Anastasia“, sagt sie immer wieder zu sich selbst, so um sich die verlorene Kraft zurückzuholen.

Es klopft an der Badtür, Zacharias. Sie ignoriert das Klopfen. Es klopft noch einmal, noch einmal. Er betätigt die Klinke, Anastasia hat die Tür von innen verschlossen.

„Beeil dich, ich muss mal!“, ruft er. Damit hat er ihren Widerspruchsgeist geweckt. „Jetzt erst recht!“ Sie putzt sich noch einmal die Zähne, zieht sich aus, stellt sich unter die Dusche. „Das tut gut!“ Im Minutentakt klopft Zacharias an die Tür. Sie spült den Beton, Helenes Identität in den Abfluss.

Endlich gibt Anastasia das Bad frei. Zacharias sitzt im Wohnzimmer und frühstückt. Wassili fläzt ihm gegenüber im Sessel. Sein Gesicht ist ernst. Er ahnt, dies war vorläufig sein letzter Job. „Kannst!“, ruft sie Zacharias zu. „Zu spät“, antwortet der und zeigt auf die Blumenkästen auf der Balkonbrüstung. „Praktisch, wenn man so lang ist!“ Sein Telefon klingelt. Die Frau Schneider-Knesebrüll vom ‚Tagesanzeiger‘ erkundigt sich nach dem Konzert. Sie hat mitbekommen, dass es da ein paar Problemchen gab. Zacharias beschwichtigt. „Komm doch mal bei mir vorbei, wir bereden das in Ruhe.“ Das klingt so, als ob er ihr anbietet, „Wenn du einen wohlwollenden Artikel schreibst, ficken wir noch einmal“.

„Euch müsste man umbringen!“ Anastasia zieht sich ins Schlafzimmer zurück, nicht ohne die Tür zu verriegeln. Sie ist müde, alles hat sie überfordert. Und nun auch noch diese geile Zeitungstante, die Schneider-Knesebrüll! Bald schläft sie wieder. Böse Träume plagen sie. Ein Auftragskiller ist hinter ihr her, jagt sie. Sie läuft eine Ewigkeit durch Straßen, über Plätze und durch Parks, quer durch die Stadt. Sie verliert ihre Stöckelschuhe. Es geht ums Überleben. Vor der Stadthalle bekommt er sie zu fassen, zerrt sie hinein, auf die Bühne. Sie schreit, niemand hört sie. Mitten auf der Bühne küssen sie sich, beide Pumps von gestern Abend stehen ordentlich neben der Bassbox. Plötzlich liegen sie in einem Bett. Helenes Lieblingslied von gestern Abend ertönt. Anastasia ist entsetzt. Sie brüllt „Mach das aus!“. Ruhe. Kerzenschein. Beim Sex überredet sie ihn, Zacharias zu meucheln, grausam zu meucheln. Im schönsten Moment haucht sie, „Das Blut soll spritzen, er lass ihn schreien, mit seinen Gedärmen sollst du ihn würgen, stundenlang.“

Der Auftragskiller schüttelt Anastasia.

Nein es sind Zacharias und Wassili. Sie haben Anastasias Schreie gehört, die Tür aufgebrochen, beruhigen die schweißgebadete Frau. „Anastasia, kleine süße Anastasia“, haucht Zacharias.