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Es ist Entsetzen, pures Entsetzen, was er empfindet, als sie sich zum ersten Mal begegnen, genau in jenem Moment, als ihr Wagen mit seinem zusammenstößt.

(c) pixabay.com

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„Verdammt! Können Sie nicht aufpassen!“, beginnt seine Tirade und endet augenblicklich. Erst jetzt merkt er, selbst die Vorfahrt nicht beachtet zu haben. „Leben sie noch?“, entgegnet sie. Ja, er lebt, unverletzt, mächtig angeschlagen, weil ihm sein Versagen bewusst wird. Unvorstellbar, dass ihm so etwas passiert, ihm, einem Autofahrer aus Passion, einem, der mit den Verkehrsregeln bereits im Kindergarten prahlte. Das ewige Thema, „Männer fahren besser Auto.“ Besser als wer? Und warum? Ein Naturgesetz? Weil die Kerle schon in der Steinzeit praktischer veranlagt waren? In der 30er-Zone meinte er, auf der Hauptstraße zu sein. Sie kam von rechts. Es waren gleichrangige Straßen. Er fuhr flotte fünfzig, sie rollte mit Schrittgeschwindigkeit um die Ecke. Der Airbag knallte in sein Gesicht, presste die berstende Brille auf die Nase. Es war mehr Wut und Sorge ums Fahrzeug als Schreck. Die Striemen vom Sicherheitsgurt spürt er 14 Tage lang. Wenigstens einigen sie sich ohne Polizei. „Es hat geknallt wie beim Weltuntergang“, wiederholt sie mehrmals. Der Schaden ist überschaubar, die Wagen fahren noch. Beim Bäcker um die Ecke trinken sie einen Kaffee und klären die Formalitäten. Die Reparaturen summieren sich im fünfstelligen Bereich, alleine das Lackieren ihrer Seitenfront, Tortilla metallic, kostet knappe 2.000 Euro, Ausbeulen und Richten nicht eingerechnet. „Endlich hat sich die Versicherung ausgezahlt“, denkt Walter.

Er, Walter, ist gerührt, von ihrer Fürsorge, Hilfsbereitschaft und ihrem Einfühlungsvermögen. Und dass sie, Rita, ihm keine Vorwürfe an den Kopf knallt. „Kann passieren, lässt sich reparieren. Hauptsache alle sind gesund.“ Ein halbes Jahr später sind sie ein Paar, ziehen zusammen in sein Haus.

Rita und Walter verstehen sich gut, sie versorgt neben ihrem Bürojob den Haushalt, kümmert sich um den alltäglichen Kram. Er betreut den Garten, baut Gemüse, Kräuter und Blumen an, erledigt alles Handwerkliche. Drei Jahre später heiraten sie. Rita fühlt sich dem Himmel ein Stück näher. Ihr Leben läuft nach Plan, pünktlich um halb sieben stehen sie auf, frühstücken gemeinsam, fahren zur Arbeit. Abends um fünf gibt es Tee und Plätzchen, wenn Walter rechtzeitig Feierabend hat. Dann kümmern sie sich um Haushalt, Haus und Garten, nach dem Abendbrot schauen sie die 20 Uhr-Nachrichten und zwischen zehn und elf ist Schlafenszeit. Nur am Sonntag wird ausgeschlafen. Schließlich haben sie am Abend zuvor lange im Bett beieinandergelegen. Zweimal im Jahr geht es in den Urlaub, fahren sie fort, nicht weit, Ostsee, Allgäu, Spreewald. Sie leben im Reservat der Träumer.

Seit vier Wochen ist alles anders. Es ist ein Montag wie kein anderer. Rita kocht nur noch eine Portion, wäscht nur die eigene Wäsche, schläft im Gästezimmer, schließt sich ein, redet kein Wort mit Walter, lässt ihn links liegen. Der Kühlschrank bleibt leer. Für ihn kommt es überraschend. Damit rechnete er nicht, nicht jetzt. Sein „Was ist los mit dir?“, ignoriert sie.

Walter ahnt, was die Stunde geschlagen hat. Er pflegt dieses Verhältnis mit seiner Chefin seit zwei Jahren. Offiziell spricht er von Frau Isler. Nur wenn er mit ihr allein ist, nennt er sie Esmeralda, Essi oder Schnecke. Auch sie führt ein Doppelleben, lebt mit Arno, ihrem Partner, in einer offenen Beziehung. Der duldet diese Eskapaden, widmet sich eigenen Liebeleien.

Walter fühlt sich wie im Traum, erwartet seit Monaten, geweckt zu werden. Nun ist es soweit. Rita weiß Bescheid. Er hat es übertrieben, mit Überstunden jeden zweiten Tag, heimlichen Telefonaten, Dienstreisen und ewigen Meetings. Hat er einen Rivalen in der Firma, einen der ihm das Glück nicht gönnt oder selbst mit Frau Isler auf dem Teppich herumtollen möchte? „Oder will sie mich abservieren?“

Rita ist sauer. Einen kleinen Seitensprung, den hätte sie verziehen, so wie damals die Spacke aus der Bibliothek. „Kommt nie wieder vor“, hatte er versprochen. Doch zwei Jahre, ununterbrochen und dann mit diesem Weib, dieser Furie, das verzeiht sie nie. „Sicher, auch ich bin nicht der beste Mensch“, gesteht sie sich ein, „Ich habe auf die falsche Karte gesetzt, dieser Mistkerl hat mich nicht verdient.“

Wochen vergehen. Walter versucht, auf Rita zuzugehen, sich zu entschuldigen. Das Verhältnis mit seiner Chefin ist beendet. Jetzt hat er einen schweren Stand in der Firma. Rita bleibt hart, spricht kein Wort mit ihm. Er ist verzweifelt, schreibt ihr täglich einen Liebesbrief, schmalzig, bettelnd, bittet inständig um Vergebung, ohnmächtig, droht, sich umzubringen, wenn sie ihm keine Chance gibt. „Untreue Männer sterben früher“, quittiert sie seine Bemerkung auf dem Umschlag und klemmt ihn hintern Scheibenwischer seines Wagens.

Rita hat einen Plan, einen einzigen, der muss aufgehen. Es existiert kein Plan B. Sie kramt Walters Sachen zusammen, Klamotten, Notebook, Rasierapparat, Zahnbürste, dazu eine Packung Nudeln, eine Flasche Ketchup, eine angefangene Rolle Klopapier, Kondome, beinahe 15 Jahre alt und die alte Decke aus der Veranda, klaubt alles in die drei Umzugskartons, die seit Jahrzehnten im Keller lungern. Die zerrt sie vors Garagentor. Am Nachmittag tauscht der Schlüsseldienst die Schlösser aus. Dann wartet sie auf ihren Holden. Der fährt pünktlich nach Feierabend vor, versucht gar nicht erst, ins Haus zu kommen, schleicht stattdessen dreimal um die Kartons herum, liest den Zettel, den Rita draufklebte, seinen Namen und die Adresse. Die ist mit rotem Filzstift durchgestrichen. „Verzogen“, steht dick daneben. Er braucht keine weiteren Erklärungen, lädt die Kisten ein, blickt sich noch einmal um und fährt davon. Rita, hinter der Gardine, glaubt, Tränen auf seinen Wangen zu sehen.

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Am Abend ruft Walter an. Sie weist ihn kühl ab, weiß nun, dass er Unterschlupf in der Gartenlaube seiner Mutter gefunden hat. Genau das war Punkt eins in Ritas Plan. Jetzt soll er sich ein paar Tage einleben, seine Wohnstatt herrichten. Sie erinnert sich nicht, wann dort zum letzten Mal jemand übernachtete. Walters Mutter sicherlich, als sie noch besser unterwegs war. Das ist Jahre her, inzwischen wohnt sie im Seniorenstift und schiebt ihren Rollator dreimal täglich den Gang zum Speiseraum entlang.

Das Lächeln ist zurück. Rita ist erleichtert. In den nächsten Tagen findet sie noch einiges von seinem Kram, bindet alles in ein altes Laken, legt es vor das Garagentor und ruft Walter an, den Plunder abzuholen.

Die Spannung steigt. Geht der Plan auf?

Es sieht nicht danach aus. Walter ist zäh. Sie bekommt einen Notruf, einen Notruf von Walter. „Bring mir mal den zweiten Schlüssel der Laube vorbei“, fleht er und ergänzt ein inständiges „Bitte“.

„Ein Trick, eine Falle?“, grübelt Rita. Sie fährt, ihm den Schlüssel bringen, parkt vor der Gartenanlage, schleicht die Wege entlang, peilt über Zäune und Hecken, sieht Walter, der sie sehnsüchtig erwartet. Der steht nackt im eigenen Garten, trägt lediglich ein paar schlammige Gummistiefel, sieht aus wie eine Schießbudenfigur. Es ist kalt, seit Tagen. „Er wird sich erkälten“, denkt Rita wenig mitleidig, schadenfroh.

„Endlich!“, begrüßt er Rita, „Danke, dass du mich rettest.“ Rita schaut ihn fragend an und übergibt den Schlüssel. „Ich wollte duschen. Du weißt, der Verschlag von Dusche und Toilette ist hinter der Laube. Da ist die Tür zugeschlagen. Der Schlüssel liegt drinnen. Hatte Glück, die Gartennachbarn wollten gerade heimfahren, liehen mir ihr Telefon.“ Rita schaut Walter an. Der Blick geht nach unten. Sie muss grinsen. Ein viel zu kurzes Vergnügen, Erinnerungen an einen fast vergessenen Tag. „Die hätten dir wenigstens ein Handtuch geben können.“ „Guck nicht so, du kennst mich. Ich bin ein Mann. Mehr nicht.“ Sie dreht sich um, geht.

Es ist das letzte Mal, dass Rita etwas von Walter hört. Einerseits ist sie froh. Doch die Ungewissheit über sein Schicksal beschäftigt sie. Ihn besuchen, anrufen, kommt nicht infrage.

Nach 14 Tagen meldet sich Walters Chefin, Frau Isler. Walter war über eine Woche nicht im Büro. „Ist er krankt?“

„Sie sollten selbst wissen, wie es ihrem Liebhaber geht.“ Kurz darauf ruft Walters Mutter an, erkundigt sich nach ihm. Jetzt weiß Rita, der Plan ging auf. Walter ruft täglich bei seiner Mutter an, besucht sie zweimal pro Woche. Jetzt heißt es abwarten. Rita hofft, bald ist es soweit und der Kapitän geht von Bord. Oder ist er bereits gegangen?

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Knapp drei Wochen später klingeln mitten in der Nacht zwei Polizisten an Ritas Tür. Sie erklären, die Gartenlaube ihres Mannes wäre abgebrannt. Man hätte eine Leiche gefunden, wahrscheinlich die des Laubenbesitzers, die von Walter.

Ein Brand war nicht Bestandteil von Ritas Plan. Der Effekt ist letztendlich derselbe. Ritas Müdigkeit ist schlagartig verflogen. Hastig sucht sie ihren Morgenrock, die Nacht ist frisch und sie möchte die Beamten in ihrem Nachtgewand nicht länger erschrecken.

Zur Brandursache könne man derzeit nichts sagen, es gebe ein paar ungewöhnliche Umstände, die Kripo wird ermitteln, der Tote muss obduziert werden.

Im Laufe der nächsten Tage wird klar, Walter ist nicht dem Feuer zum Opfer gefallen. In seiner Lunge waren keine Rauchpartikel zu finden, stattdessen enthielt das Blut Alkohol sowie eine hohe Konzentration Kohlenmonoxid, eine tödliche. Zum Zeitpunkt des Brandes war er bereits tot. Der Todeszeitpunkt kann nur grob geschätzt werden. Es könnte eine der kalten Nächte im letzten Monat gewesen sein. Wegen der Kälte hat der Verstorbene über Nacht sowohl die Gasheizung als auch mehrere Heizlüfter laufen lassen. Es sehe so aus, als ob die Belüftung der Gasheizung verstopft war. Kohlenmonoxid ist in die Laube geströmt und hat den Bewohner im Schlaf getötet. Das geht schnell, drei Atemzüge, dann ist Schluss. Das Batteriefach im Rauchmelder war leer. Irgendwann ging die Gasheizung aufgrund des Sauerstoffmangels aus. Die elektrischen Heizlüfter liefen mehrere Wochen ununterbrochen auf Höchstlast. Wegen der Wärme schritten die Verwesungsprozesse schnell voran. „In einer so heißen Bude bleibt kein Schnitzel frisch!“, bemerkt einer der Beamten, „Wird ‘ne saftige Stromrechnung geben.“ „Gegrilltes Gammelfleisch“, denkt Rita, „Das passt zu ihm, vielleicht hat er noch etwas Schönes geträumt, von mir?“ Die Brandursache könne nicht 100%ig ermittelt werden. Sowohl die altersschwachen Stromleitungen als auch die billigen Heizlüfter aus dem Baumarkt, die für Dauerbetrieb nicht ausgelegt sind, könnten den Brand ausgelöst haben.

Die vollständige Auflösung des Falls nimmt einige Zeit in Anspruch. Die Mühlen der staatlichen Organe mahlen gründlich, aber langsam. Wir müssen uns gedulden. In zwei Wochen wird der Polizeipräsident eine Pressekonferenz geben und die Ermittlungsergebnisse präsentieren. Am 25. April 2020 wird an dieser Stelle, in diesem Blog, ausführlich darüber berichtet werden. Die Leser werden gebeten, mit sachdienlichen Spekulationen in den Kommentaren zur Aufklärung des Falls beizutragen.


Schlagzeilen der Tagespresse

Die Entstehung dieser Geschichte wurde in diesem Blog am 03. April ausführlich beschrieben. Eine Reihe von Zeitungsüberschriften (Fettdruck im Text) gaben dem Autor die Inspirationen, führten ihn quasi durch den Fall.

Diese Geschichte ist mein Beitrag zur 8. Clue Writing Challenge. Von 6 möglichen Protagonisten wurden per Zufallsgenerator jedem Teilnehmer 3 Personen zugeteilt. Die sollen in der zu schreibenden Geschichte agieren. Ich bekam Rita, Walter und Frau Isler.

Die vorgegebene Obergrenze von 1.700 Wörtern habe ich beinahe ausgereizt. Meine Kurzgeschichte ist genau 1683 Wörter lang.

Der Text endet mit einem typischen Cliffhanger. Wie geht es weiter, wird die Kripo Rita als Mörderin überführen? Oder kommt sie mit einem blauen Auge davon. Das wissen wir heute noch nicht. Die Polizei braucht Zeit, hat Personalnot und in der Ära der Corona-Pandemie sitzen die Ermittler im Home-Office fest und googeln nach dem Mörder. Nur der pfiffige Hauptkommissar Hubert Schlaumayer zieht sich Gummihandschuhe an, bedeckt Mund und Nase mit einem Atemschutz, fühlt sich wie ein Bankräuber und beginnt die Ermittlungen vor Ort. Dort trifft er den jungen Praktikanten Kevin Fixbein, der zwar auf einem unangemessen großen Sicherheitsabstand von 2,50 m besteht, trotzdem schon viele Erkenntnisse aus der klatschnassen Asche des Gartenhäuschens heraus klamüsern konnte. „Das ist ja wie Kaffeesatzlesen“, meint Schlaumayer. Fixbein sagt nichts dazu. Ist auch besser so, sonst würde der Autor dieses Textes noch viel mehr Blödsinn schreiben.