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Corona-Shopping

oder Die Achillesferse

Corona, Pandemie, Ausgangssperre, Kontaktverbot, Sicherheits­abstand, Klopapier … die Worte des Jahres 2020. Seien wir gespannt, welche Vokabel am Jahresende das Rennen macht.

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Erwin schwitzt. Ilona hat ihn Einkaufen geschickt. Sie sitzt im Büro, ist systemrelevant – meint ihr Chef. Er hockt zu Hause, hütet die Kinder. Sein Abteilungsleiter sagt, er soll Home-Office machen. Wie geht das? Mit seinem Notebook kann er googeln, Mails lesen, seine privaten und Solitär spielen. Mehr nicht. Mit Windows XP kommt man nicht weit. Pünktlich alle halbe Stunde stürzt die Kiste ab, da hilft nur, Netzstecker ziehen und Neustart. Das dauert 20 Minuten. In der Zwischenzeit brüht er eine Tasse frischen Kaffee, erklärt dem Sohn die binomischen Formeln, inzwischen bereits zum vierten Mal. Max meint, statt der zwei binomischen Formeln hätte er fünf oder sieben neue Versionen entwickelt. Tochter Mia malt seit dem Morgen ein Bild nach dem anderen, Engelstrompeten in allen Farben. Sie meint, die wären giftig, davon würde Corona sterben. Hoffentlich fasst sie die Pflanze hinten im Garten nicht an. Die ist tatsächlich saugiftig. Erwin wartet, dass sein Browser aufgeht und spitzt die Buntstifte vom Töchterchen. Wenigstens nervt sie nicht mit irgendwelchen fiesen Formeln. Dafür singt sie seit Stunden ein und dasselbe Lied. „Häschen in der Grube …“, mal mit dem Häschen, dann dem Virus, Einhorn, Corona, ihrem Plüschhund Pommes, einer Prinzessin, dem Rotkäppchen und als Höhepunkt trällert sie „Pittiplatsch“. Der sitzt garantiert nicht still und in einer Grube schon gar nicht. Der plappert mehr als Schnatterinchen, aber deutlich weniger als Mia. Die hält den Weltrekord, uneinholbar. „Oh je, wenn Mia in die Schule kommt und sowohl stillsitzen als auch ihr Schnäbelchen halten soll, eine ganze Schulstunde lang.“ Erwin kann das Lied in all seinen Variationen vorwärts, rückwärts und diagonal mitsingen. Außerdem gab ihm die Kleine eine Aufgabe. Er möge sich überlegen, was man mit ihren Gemälden anfangen könne. Versteigern und vom Geld eine neue Barbie-Puppe kaufen, ist ihre erste Idee. Die wünscht sie sich seit Wochen, weil Lisa, ihre Freundin aus dem Kindergarten, eine zu ihrem Geburtstag geschenkt bekam. Es wäre erst Mias fünfte Barbie.

„Wir könnten die Bilder auch im Kinderzimmer an die Wand kleben“, meinte sie versöhnlich, „Das ist dann mein Museum.“ Sie plant schon, die ganze Kindergartengruppe zur Eröffnung einzuladen, mit Pudding-Wettessen sowie Modenschau. „Mama hat ja so viele Klamotten in ihren Schrank! Wenn wir verkleidet sind, erkennt uns Corona nicht.“

Jetzt muss sich Erwin auf den Weg in den Supermarkt machen. Der ist bestimmt voll. Die Kinder sind instruiert. „Erst die Hausaufgaben, dann fernsehen“, schärft er Max ein. Mia darf höchstens 20 Minuten am Computer spielen. „Nach einer halben Stunde kackt der sowieso ab“, beruhigt sich Erwin, „Der Absturz ist unvermeidlich. Allerdings, als Ilona neulich was googeln musste, lief der zwei Stunden lang.“

Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist voll wie nie zuvor. Am liebsten würde Erwin umkehren. In Anbetracht der strengen Worte von Ilona verwirft er diesen Gedanken. Er erwischt den letzten Einkaufswagen, stellt sich in die Reihe. Dank dieses Problemvirus lassen sie nur wenige Kunden gleichzeitig in den Laden. Also ist Warten angesagt. Vor ihm in der Schlange, in ausreichend Abstand, steht eine Dame, knappe zwei Meter hoch, eins fünfundfünfzig breit, aufgetakelt wie eine Fregatte in der Südsee, stinkend wie einige Dutzend Parfüms zugleich, vermischt mit einem dezenten Hauch von Knoblauch. Gegen diese Mischung verblasst jeder Pups im Fahrstuhl. An ihre pralle Kiste, rund wie der Kessel einer Dampflok, möchte man nicht anstoßen, würde abprallen und weit hinterm Ende der Schlange landen. Erwin saust ein verrückter Gedanke im Kopf herum. Auf dem Rückflug von Mallorca im letzten Sommer saß ein Nilpferd neben ihm, ein ausgewachsenes. Eines, dass die ganze Zeit über Chips knabberte, so laut, dass es die Turbinen des Fliegers übertönte. Und nun sitzt er neben dieser Dampflok. Er klebt am Fenster, sie beansprucht die beiden Nachbarplätze. Ihr Schwimmring, groß wie ein Treckerrad, hinten, quillt über die Armlehne. Er ringt in Gedanken nach Luft, öffnet das Bullauge. Die Maschine bekommt seitlich Übergewicht und stürzt in einer sehenswerten Spirale ab. Erwin landet auf einer Hüpfburg, springt etliche Male in die Höhe bis er in der Ritze zwischen zwei Gummiwalzen zum Liegen kommt. Er rappelt sich hoch und merkt, sein Landeplatz ist der pralle Arsch dieser Dampfwalze.

„Was für blöde Gedanken in dieser Corona-Schlange!“, wundert sich Erwin. Die Dame lacht ihn an. Kann sie Gedankenlesen? Lacht sie oder bildet er sich das nur ein? Unter der selbstgenähten Maske aus farbigem Stoff kann man das schwer ausmachen. Dafür erinnert ihn der Mundschutz an Mias Schlüpferchen, rosa mit bunten Blümchen und manchmal braunem Streifen.

„Kann sich nur noch um Stunden handeln. Um 22 Uhr schließen die sowieso. Dann warten wir bis morgen früh um sieben“, beruhigt ihn der Fleischklops. Herrliche Aussichten. Was wird in der Zwischenzeit aus Mia und Max? Wenn Madam von der Arbeit kommt, wird sie eine Vermisstenanzeige aufgeben? Oder ihn in der Warteschlange ablösen, wenigstens Stuhl, Strickjacke und Decke für die Nacht bringen?

Fünf Wagen vor ihm rastet ein junger Mann aus. Er leidet unter Entzugserscheinungen, wollte angeblich nur ein paar Stangen Zigaretten und eine Flasche Korn kaufen. Die Nerven liegen blank. Der Herr vor dem Räuchermecki droht ihm Prügel an, wenn er nicht augenblicklich ruhig ist. „Blödmann“, blökt der Unruhegeist. Sein Vordermann atmet tief ein. Sofort ist allen klar, der ist Bauarbeiter, einer, der die größten Steine beim Häuserbau stapelt, der geholt wird, wenn der Kran auf der Baustellen Panne hat. Eine gespenstische Ruhe tritt ein, niemand traut sich, einen Mucks von sich zu geben.

Erwin nähert sich dem Eingang des Supermarkts. Er stellt fest, keinen Plan zu haben, nicht zu wissen, was er einkaufen soll. Der Zettel seiner Frau liegt … liegt irgendwo, nur nicht in seiner Tasche. „Mir wird schon was einfallen. Ich lasse mich inspirieren.“

Vorne in der Reihe gibt es einen Tumult. Eine Dame bugsiert zwei Wagen durch die Drehtür und wird vom Türsteher im Karussell prompt zum Ausgang manövriert. Sie darf nur eine Karre hineinnehmen, stellt die zweite resigniert an der Seite ab, will erneut hinein. Das verhindern die anderen Wartenden, verweisen auf das Ende der Schlange, weit hinterm Horizont. „Klopapier alle?“, „Die Blase drückt wohl!“, „Portmonee vergessen?“, sind nur einige der Sprüche, die sie zu hören bekommt. Nach zehn Minuten zieht die Dame schimpfend ab. „Na, wenigstens etwas Abwechslung, Kino“, frohlockt Erwin, „Wieder eine Viertelstunde Warterei überstanden.“ Allerdings merkt er, es war eine Tasse Kaffee zu viel. Ab jetzt wird der Einkauf anstrengend, physisch, mental, blasentechnisch. Corona dagegen ist pillepalle. „Durchhalten!“, beschließt er kämpferisch.

Dann, endlich hat auch Erwin den Kopf der Schlange erreicht, betritt den Supermarkt. Station eins sind, wie überall auf der Welt, die Gemüseregale. Gurken, Tomaten, Äpfel, Bananen, eine große Portion, Bananen kann man nie genug im Haus haben, Möhren, Sauerkraut. Sauerkraut hält sich, Erwin legt mehrere Packungen in seinen Einkaufswagen. Weiter zum Käseregal, Romadur, Edamer, Stinkerkäse. Zurück zum Gemüse, Kartoffeln, zwei große Säcke, besser drei. Zwiebeln. Der Wagen wird schwer, lässt sich mühsam rangieren, das linke Vorderrad klemmt. Genau wie der Wagen in der letzten und vorletzten Woche. Acht Tage davor war es das Rad hinten rechts.

Erwin ist in diesem Supermarkt Stammkunde. Dieses Schild sah er bisher nie: „Kundentoilette“. Der Druck auf halber Körperhöhe wird unerträglich. Die Gedanken rasen im Eilzugtempo durch seinen Kopf. Kann er den Einkaufswagen vor der Toilettentür stehen lassen? Soll er ihn mit hineinnehmen? Er entscheidet sich für die erste Möglichkeit. Besser so. Die Reinigungsfirma macht Home-Office. Vor dem Waschbecken überlegt er, wie er das Wasser ohne Berühren des Hahns zum Laufen bringen kann. Es gibt lediglich eine Möglichkeit, anfassen. Wie bei seinem Hahn. Aber bei dem stört es ihn nicht, ihn in die Hand zu nehmen, sonst ginge es in die Büx. Erwin fasst die Armatur nur einmal an, vorsichtig, mit zwei Fingern. Hinterher lässt er es laufen. Seife? Fehlanzeige, ausverkauft. Die Hände trocknet er an der Hose.

Weiter geht es. Butter, Joghurt, Milch … Die Waren türmen sich. „Irgendetwas war da noch.“ Nun rächt sich, den Einkaufszettel vergessen zu haben. Er stößt mit seinem Wagen einen anderen an, so unsanft, dass die Karren beinahe umstürzen. „Tschuldigung!“, knurren beide. Zeit zum Streiten ist nicht, jetzt heißt es Einkaufen, Einkaufen, was der Laden hergibt. Erwin entdeckt im Wagen seines Unfallgegners mehrere Packungen Klopapier. „Klopapier!“, jubelt er. Das war es, was Madam ihm morgens noch zurief. Erwin sucht die Drogerieabteilung. Es geht einmal quer durch den Supermarkt. Das Regal mit dem Klopapier ist leer. „Mistkerl, Arschloch“, denkt Erwin und meint damit den Kerl mit dem Klopapierturm in seinem Einkaufswagen. Erwin entdeckt eine Palette mit Toilettenpapier, eine ganze Palette, daneben noch eine. Na gut, die Packungen sind etwas teuer, zwölf Euro neunundneunzig. Egal. Nur langsam bahnt er sich den Weg dorthin. Es ist wie im Krieg. Dieses Monster aus der Warteschlange versperrt mit seinem Hinterteil den Weg. Vollsperrung, nichts geht mehr.

„Vollgas!“ Erwin fährt dieser Dame, natürlich versehentlich, mit voller Absicht in die Fersen. Die nimmt das kaum wahr, die Freude über eine Packung Klopapier ist größer als der Schmerz der Achillesferse. Endlich. Erwin hält eine Großpackung in der Hand, balanciert sie auf seinen Wagen.
„Danke“, meint ein älterer Herr, „Klopapier suche ich auch.“
„Sorry“, entgegnet Erwin. Er verwechselte die Einkaufswagen.

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Erwin überlegt. Eine Großpackung Klopapier, die reicht … 20 Rollen mit je 200 Blatt … Zu wenig in Anbetracht des vielen Sauerkrauts. Außerdem weiß niemand, wie lange die Katastrophe anhält, vier Wochen, vier Monate, vier Jahre. Erwin erkämpft sich zwei weitere Pakete. „Damit müssten wir über die nächsten drei Wochen kommen, wenn wir sparsam sind.“ Er nimmt sich vor, neben die Kloschüssel einen Zettel zu kleben „Maximal 4 Blatt pro Klobesuch (großes Geschäft).“ Wenn das nicht funktioniert, organisiert er die Zuteilung persönlich. Er wird jetzt die wöchentlichen Werbezeitungen sammeln. „Wenn das Virus zäh ist und sich dem Kontaktverbot widersetzt, dann brauchen wir Reserven.“

Der Schweiß rinnt. Einkaufen in der Zeit von Corona ist Schwerstarbeit.

„Frau Müller-Knesebrüll, bitte 7-4-7“, wird durchgesagt und „Ein Mitarbeiter der Getränkeabteilung bitte zum Pfandautomaten.“ Hier herrscht mehr Betrieb als auf dem Frankfurter Flughafen drei Tage vor Ostern. Nein, stimmt nicht, der Flugbetrieb lahmt derzeit. In der Turbine vom A380 hat sich ein Virus verklemmt.

„So muss sich ein Hamster fühlen“, denkt Erwin im Einkaufsrausch. Er versucht, die Kampfzone um die Klopapierpaletten zu verlassen. In seiner Euphorie vergisst er beinahe, die Erdbeermarmelade und das Puddingpulver. Auf einen Kasten Bier muss er verzichten. Dafür ist in seinem Wagen kein Platz, nicht einmal in der unteren Etage. In einem anderen Einkaufswagen entdeckt er Nudeln. Auf gehts. Das Nudelregal ist wieder am anderen Ende des Gangs. Es ist Schwerstarbeit, mit dem vollgepackten Wagen gegen den Verkehrsstrom anzukämpfen. Er steht vor einem fast leeren Regal, findet lediglich Buchstabennudeln für die Suppe. „Besser als nichts. Damit kann Max gleich die Rechtschreibung üben.“ Er räumt sieben Packungen irgendwie zwischen den anderen Kram in seinen Einkaufswagen.

„Ketchup“, hallt es durch Erwins Kopf. Nudeln ohne Ketchup, das geht nicht. Ketchup ist Lebenselixier, beinahe so wichtig wie Bier und Schokolade. Drei Reihen weiter steht die Tomatensoße im Regal. Erwin packt einige Flaschen ein. Es ist nicht „seine“ Marke. „In dieser Zeit muss man flexibel sein.“

Mehr kann er jetzt wirklich nicht einkaufen, der Wagen ist voll, rappelvoll. Erwin sucht die Kassen. Prima, so viele wie nie sind geöffnet. Mist, an jeder ist eine Schlange mit Schwerlasttransportern. Erwin stellt sich an der erstbesten Warteschlange an. Egal, die sind alle lang wie eine Autobahnbaustelle. Es kommt noch grauenvoller. Nein, die Bonrolle ist nicht alle. Auch kein Storno. Es ist weit schlimmer. Er steht in der Reihe zwischen den Regalen mit den Süßigkeiten. Links Schokokekse, rechts Tonnen von Gummibärchen. Erwin hat Zeit. Er schichtet seinen Kram um. Jetzt passen noch sieben Tüten Gummikram, Hasibärchen, Herzen, Mausepupsies, Zuckerbärchen, saure Ringe, Zuckertäubchen und Gummispagetti sowie drei Packungen Kekse in den Wagen. Nur langsam geht es vorwärts. Das Pärchen vor ihm hat mehr Waren im Korb, als auf das Förderband passen. Und dann verlangen sie noch Kondome, vier Packungen, Kondome mit Erdbeergeschmack.

„Was machen die mit Kondomen, essen?“, wundert sich Erwin. Schade, Erdbeeren hatte er in den Obstregalen nicht entdeckt. Wenigstens konnte er drei Gläser Erdbeermarmelade ergattern. Die hat wenigstens keinen Gummigeschmack, wie die Verhüterli. Schmecken die nur nach Gummi und Ost? Igittigitt!

„Schauen sie mal im Regal an Kasse sieben. Bei mir sind Kondome ausverkauft“, rät die Kassendame. Tatsächlich, an Kasse sieben gibt es noch welche. Freudestrahlend schleppt sie eine Portion an, allerdings in einer ganz anderen Geschmacksrichtung. Sowohl die Kassiererin als auch die beiden Kunden strahlen. Erwin hätte beinahe vergessen, seinen Kram aufs Band zu sortieren. Das Leben im Rausch von Corona ist spannend.

Nach knapp einer Stunde scannt die Kassendame seinen Einkauf.

„Sammeln sie Punkte?“, nuschelt sie durch die Plexiglasscheibe. Die ist neu, müsste trotzdem geputzt werden. Na klar. Wo ist die Karte? Mist, die liegt irgendwo bei seiner besseren Hälfte in den unendlichen Tiefen ihrer Handtasche. Das hätte jetzt Punkte gegeben! Resignierend steckt Erwin seine EC-Karte in den Apparat. Kontaktloses Bezahlen mit Pin-Nummer eintippen. Auf jeder Taste grinsen die Problemviren.

Erleichtert schiebt Erwin seinen vollgeladenen Wagen über den Parkplatz. Eine Dame wirft ihm einen rosaroten Gummihandschuh vor die Füße. Wieder dieses Walross aus der Warteschlange vorm Supermarkt. Sie scheint zu humpeln, fasst sich an die rechte Ferse. Erwin bleibt stehen, wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Verdammt, ich habe mir ins Gesicht gefasst!“ Nirgends kann man hier Händewaschen. Dann überlegt er, wo sein Auto parkt. Jedenfalls in dieser Reihe findet er es nicht. Ihm fällt ein, dass er es vor ein großes Werbeplakat gestellt hat, vor einem mit dicken Panda drauf. „Ja Panda, Pandamie, Pandemie, Katastrophe. Hoffentlich sterben diese Teddys nicht aus.“ Der Panda grüßt nur von jedem zweiten Werbeträger. Das schränkt die Möglichkeiten enorm ein.

Die Gesichter von Mia und Max schwirren kurz durch Erwins Kopf. Ilona ist längst zu Hause und kümmert sich um die Rasselbande.

* * *

„Und wo ist das Brot?“, fragt Ilona, als Erwin den ganzen Kladderadatsch auslädt und auf dem Küchentisch ausbreitet.

Mia trabt aus dem Kinderzimmer, hält einen dicken Stapel selbstgemalter Bilder in der Hand, gibt sie dem Papa und drückt ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange.
„Kaufst du mir morgen neue Buntstifte? Gelb, Rot und Blau sind alle. Grün auch.“ Erwin nimmt sich vor, einen Internetshop zu suchen. Eine halbe Stunde Laufzeit des Notebooks könnte reichen, wenn er sich anstrengt.

Erwin stutzt. Ist das ein Traum? Hat er das jetzt wirklich gesehen? Das muss eine Fata Morgana sein. Mia hat an beiden Zeigefingern knallrote Fingernägel, Farbreste sind an allen Fingern, teilweise über die Fingerkuppen bis zu den Handflächen zu erkennen.
„Seit wann malst Du deine Fingernägel an?“
„Habs nur mal probiert. Mir war so langweilig. Du warst ja so lange weg.“
„Na klar, jetzt bin ich wieder schuld“, denkt Erwin. „Und wo hast du die Farbe her?“
„In Mamas Schrank im Badezimmer neben dem Shampoo stehen ganz viele Gläschen, sogar mit Pinsel drin. Hab wirklich nur ganz wenig genommen. Mama hat schon wie verrückt gerubbelt, damit alles wieder abgeht. Schade, das sah so schön aus, wie bei einer richtigen Prinzessin. Aber an den Zeigefingern darf ich die Farbe bis morgen behalten, hat Mama erlaubt.“

„Entsprechend sah auch das Bad aus“, entgegnet Ilona. Erwin ist sich nicht sicher, ob er in ihrer Stimme ein verstecktes Lachen oder Verzweiflung entdeckt. Der strenge Blick der Mama veranlasst Mia, schnurstracks zurück in ihr Bett zu flitzen. In der Zimmertür bleibt sie stehen, dreht sich um und wirft dem Papa ein Dutzend Luftküsse zu, hält dabei ihre roten Fingernägel demonstrativ in die Höhe.

„Meine kleine Prinzessin.“ Erwin freut sich innerlich. Die Gemälde seiner Tochter kommen in den Ordner „Mia – 5 Jahre“.

Auch Max turnt im Schlafanzug herum, quengelt, noch eine Runde daddeln zu dürfen.
„Hast du deine Hausaufgaben erledigt?“
„Hm“
„Auch Mathe, diese komischen Formeln?“
„Habe ich nicht kapiert, musst du mir nochmal erklären, diesmal aber richtig.“
„Das Beste, ihr skypt morgen mal mit der Mathelehrerin, sonst wird das bis ans Ende der Pandemie nichts“, wirft Ilona ein.
„Papa, du hast die binomischen Formeln in der Schule doch auch lernen müssen?“
„Äh, ja“, entgegnet Erwin gedehnt. Er erwartet einen Anschlag auf seine väterliche Autorität.
„Hast du die schon mal auf deiner Arbeit gebraucht?“ Oh je, diese Frage ist gemein. Erwin fällt darauf keine Antwort ein, keine, die er dem Sohnemann präsentieren kann.
„Bestimmt“, entgegnet er, um Zeit zu gewinnen, „Ist schon eine Weile her. Besprechen wir morgen.“ Er ist stolz auf sich, so spontan geantwortet zu haben. Ihm ist klar, Max kommt mit dieser Frage noch vor dem Frühstück. Hoffentlich kann er heute Nacht schlafen. Wie er sich kennt, wird er im Bett noch eine Ewigkeit grübeln.

„Papa, darf ich nun noch ein halbes Stündchen daddeln?“
„Meinetwegen, kannst ja morgen ausschlafen.“
„Prima, danke!“ Erwin hofft, dass Sohnemann nun Ruhe gibt. Es war ein anstrengender Tag heute.

„Papa, hast du Nutella mitgebracht?“, fragt der Bengel mit einer Unschuldsmiene, die Böses ahnen lässt.
„Nö, wieso. Beim Frühstück was das Glas mindestens dreiviertelvoll.“
„Ich hatte ein bisschen Hunger …“ Es war ein Tausendgramm-Glas, eines mit 33% Extrabonus drin. Das ist jetzt leer. Erwin ist sprachlos. Das passiert höchstens drei Dutzend Mal am Tag.

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„Der Bursche hat seine Quittung bekommen“, erklärt Ilona, „Hat den ganzen Nachmittag auf dem Klo verbracht.“

„Und kilometerweise Klopapier verbraucht!“, denkt Erwin. Er hat Nachschub mitgebracht. Drei Großpackungen, 60 Rollen, das sind lediglich 12.000 Blatt. „Da sieht man, Klopapier ist die Achillesferse der Pandemie. Klopapier ist systemrelevant.“

Für die Darmflora ist die Verarbeitung von Schokocreme ein Leichtes, die Farbe passt schon. Nebenbei produziert sie noch kubikmeterweise duftiges Methangas. Das sorgt für Blähungen, Aufmerksamkeit der Mitmenschen und Verschärfung der Umweltkatastrophe. Klimaerwärmung und Corona sind keine gute Mischung für die Welt, selbst eines allein wäre schon zu viel.

Erwin lässt sich in den Sessel fallen. Im selben Moment schläft er lautstark. In seinem Traum kämpfen zwei Viren, Corona und Suchsel, bewerfen sich gegenseitig mit Schokocreme. Der Ausgang ist ungewiss.


Das Suchsel (Buchstabengitter) unter diesem Text enthält waagerecht und senkrecht insgesamt 12 Wörter, die ich in diese Corona-Shopping-Geschichte reingewurschtelt habe:

Klopapier, Engelstrompete, Euphorie,
Maske,
Abstand, Hamster,
Nerven,
Panda, Händewaschen,
Gummihandschuh,
Absturz, Problemvirus

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