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(c) pixbay.com

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Als ich Zacharias kennenlernte, war er zwölf oder dreizehn, älter auf keinen Fall. Er sprach nicht viel. „Wird eben ein typischer Mann“, sagten alle und niemand machte sich deswegen Sorgen. Er hatte nur wenige Freunde und saß oft zu Hause. Trotzdem waren die Eltern stolz auf ihn. Zacharias malte wunderschöne Bilder, Kunstwerke, die kein Mensch verstand. Wenn er mit einem fertig war, legte er es auf den Tisch, wortlos. Alle staunten über so viel Talent. Knallbunte, leuchtende Farben dominierten die Bilder oder grau in grau mit Strichen, Kreisen, verschlungenen Linien, mystischen Klecksen. Manch einer erkannte grelle Fratzen, ein Universum, geheime Zeichen. „Was ist das für ein Bild?“, wurde er gefragt und er zuckte nur mit den Schultern. War er gut drauf, antwortete er, „Das sieht man doch!“. Niemand erahnte den Sinn in diesen geheimnisvollen Darstellungen. Das war Zacharias‘ Erfolgsrezept.

Später fotografierte er seine Arbeiten und zeigte die Bilder im Internet. Nicht lange und eine Kunstschule wurde auf ihn aufmerksam. Nach dem Schulabschluss gewährten sie ihm ein Stipendium. Eine bekannte Galerie präsentierte seine Bilder.  Kunstliebhaber zeigten Interesse, erwarben das eine oder andere Werk.

Inzwischen ist Zacharias mindestens 30 Jahre älter. Und er malt immer noch, Tag für Tag, unermüdlich. Er ist bekannt in der Szene, eine Größe, international, Berlin, Basel, Paris, Rom, London, New York … Er hasste Reisen, fliegen erst recht. Trotzdem. Er fühlte, es seinen Anhängern schuldig zu sein. Wenigstens vor Ort sein, wenn seine Arbeiten ausgestellt wurden. Reden lässt er die Anderen. Autogramme geben, „Danke“, „Viel Glück“ oder „Wir sehen uns“, sagte er, kaum mehr. Man hofiert ihn, war über jedes Wort aus seinem Mund glücklich, über seine Bilder sowieso. Die großen, die ganz großen Galerien zeigten nur zu gerne seine Arbeiten. Die garantieren Aufmerksamkeit, Umsatz. Seine Technik ist viel ausgereift, perfekt, raffiniert. Statt Tusche oder Wachsstifte nimmt er Ölfarben. Er malt große Bilder, quadratmeterweise Bilder, en masse. Die Motive, sein Stil sind geblieben, ohne sich zu wiederholen. Und ebenso blieben die Titel seiner Werke, „o. T.“, „ohne Titel“, nennt er sie. Niemandem verrät er, was er gemalt hat. Er spricht, wenn er spricht, von Emotion, Gefühl, einer Laune, seinem Inneren, dem Universum … Und alle verstehen ihn, glauben, ihn zu durchschauen. Bei jeder Vernissage werden dicke Kataloge ausgelegt, lange Reden gehalten. Doktorarbeiten wurden über den großen Schweiger, den berühmten Maler geschrieben. Und sie kaufen seine Bilder, geben viel Geld aus. „Ist eine Wertanlage“, sagen sie. Die Preise schnellen in die Höhe.

Eines Tages ändert Zacharias er seinen Plan. Er produziert etwas, was jeder sofort erkennt, ein dickes Portmonee, aus dem das Geld herausquillt, reihenweise Scheine und Münzen. Die vielen Details malt er mit feinstem Pinsel. Man meint, es wäre ein Foto. Und er schreibt einen Titel drunter, zum ersten Mal in seiner Laufbahn, „Danke!“. Mehr nicht. Alle wundern sich über das Bild. „Ist kein echter Zacharias“, sagen sie und wenden sich den Abstrakten, den alten Arbeiten zu, legen dicke Geldpakete hin, um eines zu erwerben.

Neulich wurden auf einer Auktion einige seiner Bilder versteigert. Nur eines fand keinen Abnehmer, nicht einmal zum Mindestgebot. Es hängt jetzt in Zacharias‘ Wohnzimmer. Und es ist unverkäuflich.

Seitdem hat Zacharias nie wieder gemalt. Sein Name findet sich nicht einmal mehr in Wikipedia. Aus, Schluss, Finitum, er ist versorgt, hat sparsam gelebt und widmet sich nun bis ans Ende seiner Tage sorgenfrei dem, was ihm wirklich gefällt, Angeln, Lesen und Kreuzworträtseln. Die Kunstszene, die Kunstsammler sind ihm gleichgültig. Die sitzen auf ihrer Wertanlage, verramschen sie zu Spottpreisen.

Stolz betrachtet er jeden Tag sein Bild, sein „Danke!“, die pralle Geldbörse. Sie ist sein Meisterwerk.