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Irgendwann endet jedes Leben. Sein letzter Atemzug war nur ein Röcheln.

(c) pixabay.com

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Es trifft uns nicht unvorbereitet. Er klapperte verdächtig und gesaugt hat er nur sporadisch, alle zwei Meter für fünf Sekunden. Jetzt tat er seinen letzten Atemzug. Schon nach 17 Jahren, bevor er volljährig wurde, ist er nicht mehr zu gebrauchen, der gute alte Staubsauger. Es wird eine versteckte Sollbruchstelle sein. Äußerlich wirkt er tadellos, bis auf ein paar Schrammen.

Wir stehen vor einer großen Entscheidung. Es muss schnell gehen. Staub, Dreck, die Haare von Helene, Brotkrümel, ganze Bataillone von Milben marschieren in solch einer heiklen Situation naturgemäß in riesigen Mengen auf. Helene ist in der Mauser, scheint sich bei dem Sperling angesteckt zu haben, den wir ihr aus den Fängen reißen konnten. Sie verliert täglich tonnenweise Haare, schwarze und weiße. Woher die braunen kommen, wissen wir nicht. Hat sie einen Verehrer, dem sie öfter das Fell krault? Ich wollte nie einen Stubentiger. Doch Lucie, meine bessere Hälfte, meinte, entweder noch ein Kind oder eine Katze. Es war Notwehr. Ich bin so froh, dass Olli nun endlich aus der Pubertät herauswächst. Ist ja schon im 25. angekommen. Noch einmal von vorn anfangen? Nein, das schaffe ich nicht. Dann lieber eine Katze, die sperre ich notfalls im Bad ein – wenn Lucie mal nicht da ist, beim Friseur, der Kosmetikerin oder ihrer Freundin.

Die große Frage ist: Staubsauger oder Saugroboter. Ich studiere das Internet, von vorn bis hinten, jedenfalls bis zum Jahr 1904, als der Staubsauger erfunden wurde. Nun kenne die gesamte Geschichte der maschinellen Teppichreinigung, sämtliche Vorzüge und Nachteile aller Fabrikate, kann Staub klassifizieren und weiß trotzdem nicht weiter. „Entscheide dich endlich! Oder ich kaufe den ‚Staubfix 3000‘ im Supermarkt.“ Sie sagt es mit einem Unterton, den nur Frauen beherrschen. Das ist eine offene Drohung, eine Unterminierung meiner Expertise in technischen Fragen.

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Also trabe ich los, ins Einkaufszentrum am Stadtrand. Staunend stehe ich in der Staubsaugerabteilung. So viele verschiedene Geräte hatte ich wirklich nicht erwartet, gelbe, grüne, rote, selbst verchromte Staubsauger grinsen mich an. Ein Verkäufer stellt sich mir in den Weg, wittert das Geschäft seines Lebens, versperrt gekonnt den Fluchtweg. Er berät mich wie ein Staubsaugervertreter der neuesten Generation, einer der erst gestern das Verkäuferdiplom ablegte. Ich bin quasi sein Versuchskaninchen. Er erzählt mir haarsträubende Geschichten von Wollläusen, Milbenattacken und versauten Teppichen. Jedes Mal wenn ich Luft hole, um ihn zu unterbrechen, fällt ihm eine neue Gruselgeschichte ein. Ich merke sofort, seine Strategie ist so klar wie durchsichtig, er versucht, mich weichzuklopfen, damit ich das teuerste Gerät kaufe. „Nein Kollege, nicht mit mir!“ Er redet und ich höre nicht zu. Schließlich kommt er zum Finale. Staubsauger wären zwar billig, doch die Technologie ist ausgereizt, da gibt es keine Innovationen, mit einem Wort sie sind veraltet, sind von vorgestern. Der Hausmann von heute kauft einen Roboter, der lässt sich programmieren und per App vom Büro aus steuern. Na gut, der ist ein paar Hunderter teurer, wenn man ein ordentliches Gerät nimmt. Wer kauft sich solch einen Hightech-Apparat beim Discounter. „Ein Saugroboter ist eine Investition fürs Leben“, verkündet er und empfiehlt gleich den ‚Dust Eater 1000‘. „Der hält mindestens fünf Jahre, mit regelmäßigem Update des Betriebssystems auch sechs.“ Mit einem verschmitzten Grinsen ergänzt er: „Ich verrate ihnen ein Geheimnis. Im Herbst kommen die ersten Modelle der nächsten Generation auf den Markt, mit künstlicher Intelligenz. Die ersten Geräte haben bestimmt noch ein paar Macken. Mit dem ‚Dust Eater 1000‘ sind sie jedenfalls gut bedient.“ Ich bin begeistert. Der sortiert den Staub in sieben verschiedene Kategorien, recyclet organisches Material, Milben, Hinterlassenschaften von Hunden, Katzen und Babys. Sogar Strom kann er aus der Abluft erzeugen und ins öffentliche Netz einspeisen. Mit dem Teil verdient man sein Geld im Schlaf. „Je mehr Dreck sie machen, desto mehr verdienen sie“, erklärt er stolz, „Aber nur mit dem ‚Energy-Aufsatz‘ für nicht einmal tausend Euro.“ Tausend Euro zusätzlich natürlich.

Schließlich entscheide ich mich nicht für das teuerste der Geräte, ich nehme das allerteuerste, den König der Saugroboter, natürlich mit diesem ‚Energy-Aufsatz‘. Der Bursche beherrscht parkettierte Böden, Teppiche, sammelt Staub, Krümel und Katzenhaare ein und hat obendrauf eine rote Rundumleuchte. Meistens findet er sogar seine Ladestation. Ist er mit seinem Werk fertig, braucht man nur noch einen kleinen Handstaubsauger für die Ecken und die schweren Fälle wie das Katzenfutter, das Helene regelmäßig in der Wohnung verteilt.

Lucie guckt komisch als ich mit diesem fetten Paket zu Hause aufschlage. Der Schweiß rinnt in Strömen, ich genehmige mir ein Bier. Dann noch eines. Auf solch eine Anschaffung muss man anstoßen, wenigstens mit sich selbst. Lucie packt derweil den Karton aus. „Oh Gott!“, stöhnt sie. Das Handbuch wiegt zweieinhalb Kilo. Nach drei Tagen intensiven Studiums wissen wir, wie das Ding funktioniert. Die Ladestation steht an zentraler Stelle im Korridor. Dann werden die Akkus aufgeladen und das Ding programmiert. Zuerst für in fünf Minuten. Wir wollen sehen, wie es arbeitet.

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Der Motor springt an. Das Ding surrt leise, das Sauggebläse wird zugeschaltet, die Rundumleuchte dreht sich. Es muss sich warmlaufen, wackelt, löst sich von der Ladestation und rattert los, kreuz und quer durch die Wohnung, wie ein betrunkener Schmetterling im Garten.

Unsere Katze Helene fühlt sich provoziert. Das Ding dringt in ihr Revier ein, unangemeldet, ohne eine tüchtige Portion Leckerli, ohne Streicheleinheit. So verhalten sich nur Feinde und Tante Emmi jedes Jahr zu Weihnachten. Sie umrundet das unbeirrt marschierende, ständig die Richtung wechselnde Ungetüm. Das Ding scheint irritiert, laufend kreuzt ein Katzenfuß seine Bahn.

Was ist das? Aus dem Wohnzimmer kommt ein verdächtiges Geräusch, so als würde ein Stapel Porzellanteller zu Boden gehen. Die alte Bodenvase ist umgestürzt, in tausend Teile zerbrochen. Es war ein hässliches Stück, das uns Tante Emmi vor Jahren zu Weihnachten vermachte, ein uraltes Erbstück, vermutlich aus der vierten Ming-Dynastie, aus dem Secondhand-Shop oder vom Flohmarkt. Lucie liebt die Vase, Tante Emmi ist nicht unvermögend, dafür kinderlos. Laufend stellt Lucie irgendwelche überdimensionalen Blumen hinein. Die Erbschaft hat sich erledigt. Der sämige Inhalt der Vase ergoss sich über den Teppich. Helene sitzt sicherheitshalber auf dem Tisch. Das Ding, der Name hat sich bei uns längst etabliert, fühlt sich angespornt und versucht, die muffige Brühe aufzusaugen. Für die Elektronik ist das Gift. Augenblicklich versagt das Ding seine Dienste. Helene ist glückliche Siegerin, K.O. in der ersten Runde. Stolz thront sie auf ihrem Gegner und erwartet eine Belohnung. Ich überlege, ob wir uns zu Weihnachten das neue Modell mit künstlicher Intelligenz anschaffen sollten. Bevor ich diesen Gedanken aussprechen kann, kontert meine Frau:

„Der ‚Staubfix 3000‘ von McKauf hätte das im Handumdrehen gemeistert.“