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(c) pixabay.com

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Wenn es so weitergeht, drehe ich durch. Erst kratze ich Schnee und Eis von der Frontscheibe, verrenke mir die Arme. Verdammte Kälte. Handschuhe und Mütze liegen in der Wohnung. Ein Mann jammert nicht, ist ein Held, egal wie kalt es ist. Die Finger sind steifgefroren wie Eiszapfen.

Dann setze ich mich ins eisigkalte Auto, hoffe auf die Sitzheizung. Was macht diese verdammte Karre derweil? Nichts. Gibt keinen Mucks von sich. Der Motor springt nicht an, alle Lampen sind aus und ich weiß nicht einmal, was dem Auto fehlt, Benzin, Strom, Öl – alles gleichzeitig. Es ist ein Wunder, dass ich drinsitze. Wenigstens ging das Türschloss auf, als ich auf den Funkschlüssel drückte. Hoffentlich komme ich wieder raus, hoffentlich sind die Türen nicht blockiert. Die Fensterheber, elektrisch, motorgetrieben, hypermodern mit WLAN-Anschluss, eigener Homepage und Facebook-Profil, geben keinen Mucks von sich.

Irgendetwas stimmt an dem Fahrzeug nicht. Irgendetwas? Alles. Der Motor, die Beleuchtung, das Radio … Die Wischer rühren sich keinen Millimeter und die Scheiben beschlagen inzwischen von innen. Ich sollte aufhören zu atmen. Was soll das alles? Gestern lief die Karre wie der geölte Blitz. Vor der Blitzersäule konnte ich dank Vollbremsung und ABS das Schlimmste verhindern. War nur schnell zur Tankstelle gefahren. Freitagnachmittag ist der Kraftstoff am günstigsten, 119,9 ct für Diesel an der Billigtanke am Stadtrand.

Habe ich Benzin und Diesel verwechselt, in der Hektik Benzin eingefüllt? Kann nicht sein, dann wäre ich garantiert nicht heimgekommen. Spätestens auf dem Parkplatz vom Discounter wäre der Bock nicht mehr angesprungen. Da gab es keine Auffälligkeiten, am Auto. Im Laden gibt es immer welche, die Enge, die Unordnung, die Schlange an der Kasse, der Butterpreis, die fixen Finger der Kassiererin.

Ich hasse diese Karre. Soll sie doch sagen, was los ist. Die ist genauso wie Gertrud, als ich neulich vor dem Fernseher eingeschlafen war und vergessen hatte, den Sender mit den Nackedeis auszuschalten. Fünf Tage und sieben Stunden lang hat sie nicht mit mir gesprochen. Erst als ich sie am Samstagmorgen unter meine Bettdecke einlud, sagte sie wieder etwas, „Oller Doofi!“. Es hätte schlimmer kommen können.

Komischerweise ist dieser Sender jetzt gesperrt, „Jugendschutz“. Wer war das? Meine Frau doch nicht, die und Technik. Die legt selbst eine CD falschrum in den Player und wundert sich, dass die Musik rückwärtsläuft. Wenn ich nur wüsste, wie dieser Sperrcode lautet. Meine Frau kann ich nicht fragen.

Soll ich jetzt eine Woche warten, bis die Karre wieder mit mir spricht, gar fährt. Sie mit ins Bett nehmen, geht nicht. Ich könnte ihr ans Hinterrad pinkeln. Mir ist grad so. Die Kälte fördert den Müssen-Muss Reflex. Ob der Wagen das mag? Ich glaube nicht.

„Autoclub“, hallt es durch meinen Kopf. Manchmal habe ich geniale Ideen und die kommen sogar bei dieser Mistkälte. „Ich rufe beim Autoclub an.“ Wo ist die Service-Karte? Ich krame die Ausweistasche durch, suche im Handschuhfach und den Ablagen in den Türen. Wenigstens spüre ich derweil die Kälte nicht. Auch keine Service-Karte zwischen den Fingern. Ich krame in der Hosentasche, in der anderen Hosentasche, in der Jackentasche. „Da ist dieses Miststück endlich!“

Das Handy, wo ist mein Handy. Ich renne zurück in die Wohnung. Das ist mir noch nie passiert, dass ich ohne Handy losgezogen bin. Es liegt griffbereit auf dem Schuhschrank. Jetzt kann ich Hilfe rufen. Denkste, der Saft ist alle, der Saft vom Handy. Zum Glück haben wir ein Festnetztelefon. Mist! Die Service-Karte liegt im Auto. Ich renne raus. Die Autotür ist verschlossen. Wie geht das? Ich drücke wie ein Besessener auf den Schlüssel. Es ist zum Verzweifeln, die Tür bleibt zu. „Scheiß Technik!“ Was nun? Ich trete gegen den linken Vorderreifen, sieben Mal, wutentbrannt, aber vorsichtig, soll ja nichts kaputt gehen, ist schon genug im Eimer. Sieben ist meine Glückszahl. Hilft nicht. Ich friere. „Wie bekomme ich die verdammte Karre auf?“ Ich versuche, durchs Fenster zu schielen, vielleicht liegt die Karte günstig und ich erkenne die Nummer. Nein, die Scheiben sind von innen beschlagen, es ist sogar schon eine dünne Eisschicht gewachsen.

Ich bin ein Mann. Ein Mann gibt nicht auf. Ein Mann hat immer noch ein Ass im Ärmel. Mein Ass heißt „Autoordner“. Darin hefte ich alles ab, was mit dem Auto zu tun hat, Kaufvertrag, Reparaturen, Einlagerung der Sommer- und Winterreifen, Versicherung, Steuern und Autoclub. Inzwischen sind es schon drei Ordner, randvoll mit Zetteln. Ich suche, ich fluche, meine Frau fragt, wo ich die Brötchen hingelegt hätte. Welche Brötchen? Ach so, ich wollte ja mal fix zum Bäcker düsen, warme Semmeln fürs Frühstück holen. Hatte ich vergessen. Ich drehe hier noch durch. Außer den Rechnungen vom Autoclub finde ich nichts. Doch, endlich, hier stehen die Telefonnummer und meine Mitgliedsnummer. Ich reiße den Wisch aus dem Ordner, wetze ins Wohnzimmer, setze mich an den gedeckten Frühstückstisch, nur die Brötchen fehlen und wähle endlich die Nummer vom Autoclub. Meine Frau sagt kein Wort. Ist besser so.

Ich hänge in der Warteschleife. Samstagfrüh, das kann doch nicht ewig dauern, wer braucht samstags einen Autoclub, bin sicher gleich dran. Die Musik ist ermüdend. Sollten sich mal was Gefälligeres suchen. Und der blöde Kerl, der jede Minute sagt, dass alle Plätze besetzt seien, der kann von Glück reden, dass Mord durchs Telefon noch nicht erfunden wurde. Soll er doch die Klappe halten. Nach 15 Minuten überlege ich, mir ein neues Auto zuzulegen, eines das funktioniert oder künftig den Lieferservice für Brötchen anzurufen.

Endlich! Endlich meldet sich eine nette Frauenstimme. Ich schildere mein Problem, besser gesagt, das vom Auto. „Ja, wir schicken jemanden. Es dauert aber etwas, bei dieser Kälte machen viele Batterien schlapp.“

„Dauert“, heißt in diesem Fall drei Stunden und 50 Minuten. Meine Frau hat in der Zwischenzeit Aufbackbrötchen in die Röhre geschoben. Unsere Reserve für den Notfall. Heute ist der ganze Tag ein Notfall. Die Brötchen sahen nicht mehr gut aus, waren schon vor Ostern abgelaufen, aber noch kein Schimmel dran.

Der Kollege vom Autoclub hupt. Ich bin auf der Couch eingeschlafen, muss mich erst orientieren. Dann geht es schnell. Er fragt, was wäre. Ich erkläre die Lage. Er nimmt den Autoschlüssel, öffnet die Tür, setzt sich rein, startet den Motor. Alles bestens. Ich bin baff. Ein böser Traum? Hat mich diese elendige Kälte, die kommt garantiert aus Russland, direkt aus Sibirien, hat mich diese Kälte heute früh um den Verstand gebracht?

„Ist normal“, sagt der Typ. „Wenn es ein bisschen wärmer wird, da reichen manchmal schon zwei oder drei Grad, dann hat die Batterie wieder Saft. Lassen sie das Teil unbedingt in der Werkstatt tauschen. Sonst erleben sie dieses Drama immer wieder.“ Er schaut unter die Motorhaube und erklärt mit fachmännischem Blick, „Das Ding ist sechseinhalb Jahre alt, muss unbedingt gewechselt werden.“

Das Ausfüllen der Formulare dauert länger als die ganze Reparatur, wenn man das überhaupt „Reparatur“ nennen darf.

Damit ist die Malaise mit dem Auto aber nicht zu Ende. Am Montag geht sie weiter. Ich fahre sofort in meine Werkstatt, die Batterie wechseln. Schon beim Losfahren merke ich es. Das Radio fragt nach einem Code. Hat es noch nie gemacht. Ist etwa doch mehr kaputt als die Batterie? Schüchtern weise ich den Monteur auf dieses Problem hin. „Logisch!“, sagt er, „Sie müssen den Code eingeben!“ Jetzt bin ich so schlau wie vorher. Es liegt sicher an meinem Gesichtsausdruck. Er erklärte mir die Sache. Wenn das Radio mal keinen Strom hat, also wenn die Batterie sauer ist oder abgeklemmt wurde oder wenn jemand das Radio geklaut hat, dann geht das Teil erst wieder, wenn man den Code eingibt. „Code nie im Handschuhfach aufbewahren. Das freut die Diebe.“ Nun weiß ich Bescheid.

Kein Problem, in meinem Handschuhfach findet niemand irgendetwas, nicht einmal ich selbst. Aber ich habe ja die drei Ordner „Autoordner 1 bis 3“. Irgendwo darin wird auch dieser vermaledeite Code schlummern.


Die rohform dieses Textes entstand am 30. Januar 2021 bei einem Online-Schreibworkshop mit Anke Engelmann unter der Ägide vom Haus Dacheröden zu Erfurt.

Die Schreibaufgabe lautete:

Routine brechen – Etwas verhält sich anders als erwartet