Schlagwörter

, ,

(c) pixabay.com

(c) pixabay.com

Heribert ist ein Musterknabe, so wie es sich die Regierung wünscht. Sagt sie, „Abstand halten“ und „Home-Office“ und „Mund-Nasen-Schutz“ und „zu Hause bleiben“ und „Die Inzidenz ist zu hoch“, dann spurt Heribert artig.

Sechs Wochen Home-Office, das sind sechs Wochen Tiefkühlkost, Dosensuppe und Pizzaservice. Früher hat seine Frau gekocht, seit ihrem Toskana-Urlaub gern italienisch angehaucht. Anfang letztes Jahr hat sie ihn rausgeschmissen. Einmal in der Woche flitzt er zum Bäcker und Supermarkt. Das ist sein Leben, nervenzerfetzend wie die 13. Wiederholung vom „Tatort“. Am Samstag schaut Heribert in den Spiegel. Das macht er immer beim Rasieren, also jeden dritten oder fünften oder siebenten Tag. Diesmal betrachtete er sich genauer. Das hat einen Grund. Er möchte sich bei einem Dating-Portal anmelden. Egal ob Pandemie, Abstand halten und Kontaktverbot angesagt sind. Eine Frau muss her, keine aus Gummi, bei der hat er die Luft rausgelassen, die hat er in den Kleiderschrank gestopft, in die letzte Ecke. Eine aus Fleisch und Blut soll es sein, eine mit Brust und Hintern und anderen netten Stellen. „Ach ja, dumm darf sie nicht sein, wenigstens Kochen sollte sie können. Und meine Hemden könnte sie bügeln. Das spart das Porto für die Pakete zu Mutter.“

Als er sich so betrachtet, die Falten auf Wangen und am Hals glattzieht, den Kamm durch den Filz auf seinem Kopf zieht, bekommt er einen Schreck. „Oh je, bin ich das, wirklich? Nee, so geht das nicht.“ Er schmiedete einen Plan.

Erster Punkt ist Haareschneiden. Heribert steht gerade vor dem Spiegel, da bietet sich das an. Eine Schere und die Haarschneidemaschine liegen griffbereit im Spiegelschrank. Das Ergebnis nach einer Dreiviertelstunde ist gewöhnungsbedürftig, kreativ, wenig besser als vorher. Eine Portion Gel sorgt für klare Linien.

Heribert braucht ein Foto, ein Porträt, eines, das ihn von seiner allerbesten Seite zeigt. „Andere habe ich sowieso nicht!“ Er stellt sich mitten ins Zimmer und versucht, ein Selfie zu schießen. Im Hintergrund prankt die Unordnung seiner Wohnung. Schnell kramt er die Sachen auf einen anderen Berg, so dass der Blick auf die Anrichte mit der Monstera drauf und der Wand mit dem Schinken vom Sperrmüll frei wird. Nach 20 Minuten ist das Bild im Kasten. „Geht so!“ Ihm kommen Zweifel. „Wenn mich jemand erkennt, die Kollegen, Nachbarn, der Kegelclub.“ Er sucht im Internet nach einem passenden Foto, findet einen feschen Italiener. „Okay, der ist es, mein zweites Ich!“

Nun die Anmeldung beim Dating-Portal. Was die wissen wollen! Warum knallen die nicht einfach alle Bilder auf den Bildschirm und er sucht sich eine Tante aus? Stattdessen fragen sie nach Namen und Wohnort. Klar, ist wichtig. Und einen Nicknamen soll er angeben, der wird bei den Damen angezeigt. Inkognito daten, die Idee gefällt ihm. Lange überlegt er, entscheidet sich schließlich für Angelo. Das klingt italienisch, sexy, scharf. Passt zu seinem Foto. Frauen stehen auf Italiener.

Dann wollen sie sein Geschlecht wissen. „Sind die blöd? Ich heiße Heribert. Gibt es auch Frauen, die so heißen?“ Seine sexuelle Orientierung interessiert die nun. Er ist wütend. Die sollen endlich auf den Punkt kommen, ihm die Frauen schicken, alphabetisch sortiert oder nach Größe, Haarfarbe oder … „Scheißegal!“ Was es so alles an sexuellen Orientierungen gibt, nur Fremdworte, ausländisch. Heribert muss googlen, um zu wissen, was er ankreuzen soll, entscheidet sich schließlich für „heterosexuell“. Nun noch Größe, Gewicht, Augenfarbe, Frisur, Alkoholkonsum, Rauchen und so weiter, alles kein Problem. Dann das Berufliche. „Angestellter“ schreibt er, das klingt neutral. Lange grübelt er, welche Haupteigenschaften er angibt, wofür er sich interessiert. „Kegeln, das klingt seriös.“ Immerhin wirft er seit Jahrzehnten die Kugel, alle acht Wochen im „Goldenen Hirsch“, auch „Ballermann“ genannt. Zum Schluss fragen sie nach seiner Bankverbindung. „Was, die wollen Geld von mir? Na, dann spendiert mir auch eine besondere Torte, gerne auch zwei, eine für die Woche, eine fürs Wochenende. Vielleicht noch eine fürs Kochen, Putzen und Bügeln.“ Endlich klickt er auf „Absenden“. Nichts geschieht. Ach so, die Haken bei den Datenschutzhinweisen, der Widerrufsbelehrung und den AGBs fehlen. Ab geht die Post.

Heribert wartet, nichts passiert, er wartet weiter. Im Minutentakt schau er in sein Postfach. Ja, sie haben seine Anmeldung bekommen, ja sie haben das Geld abgebucht, ja, sie begrüßen ihn als 309.738. Mitglied im Club, die Frauen nicht mitgerechnet. Wo bleiben die Angebote? „Wir leben im 21. Jahrhundert, da muss so etwas in Sekunden laufen!“, schimpft er und genehmigt sich zur Beruhigung ein Bier.

Heribert nutzt die Wartezeit. Seine Hantel liegt bereit, seit zehn Jahren unbenutzt, 1 Kilo, nein, 1.000 Gramm schwer, tausend kling besser. Zweimal hat er heute schon geübt, dreimal links, dreimal rechts, bis die Bizepse schmerzten. Dann hat er sie weggelegt, ist zu schwer. Sie liegt im Blickfeld der Kamera. Das beeindruckt die Damen. Vielleich kann er ja gleich eine Videokonferenz starten, natürlich mit jeder Dame einzeln. Das Stirnband lässt ihn cool aussehen, wie einen echten Sportler. Die Krawatte verleiht ihm den Anschein von Seriosität. Heribert hat seinen Auftritt generalstabsmäßig geplant. Heute ist Ruhe auf dem Kanal.

Am nächsten Morgen sitzt Heribert bereits früh vor dem Computer. Er hatte extra den Wecker gestellt. Seine Mailbox quillt über, wie jeden Tag. Als er den Spam, kiloweise, aussortiert hat, bleiben fünf Nachrichten übrig, eine Rechnung, eine Mail vom Vermieter, er möge seine Mietzahlung nicht vergessen und – endlich – drei, „Wieso nur drei?“, Mails von diesem Dating-Portal, drei Frauen, „Traumfrau“ steht im Betreff.

Die erste Dame, Babsi nennt sie sich, enttäuscht auf der ganzen Linie. Die Oberweite … Heribert bekommt schon beim Blick auf den Bildschirm Angst. Er löscht dieses Angebot.

Die anderen Offerten sind auch nicht besser. Frustriert schaltet Heribert den Computer aus und verkriecht sich in sein Bett.

So geht es die nächsten Tage lang weiter. Immer wieder treffen Kontaktanzeigen ein. Heribert studiert sie ausgiebig, verwirft eine nach der anderen. Seine Unsicherheit wächst. Was, wen sucht er eigentlich? Ein Superweib, einen häuslichen Typ, schlank, mollig, blond, brünett, Ärztin, Hausfrau … Die Spannung lässt nach, es ist nur noch Routine, regelmäßig die Mailbox zu checken und eine nach der anderen E-Mail zu löschen. Eines Tages vergisst er sogar das.

(c) pixabay.com

(c) pixabay.com

Beinahe hätte er sie übersehen, gewohnheitsmäßig weggeklickt. Gina heißt sie, nennt sie sich. Das Bild ist vielversprechend und was sie schreibt, klingt … nein, nicht verführerisch, eher aufregend, selbstbewusst, trotzdem bescheiden. „Die oder keine!“, steht für Heribert fest, „Das ist sie!“ Hätte er solch eine doch vor knapp 20 Jahren getroffen, statt von dieser Elvira um den Finger gewickelt zu werden. Es waren die Hormone, steht für ihn fest, die hatte er noch nie im Griff. Es hat sich gelohnt, dieser Ausflug in die Welt der virtuellen, der Online-Liebe. Jetzt muss es nur noch echte Liebe, Liebe zum Anfassen werden. Das ist furchtbar kompliziert, wie Heribert in den nächsten Stunden feststellt.

Lange grübelt er an einer Antwort. Immer wieder verwirft er seinen Text, legt sich schließlich eine Liste mit möglichen Formulierungen an, verbindet sie zu einer ellenlangen Nachricht. Zufrieden mit seinem „Werk“ ist er nicht. Er weiß, je länger er daran herumpopelt, desto scheußlicher, schmalziger, schnulziger wird es. Ab damit zu seiner Traumfrau.

„Stopp! Halt!“ In der allerletzten Sekunde zerrt er die Maus vom „Senden“-Butten herunter. Er hat seinen echten Namen drunter gesetzt. Schnell korrigiert er den Fehler, schreibt „Herzliche Grüße von Angelo!“ und schickt die E-Mail auf die Reise.

Heribert nimmt sich vor, das Projekt „Gina“ langsam anzugehen, es nicht zu überstürzen, durch Ruhe und Vernunft Vertrauen zu schaffen. Erst nach drei Wochen fragt er sie. „Wollen wir mal einen Kaffee“, er korrigiert sich rasch, „Wollen wir mal einen Espresso zusammen trinken, einen Espresso to go?“ Angelo, nein Heribert, fühlt sich beinahe wie ein Italiener.

Schnell entdeckt er vor dem Café seine Traumfrau. Sie nimmt gerade einen dampfenden Becher durchs Fenster in Empfang. Angelo hebt die Hand zum Gruß, ordert ebenfalls einen Espresso. Sie setzen sich auf die Mauer am Springbrunnen, den Mindestabstand penibel einhaltend. „Wagen wir es?“, fragt sie und nimmt den Mund-Nasen-Schutz ab.

Heribert ist sprachlos. „Was will die denn hier?“, denkt er, „Ihr neuer Haarschnitt sieht ja aus wie ein Wischmopp!“ So hatte sich Angelo das erste Date nicht vorgestellt. Wieso sitzt ausgerechnet die heute neben ihm? Und sie hat sogar einen gelben Schal um den Hals, das mit Gina vereinbarte Zeichen. Genauso verdattert wie er, schaut sie, hat ihn trotz Maske nun auch erkannt.

„Sag nicht, dass du Angelo bist!“

Sie ist seine Ex. In vier Wochen ist es endlich so weit, da sitzen sie sich beim Familiengericht gegenüber, hoffen, diese beinahe 17 Jahre währende Liaison zu beenden.

„Gina?“ Heribert läuft knallrot an. Wie konnte er sich so irren, wie konnte er ausgerechnet auf diese Frau im Dating-Portal hereinfallen!

„Sag Elvira zu mir. Und wenn wir schon mal hier sind, trinken in Ruhe aus.“ Aus dem einen Espresso werden drei, wird eine Runde über die Einkaufsmeile der Stadt. Die Läden sind zu, sie haben Gelegenheit zu plaudern.

Inzwischen ist er wieder bei ihr eingezogen. Sie nennt ihn jetzt Angelo, er ruft sie Gina, gemeinsam träumen sie von Urlaub in Italien.