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(c) pixabay.com

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Carlo war weg, spurlos verschwunden. Kein Abschiedsbrief, ein Zettel auf dem Küchentisch. „Ich komme wieder, irgendwann. Warte nicht!“, schrieb er mit seinem uralten Federhalter. Verschnörkelte, geschwungene Linien, altmodisch, chic. Carlo liebte alte Schriften, Füller, farbige Tinten. Dieser Zettel war das Einzige, was auf sein Verschwinden hinwies. Außer den Kleidungsstücken, die er heute früh anzog, fehlte nichts. Brieftasche, Portmonee natürlich, keine großen Beträge. Magdalena konnte nicht einmal sagen, was er trug, als er verschwand. Ja, seine alte Wolljacke, die ausgelatschten Treter, die er immer anzog, die sie so hasste, seine Stoffmütze, mehr Hinweise konnte sie der Polizeibeamtin nicht geben, als sie nach Tagen eine Vermisstenanzeige erstattete.

„Irgendwann“, schrieb er. Wann war „Irgendwann“? In ein paar Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, … Wenn ihm etwas zustieß, ein Unfall, ein Verbrechen, eine Krankheit, … Magdalena machte sich Sorgen. Sie liebte Carlo. Ja, sie hatten gestritten. Geschlagen hat er sie nie, auch wenn sie ihm so manches Mal ansah, dass ihm danach zumute war. Und hinterher, die Versöhnung, bei Kerzenschein, mit Wein und romantischer Musik. Und was dann kam, das besänftigte sie stets, beide. Es war so schön. Stritten sie manchmal allein deswegen?

Es war ein Aufbruch ins Ungewisse, zumindest empfand es Magdalena so. Wusste er, welchen Weg er gehen wollte, welchen Weg er gehen sollte oder musste? Verschwand er freiwillig? Kam er tatsächlich irgendwann zurück? Ein verruchtes irgendwann! Magdalena war verzweifelt. Sie rief sein Handy an, niemand nahm ab, diese furchtbare Frauenstimme sagte stets, der Anrufer sei im Moment nicht zu erreichen. Sie sendete Textnachrichten, unendlich viele. Keine Antwort.

Nach fünf Wochen kam ein Brief, ein Brief von der Polizei. „… Müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass unsere Ermittlungen ergebnislos verlaufen sind. Das Verfahren wird vorläufig eingestellt … Sollten sich neue Anhaltspunkte ergeben …“ Wieso setzten sie Carlo nicht auf die Fahndungsliste von Interpol? Er war kein Krimineller, wahrscheinlich. Oder doch? Weshalb war er gegangen? „Hat er ein Ding gedreht, steckt eine andere Frau dahinter, liegt es an mir?“ Magdalena drehte fast durch. Tausend Fragen zermarterten ihr Gehirn, tausend Fragen, keine einzige Antwort. Die superschlauen Ratschläge einer Psychologin halfen ihr nicht weiter. Wochen, Monate vergingen, zäh wie Kaugummi.

Oft dachte sie an Carlo, wie sie sich kennenlernten. Es war eine wilde Zeit. Immer wieder erschien sein Gesicht in ihren Träumen. Ja, er war ein verrückter Kerl, mit einem blauen Auge, himmelblau. Und das andere war grau, nahezu farblos. Da hatte die Farbe nicht mehr gereicht. Und seine Sprache, man hätte meinen können, er käme aus Spanien oder Portugal. Es war ein komischer Akzent, der in seinen Worten mitschwang. Deshalb nannten ihn alle Carlo. Nur wenige kannten seinen tatsächlichen Namen. Dabei war er nie dort gewesen, auf der iberischen Halbinsel, ist in der Nähe aufgewachsen.

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Genau ein Jahr nach Carlos Verschwinden, fand sie einen Brief. Jemand schob ihn unter der Wohnungstür hindurch. Ein Brief von Carlo, ja, seine schnörkelige Schrift, wieder mit Federhalter geschrieben. Nur wenige Worte, keine Erklärung, keine Entschuldigung, ein Gruß. „Lass mich raus aus deinem Kopf. Vielleicht, irgendwann, sehen wir uns wieder, spätestens auf Wolke 93.“ Diese „Wolke 93“ war ein Wortspiel zwischen beiden. Er hatte es nicht vergessen. „Liebt er mich noch?“ Tagelang überlegte sie, wieder zur Polizei zu gehen. Es gab immerhin einen neuen Anhaltspunkt. Oder auch nicht. Fingerabdrücke auf dem Brief, viele, alle von Magdalena. Sie hatte die wenigen Zeilen über mehrere Tage hinweg in der Hand, las sie wieder und wieder, suchte verzweifelt nach geheimen Zeichen. Der Zettel war völlig abgegriffen. Unter ihren Tränen zerflossen etliche Worte bis zur Unkenntlichkeit. Die Tinte war nicht wasserfest. Nicht fest genug für Magdalenas Tränenflut. Nein, sie ging nicht zur Polizei. Es war sinnlos. Die konnte, die wollte nicht helfen.

„Vielleicht“ hatte er geschrieben und dieses vermaledeite Wort „irgendwann“. Magdalena hasste das „irgendwann“. Wieso schrieb er nicht „morgen“, „im Sommer“, „nächstes Jahr“ …?

Jedes Jahr zum Jahrestag von Carlos Verschwinden fand Magdalena eine Nachricht von ihm. Im Briefkasten, unterm Abtreter vor der Wohnungstür, hinterm Scheibenwischer ihres Autos. Er ließ sich stets etwas Neues einfallen, mochte nicht gesehen, abgepasst werden. Carlo war schon immer einfallsreich.

Magdalena zog um. Die Wohnung war zu groß für sie alleine, zu teuer. Carlo hatte gut verdient, da konnten sie sich manches leisten. Jetzt musste sie rechnen, damit das Geld bis zum Monatsende reichte. Nein, es ging ihr nicht schlecht, doch Anschaffungen mussten geplant werden. Sie zog ins Nachbarhaus, hoffte, Carlo würde sie dort finden, ihr die Nachricht, auf welche sie so sehnsüchtig wartete, zustellen. Oder zurückkehren?

Magdalena sortierte die Sachen von Carlo aus. Es fiel ihr schwer, sich davon zu trennen. Lediglich fünf Kartons voller Erinnerungen behielt sie, Fotos, Briefe, seine Lieblingskrawatte, die Magdalena wegen ihrer Farbe hasste, die zu keinem seiner Hemden passte, die er so oft umband, etliche andere Kleinigkeiten. Die Kartons kamen in den Schrank nach ganz unten. Sie mochte die Erinnerungen an Carlo nicht sehen müssen, hoffte, dass sie irgendwann über den Verlust hinwegkam oder den Kram irgendwann wieder bräuchte. „Irgendwann“, dieses verdammte Wort.

Ein Jahr war vergangen. Die letzten Tage, das Warten auf Carlos Nachricht verbrachte sie wie im Rausch, funktionierte nur mechanisch. Stündlich schaute Magdalena in den Briefkasten, unter den Abtreter, an ihr Auto, das sie extra auffällig geparkt hatte. Es gab keinen Brief von Carlo. Magdalena war traurig, trauriger als die anderen 364 Tage im Jahr. Lustlos machte sie sich auf den Weg ins Einkaufszentrum, ein paar Lebensmittel besorgen. Sie wartete in der Schlange an der Kasse, räumte ihren Kram aufs Kassenband. Da fiel ihr ein Briefumschlag im Einkaufswagen auf. „Magdalena“ stand mit verschnörkelten Buchstaben darauf. „Carlo!“ Sofort drehte sie mindestens zehn Runden durch alle Gänge im Supermarkt. Irgendwo hier musste Carlo stecken. Fehlanzeige. An der Kasse zeigte sie der Kassiererin ein Bild von Carlo. „Nie gesehen“, war der Kommentar. Wenigstens hielt Magdalena wieder eine Nachricht von Carlo in den Händen. Er lebte. Er liebte sie. Sie ihn sowieso. Liebte sie ihn wirklich, heute, jetzt oder nur in der Erinnerung? Zweifel durchfluteten Herz und Kopf. Alles schmerzte. „Meine Liebe ist ohne Verfallsdatum!“, schrieb er. Und wieder „irgendwann“. Immer schrieb er „irgendwann“, dieses verruchte „irgendwann“.

Alltag, Normalität, so etwas kannte Magdalena nicht mehr, seitdem Carlo ging. Wohin war er gegangen? Weit weg konnte er nicht sein, kam jedes Jahr zurück. Nicht zurück, vorbei, heimlich. Weshalb diese Heimlichkeit? Wieso erklärte er sich nicht?

Magdalena grübelte. Was hat Carlo getrieben, dass er sie einfach so, klammheimlich, verließ, mitten am Tage, nach dem gemeinsamen Frühstück. Er saß im Sessel, las in der Zeitung. Als Magdalena wieder ins Zimmer kam, war Carlo weg. Nur dieser Zettel, dieses verruchte „irgendwann“, lag auf dem Küchentisch.

Magdalena ging sämtliche Möglichkeiten durch, alle die ihr in den Sinn kamen, alle die sie in Büchern, Zeitungen, Filmen sah, zum hundertsten Mal. Erpressung, Drogen, Mord, Spionage, Liebeskummer, plötzliche Idiotie, selbst den Auftragskiller aus Russland zog sie in Erwägung. Dieser Auftragskiller, egal ob aus Russland, Polen oder China schien ihr am wahrscheinlichsten. Carlo musste sich verstecken, damit der ihn nicht fand. Weshalb ging er nicht zur Polizei? Klar, er wusste, die Verfahren werden nach fünf Wochen eingestellt. Die warteten auf neue Anhaltspunkte, vielleicht, bis er als Leiche aus dem Kanal gefischt würde, mit einem Betonklotz an den Füßen. Magdalena hatte eine blühende Fantasie, eine Fantasie, welche sie zusammen mit ihrer Liebe, ihrem Warten, der Verzweiflung, der Ungewissheit und diesem „irgendwann“ krank machte.

Diesmal konnte Magdalena den Brief nicht in Empfang nehmen. Sie beantragte Sonderurlaub, Freigang aus der geschlossenen Anstalt. Sie versprach, sich nicht umzubringen. „Suizidgefährdet“ stand rot unterstrichen auf dem Deckel ihrer Akte. „Ich komme am Abend wieder, wirklich, versprochen!“ Niemand glaubte ihr. Magdalena heulte den ganzen Tag über, jedwede Mahlzeit verschmähte sie, lag nur auf ihrem Bett. Die Chefärztin persönlich holte sie zum Gespräch. „Das alles sind Hirngespinste. Sie müssen ihn vergessen. Denken sie an etwas anderes, schönes, an Weihnachten oder Urlaub. Es gibt viele Männer auf dieser Welt!“ Danke, diese Ratschläge hätte sie sich sparen können. „So eine dumme Kuh! Und die ist Chefärztin.“ Magdalena schlurfte zurück in ihre Kemenate, warf sich heulend aufs Bett.

Über eine Stunde später bemerkte sie den Blumenstrauß mit einer Grußkarte auf dem kleinen Tisch vor dem Fenster. Carlo war hier! Wie konnte er hier hereinkommen, wo niemand herauskam? Den Gedanken, dieser blöden Chefärztin zu zeigen, dass es keine Hirngespinste waren, die durch ihren Kopf kreisten, verwarf sie sofort. „Hat sie nicht verdient. Die soll als dumme Chefarztkuh sterben!“

„Irgendwann“ schrieb Carlo wieder, „irgendwann“. Magdalena hasste dieses Wort, war trotzdem froh, eine Mitteilung von Carlo bekommen zu haben. Ihre Sammlung von Carlos Briefen war um ein Exemplar gewachsen.

* * *

Mitten in der Woche, Magdalena hatte einen harten Tag im Geschäft. Der Kundenansturm ließ einfach nicht nach. Sicher weil es nach langer Zeit endlich wie Frühling roch, da wurden alle wach. Völlig zerschlagen lag sie auf ihrem uralten Chaiselongue. Da gab es einen Ruck, mitten in ihr, sie hatte keinen Schimmer, woher der kam. Sie stand auf, setzte Nudelwasser auf, bereitete eine Tomatensoße, eine mit frischen Tomatenstücken, viel Petersilie und Basilikum. Sie deckte den Tisch in ihrem Wohnzimmer, goss sich ein Glas Wein ein, einen Rosé. Dann saß sie am Abendbrottisch, genoss ihr kleines Menü. „Jetzt beginnt mein zweites Leben.“ Sie nahm sich vor, keine Gedanken an Carlo zu verschwenden. „Er hat es nicht verdient!“, beschloss sie und sagte alle Termine bei ihrer Psychologin ab.

Zwei Tage vor dem Jahrestag, den sie bisher immer sehnsüchtig herbeigesehnte, fuhr sie weg. Niemandem sagte sie Bescheid, sie brach einfach auf. Nach 150 Kilometern verließ sie die Autobahn, gondelte über die Dörfer, fragte in einem Dorfkrug nach einem Zimmer und blieb dort für eine Woche. Jeden Tag unternahm sie eine Wanderung, ging am Nachmittag ins Thermalbad, schaute sich im Kino Filme an. Sie fühlte sich gut, genoss die Tage.

Wieder zu Hause angekommen fand sie einen Brief. Ungeöffnet landete der im Müllcontainer. Magdalena war stolz auf sich. Sie war glücklich über ihr neues Leben. Es war ein Anfang. Sie wusste, sie musste loslassen, bei alten Gewohnheiten, Freunden, Bekannten, einfach bei allem. Es war eine riesige Umstellung, sie sah keine andere Möglichkeit, da musste sie durch. Sie ging den neuen Weg ungebremst.

Magdalena ließ sich versetzen, in die Niederlassung ihrer Firma in einer anderen Stadt, suchte sich dort eine Wohnung. Sie hoffte, Carlo würde sie hier nicht finden. Es dauerte, bis sie neue Bekannte fand. Niemandem erzählte sie von ihrem alten Leben, jedenfalls nichts, was mit Carlo in Verbindung stand.

Am nächsten Jahrestag schaute sie vorsichtig in ihren Briefkasten, inspizierte sonstige Verstecke, die Carlo früher wählte. Nichts. Lässt er sich so leicht abwimmeln? Sie war ein wenig enttäuscht. Am Abend genehmigte sie sich einen Schnaps, dann noch einen. Schon am nächsten Tag dachte sie nicht mehr an Carlo. Der Alltag hatte sie im Griff.

Irgendwann traf sie ihn zum ersten Mal. Inzwischen erinnerte sie sich nicht einmal daran, wann es war. Er wohnte in der Nachbarschaft, nicht weit von Magdalena entfernt, schräg gegenüber. Sie begegneten sich im Supermarkt, der Drogerie, am Müllcontainer, völlig zufällig. Eines Tages sagte er „Guten Morgen“. Magdalena erschrak. Jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sich freute, wenn sie ihn traf. Eine Woche später, beide standen sie in der Schlange der Bäckerei, fragte sie ihn, „Trinken wir einen Kaffee?“ Sie war sehr erschrocken, über sich selbst, wie es aus ihr herauskam, ohne es geplant zu haben. „Gern, suchen sie sich ein Stück Kuchen aus, ich lade sie ein.“ Es blieb nicht bei der einen Tasse Kaffee. Zwei Stunden saßen sie in der Bäckerei und plauderten. Magdalena merkte, es hatte gefunkt. Felix war Journalist, arbeitete zu Hause, fuhr nur sporadisch in die Redaktion, einmal in die der Tageszeitung und einmal in die des wöchentlichen Anzeigeblatts. Er gestand, sie von seinem Arbeitsplatz am Fenster des Wohnzimmers beobachtet zu haben und wenn er sah, sie verlässt das Haus, ebenfalls einkaufen gegangen zu sein. Er hatte sich nicht getraut, sie anzusprechen. „Zum Glück bist du eine mutige Frau!“ „Oller Feigling“, entgegnete sie lachend.

Von diesem Tag an entwickelte sich Magdalena Leben stürmisch. Aus Bekanntschaft wurde Freundschaft, Liebe. Gerne saßen sie beieinander in der Bäckerei. Das war eine Tradition, ein ihre Zuneigung erfrischender Moment. Als das zu teuer wurde, als sie merken, sie hingen sowieso immer zusammen, suchten sie sich eine gemeinsame Wohnung am Stadtrand.

(c) pixabay.com

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Eines Tages als sie von der Arbeit heimkam, fischte sie einen rosaroten Brief aus dem Briefkasten. Er war von Felix, auf seiner alten Schreibmaschine geschrieben, die seit Jahren in seinem Arbeitszimmer stand. Felix benutzte sie selten, in speziellen Fällen. Magdalena merkte schnell, das war ein ganz besonderer Fall. Felix machte ihr einen Heiratsantrag. Mit dem Brief in der Hand und Tränen in den Augen stieg sie die Treppe zu ihrer Wohnung hoch. „Habe ich immer Männer mit Faible für originelle Schriften?“ Es schien so. Carlo mit seiner Liebe zu Federhaltern und Schnörkelschrift und nun Felix mit einer uralten Schreibmaschine mit Wackel-E. „Ach ja, mein erster, damals in der Oberschule.“ Der hatte nicht nur eine Sauklaue. Seine Rechtschreibschwäche pflegte er wie eine Religion. „Wie hieß der? Ach, war der süß und ich, verknallt wie … Kann man mit Worten nicht beschreiben.“


Die Fortsetzung erscheint am kommenden Samstag, den 10. April 2021. Folge diesem Link dorthin.


Dieser Text entstand in Zeitraum Januar 2020 bis April 2021. Er geht auf einen Schreibworkshop im Januar 2020 auf Burg Fürsteneck zurück.

Diese Zeitungsüberschriften (Erste Woche im Dezember 2019, „Thüringer Allgemeine“) waren vorgegeben und sollten in dieser Reihenfolge im Text verarbeitet werden:

Teil 1

Aufbruch ins Ungewisse
Verruchtes irgendwann
Fünf Kartons voller Erinnerungen
ohne Verfallsdatum
Auftragskiller aus Russland?

Teil 2 (Link)

Nach 40 Jahren wieder aufgetaucht
Rum statt Rotwein
Blaues Auge und ein Schrei im Herzen
„Liebe ist eine einzige Baustelle“
Gott verkauft keinen Joghurt

Ein Blick in die Weltpresse

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