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(c) pixabay.com

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Liebe …,

„Was ist denn das für ein Blödsinn, den … da schickt!“ Es ist ein paar Tage her, dass deine E-Mail bei mir eintrudelte. Ein kurzer Blick in den Anhang und dann, „Nö, is nischt für dich!“. Dieser Text von Mark Twain, ja dem Vater von Huckleberry Finn und Tom Sawyer, wer kennt die nicht, ist 17 Seiten lang, wirklich 17 ellenlange Seiten. Den soll ich lesen? Twain ist seit 1910 tot. 1910, also kurz nach dem Mittelalter, als es weder Mondraketen, Fernseher noch Internet gab. Was will der uns heute noch sagen, vor allem, was hat der, ein Ami, mit unserer Sprache am Hut? Kannte der die überhaupt? Sicherlich, er verbrachte etliche Jahre in Europa, lebte auch im Berlin der 1890er Jahre.

Nach mehreren stundenlangen Schrecksekunden habe ich den Twain-Text dann doch zu Ende gelesen. War nicht so schlimm wie befürchtet. Beim Lesen dieses Pamphlets kamen mir ein paar Gedanken, besser gesagt, sie haben sich einfach so aufgedrängt. Die kamen nicht, die waren plötzlich da und wollten aufs Papier. Und die möchte ich Dir, liebe …, jetzt mitteilen. Sind ja nur ein paar Zeilen. Hi, hi, ist auch ein ellenlanges Pamphlet geworden. Da musste nun durch!


Was soll ich sagen? Twain hatte recht! Deutsch ist die schwerste, schlimmste, katastrophalste Sprache auf diesem Planeten, ach was sage ich, im ganzen Universum einschließlich der sieben nächsten Paralleluniversen! Sie kommt ausgesprochen unordentlich, systemlos – einfach chaotisch daher. Deutsch ist schlimmer als Ungarisch, Finnisch, Chinesisch, Japanisch, Arabisch und Esperanto zusammengenommen! Der Mann, Twain, kannte garantiert all diese Sprachen, sonst hätte er solch ein Urteil über unsere Sprache nie treffen können. Er war ein Genie!!! Drei Ausrufezeichen!!! Allerdings, Genie und Wahnsinn, von dem einen zum anderen ist es kein weiter Weg. Ich kenne mich da aus.

Ja, die Wörter im Deutschen, die haben es in sich. Nehmen wir mal ein zweijähriges Kind. Das mit „der“, „die“ oder „das“ hat es noch nicht kapiert, obwohl es zwei Jahre Zeit zum Üben hatte. Dafür kann es „Kacka“, „Popo“ und „Lulu“ sagen. Und „Happa“, „Oma“ und „Opa“ und noch tausend andere Wörter. Doch die letzten drei, also „Happa“, „Oma“ und „Opa“, sind die Favoriten. Erwähnst du eines davon, hüpft es wie ein Flummi, strahlt über beide Backen und wiederholt es hundertfach. Bist du die Oma oder der Opa, kannst du sicher sein, gleich einen feuchten Schmatz abzubekommen, im besten Fall auf Wange oder Stirn, wo es leicht abzuwischen geht.

Das Wort „Kacka“ ist pädagogisch besonders wertvoll. Daran lernt das Kind die Zeitformen Präteritum, Präsens und Futur. Sagt es „Kacka“, kann es sein, dass es eine volle Windel hat (Vergangenheit) oder auf den Topf gesetzt werden möchte, um … (Gegenwart). Dann gibt es die Möglichkeit, dass es sein Geschäft erledigt (auch Gegenwart). Oder nicht (Zukunft). „Na los, streng dich an, du musst drücken! Drücken! Drücken! …“ Hilft manchmal (Gegenwart) oder auch nicht (Zukunft). Also frische Windel um den Popo wickeln. Es dauert nicht lange und zwei Gesichter signalisieren, dass die Zukunft jetzt Gegenwart ist. Das Kind verzieht die Schnute und signalisiert kräftiges Drücken, der Opa rümpft die Nase, weil der Duft Bände spricht und er in Zukunft, also in wenigen Augenblicken, die Windel lüften muss und ganz leckere Dinge zu Gesicht bekommt. Mit solch einfachen, alltäglichen Ereignissen lernt das Kind fürs Leben. Sollte man nun alle Ausländer bei der Einreise in eine Windel wickeln und solange in Quarantäne setzen, bis sie unsere Sprache perfekt beherrschen? Lieber nicht. Sonst veranstalten die das auch mit uns, wenn wir die mal besuchen.

Das Thema „Kind“ sei jetzt nur nebenbei erwähnt. Es bestätigt Twains Urteil über die deutsche Sprache.

Der, die oder das, männlich, weiblich, sächlich oder auch maskulin, feminin, neutrum: Ist doch ganz einfach. Nimm das Richtige und der Satz passt perfekt. Die Wahrscheinlichkeit, einen Treffer zu landen, liegt bei 1 : 3. Diese Quote gibt’s in keiner Lotterie. Wer meckert jetzt noch!

Deutsch ist eine schwere Sprache. Sie wurde extra entwickelt, damit es Ausländer schwer haben, sie zu lernen. Das hat etwas mit Datenschutz und Geheimhaltung zu tun. Dafür ist Deutschland berühmt. Schreibst du etwas auf Deutsch daher, ist es automatisch verschlüsselt, jedenfalls für alle Nichtdeutschen, unknackbar verschlüsselt. Es gibt nur drei Steigerungsformen, Sächsisch, Bayerisch und Amtsdeutsch.

Weil Deutsch so schwer ist, werden immer mehr Wörter aus anderen Sprachen übernommen. Man sagt beispielsweise nicht Rechenmaschine, sondern Computer, nicht Schreibkurs, sondern Workshop, nicht Jugendlicher, sondern Youngster, nicht halb und halb, sondern, fifty-fifty, nicht Blasmusiker, sondern Blowjobber, nicht graumeliert, sondern Fifty Shades of Grey. Zoom, Handy, Portfolio, Exposé, Bullshit … die Liste ist schier unendlich lang. Aber Mehrwertsteuer, Finanzamt und Steuererklärung lässt man ungeschoren. Ausländisch wäre für deutsche Finanzbeamte etwas arg.

Und dann solche neuen ModInnen wie das Gendern. Das überfordert nicht nur die AusländerInnen, daran verzweifeln viele DeutschInnen, außer vielleicht VeganerInnen, InfluencerInnen und PornoseitenbetreiberInnen.

Die Deutschen sind äußerst praktisch veranlagt. Sie lieben Kleber über alles und kleistern gerne mal ein paar Wörter zusammen. Hohlraumkonservierung klingt ziemlich paradox (deutsch: komisch). Reifenunwucht, Warmduscher, Hüftspeck, Nahrungsmittelunverträglichkeit, Glockenschwengel, Fischereierlaubnisscheininhaber, Doppelhaushälfte, Blubberwasser, Ratzefummel, Diwanwalzer, Wackeldackel, Lanzenstechen, Planfeststellungsverfahren, Kurschatten, Schäferstündchen, Wuchtbrumme, Wahlpflichtfach oder Hippopotomonstrosesquippedaliophobie (Angst vor langen Wörtern) sind weitere Beispiele. Besonders beliebt ist das Wörterkleben bei Politikern. Ich stelle mir gerne den Gesichtsausdruck eines japanischen Diplomaten vor, wenn er das Wort Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz irgendwo liest. Begeht sein Dolmetscher Harakiri, wenn er dieses Wort übersetzen soll? Und was meint ein Deutscher, wenn er eine eindeutige Frage mit einem klaren „jein“ beantwortet? Politiker sagen generell „jein“, allerdings umschreiben sie dieses Wort mit einer elfminütigen Rede über den Einfluss des Wetters von in vierzehn Tagen auf den gestrigen Speiseplan der Kantine im Bundestag.

Nicht nur Wörter, auch ganze Sätze werden zusammengeklebt. Um das Ding etwas komplizierter zu gestalten, wegen der Verschlüsselung beispielsweise, werden die Sätze zerpflückt, in kleine Teile gehackt, gemischt und in den Topf mit Kleber geschüttet. Fremdwörter bilden eine liebliche Garnierung. Sehr beliebt, ist es Kommas an, die falsche Stelle, im Satz zu schieben.

Und die vier Fälle in der deutschen Sprache: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Nicht einmal ein vernünftiges deutsches Wort gibt es dafür. Man könnte Wer-Fall sagen. Reichlich Spott käme im Fluge. Eine Grammatik mit vier Fällen ist noch human. Andere Sprachen kommen mit 6 Fällen (Russisch) oder noch deutlich mehr daher, Finnisch, Ungarisch … Also jammert nicht!

Wieso schreibe ich das? Die Frage ist berechtigt, denn Twain hat in seinem Aufsatz alles gesagt. Nun, der Grund, weshalb ich dieses Werk verfasse, ist einfach. Twain regt mich auf. Die Sprache, egal welche, wurde doch nicht für die Ausländer geschaffen! Sie ist gewachsen, langsam und stetig, jahrhunderte-, jahrtausendelang. Seit vier Millionen Jahren gibt es Menschen, solange quasseln sie schon. Na gut, anfangs war es mehr ein Brabbeln. Und nun haben wir den Kladderadatsch, diese Sprache, Deutsch bei uns, Chinesisch bei den Chinesen, Esperanto bei den Doofen, die kein Übersetzungsprogramm bedienen können und die Löffelsprache bei den Quatschmachern, speziell jüngeren Scherzkeksen. Und die Sprache entwickelt sich weiter. Man denke nur an die Rechtschreibreformen. Aber die sind überstanden. Die Rechtschreibreformer sind hoffentlich ausgestorben worden. Das ist gut so. Dafür kommen laufend neue Wörter hinzu. Wer kannte vor kurzem diese Wörter: Pop-up-Radweg, Antigenschnelltest, Impfvordrängler, Schnutenpulli, Flugscham, Intervallfasten, parshippen, schockverlieben, Hanfzigarette, Männerdutt, Wildpinkler, Nudging, Zungenschrittmacher?

Es gibt aber auch Wörter, die es nicht mehr gibt, jedenfalls im Duden. Kammerjungfer, Afterweisheiten, Zärtling, Hackenporsche, Flugmaschine, Überschwupper, Federbüchse und Vorführdame flogen erst kürzlich in hohem Bogen aus dem Wörterbuch heraus. Sie dürfen trotzdem straffrei benutzt werden.

Wir Deutsche lieben Abkürzungen, quer über eine Wiese sowieso, aber auch beim Sprechen und Schreiben. Man nennt dies auch AKüFi (Abkürzungsfimmel). Hier ein paar Beispiele: ABV, FKK, FDH, 2ZKB, JWD, HDGDL, asap, POTUS und FLOTUS, MALIMO, 2F4U, SERO, FU, GAU, xoxo, ONS, n.V., MHD. Abkürzungen verhunzen jeden Text, sollten also nur verwendet werden, wo es nicht so genau draufankommt. Also beispielsweise in einem Brief an den Chef. Das sieht schlau aus, spart Tinte oder Druckerschwärze und der Chef ist vielleicht irgendwann bereit, eine Gehaltserhöhung in Erwägung zu ziehen, in Erwägung jedenfalls. Versteht der Empfänger die Abkürzung nicht, hat er Pech gehabt, fragt Google oder sagt LMA.

Andererseits möchte ich mich bei Twain bedanken. Er hat wunderbare Vorschläge zu einer Reform der deutschen Sprache gemacht. Wenn wir die alle umsetzen, kommt ein Liebesgedicht künftig so daher:

Schlagzug – Zugschlag

Schlag Zug Zug Schlag
Schlag Zug Zug Schlag Zug Schlag
Zug Schlag Schlag Zug
Schlag Zug Schlag Zug Zug Schlag Zug Schlag
Zug Schlag Schlag
Zug Schlag Zug
Schlag zu – Aua!

Es bietet viele Einsatzmöglichkeiten. Sie oder er könnte es zum Zwecke der Liebeserklärung gebrauchen, der Morder aus Liebe zu seinem Opfer, ein Schlagzeuger und der Zugschaffner, der Lüftungstechniker und Schlagersänger, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ernsthaft: Einige der Vorschläge von Twain sollte jede Autorin, jeder Autor beherzigen. Sie ersetzen nicht den Besuch guter Schreibkurse, sind allerdings eine passende Grundlage.

  • Das Verb, ein starkes Verb, steht möglichst weit vorn im Satz. Das macht ihn verständlicher (2).
  • Starke Ausdrücke, auch Flüche und derbe Wörter aus anderen Sprachen entlehnt, schaden kaum einem Text. Außer vielleicht einer Regierungserklärung. Die Quarklöffel, Pricks, Cocksucker, Douchebags und Wanker von den Oppositionsbänken schreien sowieso immer superschlau herum, haben weder Ahnung noch Verantwortung, wissen alles besser, laden ihren Shit ab, wo und solange sie können, so oder so (3).
  • Lange und zusammengesetzte Wörter sollten sparsam verwendet werden (5).
  • Sätze wie Bandwürmer können zur Qual werden. Wie lebendige Bandwürmer im Darm. Wenn die rauskommen, die einen oben, die anderen unten, das dauert, dauert und dauert, ist ausgesprochen unangenehm. Man könnte die Gelegenheit nutzen, mal zum Klo zu wetzen, wenn man wegen der Bandwürmer nicht sowieso schon draufhockt. Vorsicht, nicht dran ziehen. Entweder sie zerreißen unkontrolliert oder strecken sich und werden noch länger. Beides ist keine gute Lösung. Bandwurmsätze sollten auch als Stilmittel beim Schreiben vorsichtig eingesetzt werden. Und Verben zerhacken, muss verboten werden (6).
  • Schreibt einfache, verständliche Texte. Redet nicht um den heißen Brei herum. Sagt, was ihr meint. Und zwar klipp und klar, kurz und prägnant, mit kleinen Schnörkeln und Herzchen am Rand (7).

Ja, der Twain, das war schon ein schlaues Kerlchen, hatte immer verrückte Ideen, mit diesem Tom und dem Huckleberry, ließ diese Burschen die verrücktesten Dinge tun. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihnen! Was Verrücktes tun, lockert den schnöden Alltag auf, ist gut fürs Gemüt und beugt Herzschmerzen vor. Doch es gibt Momente, da sollte man konzentriert sein, an einer Ampel beispielsweise, beim Holzhacken oder Bohnenschnippeln. Bei Dir, liebe …, bin ich sicher, Du knobelst gerade an einem wilden Spiel mit Wörtern oder Sätzen für unser nächstes Online-Treffen.

Genug gemeckert. Jetzt geht es an die Arbeit. Der Abwasch wartet.

Liebe Grüße

Rainer