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(c) pixabay.com„Lach nicht, ist ernst gemeint!“, schimpft sie und sieht mich an, so als hätte ich ihr eine Portion Ketchup mit dem Löffel ins Gesicht geschnipst. Sie kennt mich und weiß, ich würde es nie tun. Nicht, weil sie meine Holde ist, Essen vergeuden gehört sich nicht, das isst man, Spagetti mit Tomatenketchup allemal, ein heiliges Menü. Und mit Schokopudding verstehe ich keinen Spaß.

Andererseits: Ihre Bemerkung war grenzwertig. Irgendwann ist Schluss und jetzt reicht es. Mindestens 70 Paar Schuhe, grob geschätzt, mutmaßlich mehr, gewiss knapp über hundert, die sollten für eine Frau, für meine Frau reichen – denkt der Mann. Oder? Demnächst kommt sie mit dem Vorschlag, wir fahren mal zu IKEA. Nicht wegen der zwei Dutzend Klopse mit Soße auf jedem Teller in der Kantine, wegen zwei neuer Schuhregale. Fast hätte ich mich bei dem Gedanken daran verschluckt. „Iss langsam“, mault sie. „Außerdem klemmt die Tür vom Schuhschrank im Korridor. Das müsste man sich mal anschauen.“ Sagt sie, „Das müsste man …“, bedeutet es, „Reparier das endlich mal!“ Frauen sprechen oft in Rätseln. Die zu lösen, erfordert jahrelange Erfahrung. Nach gut einem Dutzend Ehejahren gelingt es mir inzwischen so leidlich.

Wenn sie die Hälfte der Treter ausrangiert, alle die sie in den letzten zwei Jahren nicht angeschaut hat, dann klemmt die Tür nicht mehr. Dann reichen ein paar Nägel für die Rückwand und das Regal steht wieder anständig. Und sie hätte für zehn Paar neue Schuhe Platz, mindestens. Das verrate ich aber nicht. Soll ja Geld übrig bleiben am Monatsende. Etwas essen müssen wir auch, nur rumlatschen und Schuhe spazieren führen, reicht nicht. Und die Kinder bringen wir nicht für lau in die Kita.

„Was grinst du so?“

„Ach nichts.“ Ich sollte mich zusammenreißen, ernst gucken, auf keinen Fall grinsen.

„Hast du heute etwas vor?“ Oh Gott, sie will doch nicht wirklich einen neuen Schuhschrank kaufen?

„Ah, nö, eigentlich nicht. Außer vielleicht …“ Ja was vielleicht? Mir fällt nichts ein. Muss schneller denken, sie erwartet eine Antwort, sonst quengelt sie rum und will mit mir zu IKEA fahren. Oder zu Möbel-Ludwig oder Möbel-Maxe. Oder zu allen drei. Egal, alles derselbe Ramsch, DIY-Möbel. Dann bastele ich wieder drei Tage lang, bis das Teil steht. Bei meinem Glück fehlt eine Schraube, die entscheidende Schraube, eine die in meinem Fundus im Kellerschrank garantiert nicht vorrätig ist, eine in Möbel-Spezialnorm, made in italy, Honolulu oder Hintertupfingen und wir fahren noch einmal los, die fehlende Schraube zu reklamieren, und kaufen gleich einen zweiten Schuhschrank. Wie beim letzten Mal, beim Schreibtisch fürs Arbeitszimmer. Der wackelt heute noch, nur weil ich ein Bein falsch herum angeschraubt hatte. Richtigherum ging die verdammte Schraube nicht ins Loch. Heute denke ich manchmal, die drei richtig montierten Tischbeine sind falschherum angeschraubt. Sicherheitshalber behalte ich meine Befürchtung für mich, sonst liege ich wieder tagelang unterm Schreibtisch und montiere. Lästern von Madam inklusive.

„Was denn nun!“, fragt sie gnadenlos und lässt mir keine weitere Sekunde Bedenkzeit. Oh Gott, ist sie heute ungeduldig.

„Nö, eigentlich habe ich nichts vor“, entgegne ich resigniert und sehe mich schon durch den Irrgarten dieses Ladens marschieren, eine große Tüte über der Schulter, die von Meter zu Meter schwerer wird, schwerer von irgendwelchem sinnlosen Tand, den wir unbedingt brauchen, oder den sie Elvira, ihrer Lieblingsfreundin zum nächsten Geburtstag, zur Umzugsparty, die seit fünf Monaten überfällig ist oder zur Geburt ihres fünften Kindes schenken könnte. Letzteres hat Zeit, sie muss erst einmal das erste in Habachtstellung bringen, den passenden Mann vorausgesetzt. Der letzte ist mit Siebenmeilenstiefeln über alle Berge, wofür ich ihm von Herzen gratuliere.

„Prima!“ Sie strahlt wie ein Goldtaler und mir ist sofort klar, jetzt kommt ein Attentat, eines von der feinsten Sorte, eines, das alles bisher Erlebte in den Schatten stellt. Ängstlich schaue ich sie an, vorsichtig, jeden direkten Augenkontakt meidend. Sie lächelt weise, so als hätte sie ihr Ziel erreicht, mich gargekocht, mich kleingekriegt. Sie steht mal wieder als Siegerin da und ich Trottel bin auf ihre faulen Tricks reingefallen.

„Na dann kann ich ja mit Elvira shoppen gehen“, verkündet sie mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Genau in diesem Moment hupt es unten auf der Straße. Das ist Elvira, niemand hupt so wie Elvira, so als müsse sie alle warnen, dass sie jetzt kommt. Wer nicht sofort die Flucht ergreift, wird es bereuen. Nur eines verstehe ich nicht. Elvira stellt ihr Auto stets hinters Halteverbotsschild. Ich warte seit Jahren darauf, dass sie ein Knöllchen bekommt. Ich käme aus dem Lachen nicht heraus, selbst wenn meine Holde betont böse gucken würde.

Es hätte schlimmer kommen können. Nämlich wenn sie Elvira zum Kaffee eingeladen hätte. Elvira, diese Superschnepfe, ihre dritte beste Freundin, die meistgehasste Person nördlich des Südpols, Elvira, die über alles nur lacht, kichert, wiehert, wie ein lahmer Ackergaul, selbst noch als ihre Urgroßmutter mit 99 einhalb die Augen schloss, obwohl die noch fit war, fit bis auf die paar Zipperlein, die sich mit den Jahren so ansammeln.

„Komm wieder, Liebling!“, verabschiede ich sie und meine, „Lass dir Zeit!“ Auch Männer können ihre Gedanken verschleiern. Meine Freude ist unübersehbar, der Ruf der Couch unüberhörbar.

Stundenspäter wache ich auf. Es hat geklingelt. Ich muss mich erst einmal orientieren, fühle wie gerädert. War das Klingeln echt oder in dem furchtbaren Traum, in dem Madam freudestrahlend vor der Wohnungstür stehend nicht mehr hinter den vielen Schuhkartons zu sehen war und rief: „Hast du das Schuhregal endlich aufgebaut!“