Schlagwörter

, , ,

(c) pixabay.com

(c) pixabay.com

Ein Schrei, leise, unhörbar. Elvira weiß, es lohnt nicht, zu lärmen, niemand wird sie hören. Keine Rettung in Sicht. Sie leidet im Stillen. Arme und Beine versagen ihren Dienst. Starr steht sie neben der Stehlampe, den Blick apathisch auf das Untier gerichtet. Sie ahnt, es spannt die Muskeln an, ist bereit zum Sprung, wird sie verschlingen, mit Haut, Haaren und Klamotten wie die Riesenschlange das Kaninchen.

In Elviras Gedanken wächst das Tier, wird groß wie ein Bär, gefräßig wie eine Raubkatze, flink wie eine Gazelle, lautlos wie eine Eule, stark wie ein Elefant. Chancenlos. Sie ist ihm ausgeliefert. Gnade kennt es nicht. In der Natur gibt es keine Gnade, nur das Recht des Stärkeren. So wie gestern, vorgestern, jeden Tag. Immer dieselbe Prozedur. Immer dieselbe Kreatur, die sie heimsucht, sie bedroht, sie erledigt. Jedes Mal steht sie davor wie eine Statue, gelähmt, bereit für den letzten Atemzug. Schade, sie ist erst 41. Elvira braucht Zeit. Dieser Anblick lässt ihre Gedanken sprudeln, langsam wie ein ausgetrocknetes Rinnsal in der Sahara. Aber sie kommen, die rettenden Einfälle, eingeübt jeden Tag im Spätsommer und Herbst. Es sind nur einzelne Worte, „Fernsehzeitung“, „Handstaubsauger“ und „Fleischklopfer“. „Badehandtuch“, fällt ihr noch ein. Elvira wägt ab, wählt ihren Handstaubsauger, Typ „Saugfix“. Jedenfalls hat Heribert den so genannt. Der ist praktisch, der Sauger, hinterlässt keine Matschflecken. Ein Gerät aus der Vorkriegszeit, fast so schwer wie ein russischer T34-Panzer und genauso laut. Eine mörderische Geheimwaffe. Einzig mögliche Steigerung wäre die Stalinorgel. Aber die fällt unter das Kriegswaffenkontrollgesetz, wurde für Haushaltsanwendungen noch nicht freigegeben. Also muss sie sich mit dem „Saugfix“ begnügen. Heribert kann den Staubbeutel später entsorgen. Das ist der Preis, ihr Preis fürs „Ja“ auf dem Standesamt, damals vor 13 Jahren.

Bleibt noch ein Problem. Sie muss sich bewegen. Das Gerät liegt in der Kammer. Das Biest wird sie anspringen, wenn sie auch nur den kleinsten Muskel bewegt. Es wird sich die Beute nicht entgehen lassen. Sie muss sich bewegen, es gibt keine Alternative.

„Zehn, neun, acht …“, Elvira lässt sich Zeit, sammelt den letzten Rest Mut zusammen, „… vier, drei, zwei, eins“, tief durchatmen. „Null“, ab in die Kammer. Nein, noch nicht. Noch ist sie nicht bereit, ihr heimtückisches Werk in Angriff zu nehmen. Wird dieses Spinnentier schneller sein als sie? Es hat lange Beine, acht lange, haarige Beine, Beine mit Muskelpaketen wie der Silberrücken bei den Gorillas. Es wird sie einwickeln in ein Netz klebriger Fäden. Elvira als Vorrat für schlechte Zeiten. Lebendiges Fleisch hält sich länger. Wie lange wird sie ausharren müssen? Ein Tag, zwei Tage, eine Woche, einen Monat? Sie wird ihr Ende in den Därmen dieses Monsters herbeisehnen. Wieso haben die Biester keine Tiefkühltruhe? Da halten sich die Vorräte ewig, ohne zu leiden.

Es muss sein. Jetzt oder nie. Das Risiko ist hoch. Sie ist bereit, es einzugehen. Es gibt keine andere Möglichkeit, gerettet zu werden.“ Tot oder lebendig, du oder ich!“

„Zehn, neun, acht“, durchatmen, „sieben, sechs, fünf, vier“, allen Mut zusammennehmen, „drei, zwei, eins, null!“. Los. Mit einem Satz ist sie an der Kammertür, reißt sie auf, greift ins Fach mit dem Handstaubsauger. Leer. Wo ist das Ding? Sie schaltet das Licht ein. „Heribert! Wo ist der Staubsauger?“ Elvira blickt sich um. Da ist er. „Heribert! Deine Unordnung bringt mich um. Das hat ein Nachspiel, auch wenn ich das Ding gestern in der Eile selbst dorthin gelegt habe.“

Elvira hastet mit ihrer Geheimwaffe in der Hand zurück, zurück zu diesem gierigen Monster. Inzwischen hat es sich schon einen knappen Meter von der Stehlampe abgeseilt. Elvira wusste es, mit dem Biest ist nicht zu spaßen. Ihr Daumen zuckt auf dem Einschaltknopf, drückt noch einmal, noch einmal. Nichts. Der Akku ist leer. „Stimmt, deshalb lag der nicht in seinem angestammten Fach!“

„So nicht, nicht mit mir!“, kreischt Elvira und ist wild entschlossen, sich dem Überlebenskampf zu stellen. Sie reißt sich den Hausschuh vom Fuß und schlägt zu. Nicht einmal, nicht dreimal, mindestens zwanzigmal.

Zwei Stunden später findet Heribert seine Frau auf dem Teppich sitzend. Sie hält den Pantoffel in der Hand, wie die Trophäe eines Großwildjägers, allerdings weit von sich gestreckt. Elvira blickt auf ihr Opfer, ein graues, matschiges Etwas unter der Schuhsohle. Sie strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

„Sieger!“