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Spinnennetz

Spinnennetz

„Ich hätte ihn umbringen sollen!“ Heribert ist wütend, sauwütend. Normalerweise ist er die Ruhe in Person. Aber heute, nach diesem Gespräch mit Walter, dem Clubpräsidenten, ist er auf 180, mindestens. Obwohl es höchstens zehn Minuten gedauert hat.

Dabei hatten sie letzten Samstag sogar ein Tor geschossen, ein Klassetor von Alwin, unhaltbar. Sogar das Netz im Tor musste anschließend geflickt werden. Was kann er dafür, dass dieser bekloppte Schiri „Abseits“ gepfiffen hat, nur weil Alwin maximal einen halben Meter, sicher waren es nur knappe zehn Zentimeter, näher am Tor stand als die Heinis vom Gegner. Na gut, die fünf Tore der Anderen waren ein paar zu viel. Doch was kann ein Trainer dafür, wenn sich die Jungs so deppert anstellen. Angst vorm Gegner, das gab es früher nicht. Nicht, solange er auf dem Platz stand. „Draufhauen!“, hat er gepredigt und, „Haltet eure Haxen dazwischen!“ Aber wenn die nicht hinterherkommen, nützt auch das nichts. Die sollten nicht so viel saufen und Chips fressen, lieber Joggen gehen. „Ach, was sage ich! Die machen sowieso, was sie wollen.“ „Hätte ich ihm doch eine auf die Zwölf gegeben! Der wäre umgefallen wie ein Sandsack, die fette Qualle. ‚Präsident‘ nennt er sich, ‚Präsident‘ vom Fußballclub ‚grün-weiß‘. Na gut, jetzt hat er ein Problem, er braucht ‘nen neuen Trainer, einen, der Tore schießt. Auf die Opas auf dem Platz ist kein Verlass.“ Während sich Heribert in Rage redet, läuft er drauflos, querbeet. Ihm ist völlig egal, wo er landet. Nach Hause, um Gottes willen! Wie soll er Elvira beibringen, dass er Trainer war und nun jeden Mittwoch statt Training und jeden Samstag statt Fußballspiel zu Hause rumhocken wird. Die kommt nur auf dumme Ideen, Fensterstreichen beispielsweise. Damit nervt sie seit Monaten.

Heribert erreicht den Stadtrand, läuft den Weg am Wald entlang. Das tut gut. Die Ruhe, die frische Luft. Endlich kann er den Qualmgestank aus dem Büro des fetten Kerls, des Präsidenten, rausatmen. Der sollte lieber Sport treiben, statt eine nach der anderen zu paffen. Umbringen lohnt nicht, der krepiert so oder so demnächst an Herzinfarkt oder Schlaganfall, wahrscheinlich an beidem, wenn er vorm Fernseher hockt, sein Bier schlürft, eine qualmt und sich aufregt, wie die spielen. Statt Bundesliga gucken sollte der sich lieber um den Duschraum am Sportplatz kümmern. Die Sanierung ist seit sieben Jahren überfällig.

Spinnennetz

Spinnennetz

Heribert bleibt stehen, blickt sich um, versucht, sich zu orientieren. Zurück oder weiter, das ist die Frage. Er entscheidet sich fürs Weiterlaufen. Vielleicht ist das Gasthaus am Stadtteich offen. Ein Kaffee, nein ein Bier und ein Schnaps würden jetzt guttun. Weiter geht’s. Der Weg wird schmaler. Nebel wallen übers Feld. Geisterstunde? Längst nicht, ist ja noch hell, so halbwegs, jedenfalls neblig. Die Nebelschwaden greifen wie die Tentakel eines Oktopus nach ihm. Heribert bleibt stehen, so als wolle er zeigen, was für ein Kerl er ist. Er überlegt, ob es nicht doch besser wäre, umzukehren. Es wird kühl, die Luft ist feucht. Sein Hals hat heute früh schon gekratzt. Zwischen den Zweigen der Büsche am Wegrand wiegen sich Spinnennetze im Wind, jede Menge Spinnennetze. Erst durch die Nebelschleier werden sie sichtbar, fangen klitzekleine Wassertropfen mit den dünnen Fäden.

Spinnennetz mit Spinne

Spinnennetz mit Spinne

Wo Spinnennetze sind, können Spinnen nicht weit sein. „Spinnen!“, Heribert fährt ein Schrecken durch den Körper, „Spinnen!“. Es gibt nichts, wovor er sich fürchtet. Aber Spinnen, diese ekligen Viecher mit acht Beinen, Kreaturen mit Haaren am Bauch, die braucht die Welt nicht, jedenfalls Heriberts Welt. Schauer laufen über seinen Rücken, Gänsehaut an den Armen, so als würde er frieren, dabei ist er schweißgebadet. Er rennt los, ohne Überlegung, nur weg von hier. Spinnennetze, überall Spinnennetze. Seine Fantasie spielt verrückt, produziert aus jeder noch so kleinen Spinnwebe hundert riesige, hundert Netze mit dicken Spinnen mittendrin, große, haarige, achtbeinige Monster. Sie verfolgen ihn. Er weiß, wenn er ein Netz gesehen hat, entdeckt er augenblicklich hundert, tausend, Millionen weitere. Und hinter jedem hockt eine Spinne, ein gefräßiges Ungetüm. Zu Hause hat er die Fliegenklatsche. Da haben Spinnen keine Chance, da macht er kurzen Prozess und Elvira meckert regelmäßig wegen der Flecken auf der Tapete. Hier, in freier Wildbahn, allein, ohne Chance auf Rettung, kämpft er einen aussichtslosen Kampf, jagen ihn Milliarden, Oktillionen Spinnen, handtellergroß, manche gewaltig wie ein Wolf. „Sollte man Wölfe nicht lieber abschießen?“, fragt er sich und flucht auf die Umweltschützer. Er läuft angetrieben von der Abscheu der Spinnentiere. Ein gutes Training, wenn die dunklen Gedanken nicht wären. Seine Spieler, es sind nicht mehr seine Spieler, kommen ihm in den Sinn, eine angenehme Ablenkung von den Qualen des Moments. „Diese Nulpen, die sollten lieber ordentlich trainieren, regelmäßig Joggen. Hier könnten sie zeigen, was sie draufhaben. Oder sich von den Bestien zerfleischen lassen. Wie oft habe ich denen erklärt, wo der Ball hingehört, ins Tor, ins gegnerische, nicht ins eigene. Es macht ihnen nichts aus, wenn sie von irgend so einer Dorfmannschaft auseinandergenommen werden. Sind noch stolz, wenn es nur fünf Tore sind, die sie kassiert haben. Und der Torwart, oh Gott, der ist fast so fett wie der Präsident, meint, er füllt das Tor zur Hälfte aus, da hat der Gegner keine Chance, ihm eins reinzuhauen. Bis auf die fünf, da lag er gerade auf der anderen Seite vom Tor im Dreck, hat gezappelt wie eine Schildkröte in Rückenlage.“

Heribert kommt an eine Chaussee. Rettung. „Ich trampe nach Hause oder irgendwo hin, egal wohin.“ Irgendwer wird ihn mitnehmen. Weit und breit ist kein Auto zu sehen.

„Aua!“, Heribert haut sich mit der flachen Hand an die Stirn. Wieso ist er nicht längst darauf gekommen? Elvira wird ihn retten, aus dem Nichts, aus dem irgendwo, aus dem Nirgendwo, aus der Hölle. Sie wird ihn aus den Fängen dieser Armada von Spinnen in Sicherheit bringen. Elvira nimmt es mit jedem Vieh auf, stülpt ein Glas drüber, schiebt eine Zeitung drunter und trägt es raus in den Garten. Von dort rüstet es zu einem neuen Angriff. Er zückt sein Handy, wählt.

Nichts. Kein Netz.