Schlagwörter

, , , ,

Kassenzettel

Kassenzettel

Neulich war es so weit. Es musste sein, ich konnte es nicht weiter aufschieben. Ich brauchte eine neue Zahnbürste, eine mit Motor, vollelektrisch, eine eZahnbürste, eine mit Schall, supersonic, Ultraschall, Hyperschall, supermodern. Meine alte Bürste, auch solch ein Modell, weit über 10 Jahre alt, hatte ihren Geist aufgegeben. Sicher war die Zahnbürste noch intakt, lediglich der Akku hatte das Zeitliche gesegnet. Ich war mit ihr immer zufrieden, deshalb sollte es wieder dieses Modell sein.

Ich tobe los, hin zum nächsten Elektromarkt, nicht zu dem, der zwischen Jupiter und Uranus um die Sonne saust, sondern zu dem Markt, der sich schon im Namen den Medien verschrieben hat. Natürlich schlendere ich erst einmal gemütlich durch die verschiedenen Abteilungen des Ladens, zuerst im Obergeschoss, Computerabteilung. Man muss ja wissen, was es so gibt. Frauen checken täglich in drei Läden die aktuelle Schuhmode, der Mann von heute inspiziert halbjährlich den Elektromarkt. So ist das Leben.

Wieder im Erdgeschoss des Marktes angekommen, suche ich die Zahnbürsten. Die scheinen sich versteckt zu haben, besser als die bunten Eier vom Osterhasen. Überall nur Stände, an denen Handyverträge angeboten werden. Dafür interessiert sich gerade niemand, die Verkäufer könnten eine gemütliche Kaffeerunde veranstalten, einer von ihnen hat bestimmt Geburtstag und Kuchen mitgebracht. Sie würdigen sich keines Blicks, daddeln stattdessen auf ihren Handys, plaudern per WhatsApp, senden sich Bilder der Torte vom letzten Sonntagnachmittag bei der Schwiemu.

„Hurra, gefunden, da sind sie.“ Ein riesiges Schild weist auf die Zahn- und Mundpflegegeräte hin. War ich blind?

Schnell entdecke ich das Ziel meiner Begierde. Es gibt zwei Modelle, die infrage kommen, eines in rosa, eines in grau. Die rosa Zahnbürste kostet 9 € mehr als ihr grauer Bruder. Einen weiteren Unterschied finde ich auf der Verpackung nicht. Es muss ein heimliches 9-€-Feature sein, etwas Geniales, etwas Unverzichtbares. Ich suche eine Verkäuferin, einen Verkäufer, finde schnell eine junge Dame in dem schmucken Outfit dieses Ladens.

(c) pixabay.com

(c) pixabay.com

„Völlig identische Modelle bis auf die Farbe!“, erklärt sie lachend. „Wir nehmen immer die Preise aus unserem Internetshop. Da kostet sie rosa Zahnbürste 9 € mehr als die graue. Das rosa Teil ist sicher für Frauen gedacht. Aber sie dürfen es natürlich auch kaufen.“ Ich nehme das graue und plaudere noch einen Moment mit der netten Dame.

Ich gehe zu den Kassen. Dort wartet eine längere Kundenschlange. Eine Kassiererin kämpft mit der modernen Kassentechnik. Irgendein Produkt scheint mit dem falschen Preis abgespeichert zu sein oder gar nicht oder … Irgendwie bekommt sie das Problem gelöst, ich stehe zu weit hinten, um ihr Erfolgsgeheimnis mitzubekommen. Peu à peu geht es vorwärts. Dann bin ich an der Reihe. Gleichzeitig rufen zwei andere Kassiererinnen „Kommen sie zu mir an die Kasse!“ Prima, die haben extra gewartet, bis ich dran bin. Oder war der Kaffee zu heiß und sie mussten sich gedulden, bis er abgekühlt ist. Vielleicht standen sie auch vor dem Mitarbeiter-Klo in der Warteschlange? Das wäre gerecht gewesen. Egal, ich war an der Reihe und es gab nichts, was mich zur Eile antrieb.

„Möchten sie für die Zahnbürste eine Garantieverlängerung auf drei Jahre? Kostet nur 4,95 €.“

„Nein, danke.“

„Drei Jahre Garantie auf das Gerät, zwei Jahre für den Akku. Das lohnt sich.“

„Nein, danke, brauche ich nicht.“

„Überlegen sie sich das gut, wenn das Gerät kaputtgeht, bekommen sie ein neues.“

„Nein, wirklich nicht.“ Ich fühle mich genervt. Die alte Zahnbürste hat gute zehn Jahre gehalten. Da wird eine neue doch wenigstens drei Jahre lang halten.

„Sie sollten sich das gut überlegen. Nur 4,95 €.“

„Nein!“ Dieses „Nein“ war deutlich lauter, energischer als seine Brüder vor wenigen Sekunden. Die Tante ging mir auf die Nerven. Bestimmt hat sie ein Limit an Garantieverlängerungen, das sie erreichen muss, täglich, wöchentlich, monatlich. Mir ist das völlig egal, ich brauche keine Verlängerung der Garantie. Ich spiele Russisch Roulette, entweder, oder, entweder das Gerät hält lange genug oder ich habe Pech gehabt. Es ist kein Vermögen, das solch eine graue Zahnbürste kostet. Und für 4,95 € bekomme ich immerhin zwei Liter Diesel.

„Klack, ratter, ratter“, sagt die Kasse und spuckt den halbmeterlangen Bon aus.

„Peng!“, die Kassendame haut einen Stempel auf den Kassenbon.

Kunde wünscht
— KEINE —
PlusGarantie

Ich bin gebrandmarkt, gebrandmarkt als Ignorant, als einer, der sich dem Trend der Zeit, dem Trend nach rosa Zahnbürsten, dem Trend nach Garantieverlängerung widersetzt. So bekommen wir die Klimakatastrophe nicht in den Griff. Solche Typen wie ich sind dran schuld, dass Corona die Welt beherrscht. Kein Wunder, dass die Aliens die Erde meiden, wie Quallen die Sahara, wie der Pinguin die Arktis, wie Lamborghini-Fahrer den Trabbi, wie die Regierung Steuersenkungen, wie Veganer Pflaumen mit Maden.

Dieses „Peng!“ bewirkt noch mehr. Vollautomatisch, gesteuert aus der Cloud, von einem Server irgendwo in der Karibik, wird in meiner grauen Zahnbürste die Sollbruchstelle aktiviert. Genau nach zweimal 365 Tagen und einer Stunde, in Schaltjahren gibt es noch einen Karenztag als Bonus, exakt nach dieser Zeit stellt die graue Zahnbürste ihren Betrieb ein. Nichts wird helfen, kein Schütteln, kein Rütteln, kein auf die Fliesen knallen, keine vierwöchige Daueraufladung, kein Fluchen. Das Ding versagt seine Dienste. Mit dem rosa Teil und der Garantieverlängerung passiert das nicht, nicht schon nach zwei Jahren. Es hätte mit dem Totalausfall wenigstens drei Jahre gewartet.