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(c) pixabay.com

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Es war einmal eine kleine Spinne. Die lebte in einem großen Wald auf einem feinen Spinnennetz bei ihrer Mutter und mit ihren 99 Geschwisterspinnen. Jeden Tag verfing sich irgendwelches Ungeziefer in Mutters Spinnengewebe, so dass die Spinnenfamilie ein gutes Auskommen hatte. Nebenbei lehrte die Mutter ihren Spinnenkindern alles, was eine Spinne so wissen musste. Also, wie man ein richtiges Spinnennetz webte, wie man sich versteckte, auf Zweigen balancierte, auf Bäume kletterte, wie man Nahrung fing, zubereitete und verspeiste. Jeden Tag gab es in ihrem Unterricht eine neue Lektion zu lernen und alle Kinder folgten den Worten der Mutter aufmerksam. Besonders spannend war die Lehrstunde über Menschen. Die wären riesengroß, liefen gar nur auf zwei Beinen, nicht auf acht, so wie es sich gehörte. Kein Wunder, dass sie, vor allem die weiblichen Exemplare, erkennbar an den hohen, kreischenden Stimmen, eine gewaltige Angst vor den Spinnen hätten und mit sämtlichen verfügbaren Mitteln, Handtüchern, Zeitschriften, gar Staubsaugern versuchten, die Spinnen zu meucheln. „Aber die Menschen haben keine Chance, wir sind zu viele für sie. Trotzdem müsst ihr euch vorsehen!“, fasste die Mutter die Unterrichtsstunde zusammen. Die Kinder gediehen prächtig und die Spinnenmutter war stolz auf ihre hundert kleinen Racker.

Bei so vielen Spinnenkindern, jedes Jahr gebar sie eine neue Schar Kinder, war es kein Wunder, dass ihnen die Mutter keine Namen geben konnte. So viele Namen gab es nicht und sie hätte sich die auch nicht alle merken können. Deshalb bekam jeder Sprössling eine Nummer, es begann mit Kind Numero eins und endete mit Kind 100. Wollte sie die Kinder rufen, weil es etwas zu futtern gab, so rief sie einfach:

„Kinderlein, wer Hunger hat, der komme schnell!“ Sie kamen alle. Kleine Spinnenkinder haben ordentlich Knast.

Eines Nachts, es war schon Herbst, gab es einen mächtigen Sturm. Dicke Regentropfen platschten auf die Erde. Das Spinnennetz zitterte, flatterte nach allen Seiten gleichzeitig, so dass sich die kleinen Spinnen nicht mehr daran festklammern konnten und in die weite, dunkle Welt hinausflogen.

„Endlich!“, dachte die Mutter erleichtert.

Spinnenkind Nummer 27 landete in einem dichten Tannenbaum. Der hielt Sturm und Regen wenigstens etwas ab, so dass es sich schnell berappelte. Es überlegte, was nun zu tun wäre. Die Mutter in ihrem Nest suchen? Wo entlang musste es laufen? Wie weit war es weggeweht worden? Das Spinnenkind, es war in den letzten Tagen schon tüchtig gewachsen und hatte viel gelernt, beschloss:

„Das bekomme ich alleine hin!“

Es dauerte nicht lange und die Sonne stieg über den Horizont. Die Regenwolken waren weggeflogen, der Sturm hatte sich aufgelöst. Spinnenkind Nummer 27 begann, sich ein eigenes Spinnennetz zu weben. Das war eine anstrengende Arbeit und als sie vollbracht war, setzte es sich auf einen der langen Spinnfäden und ruhte sich aus. Gerade wollten die Äuglein der kleinen Spinne zufallen, da spürte es heftiges Rütteln in seinem Netz. Eine Fliege hatte sich darin verfangen und versuchte, sich zu befreien, vergeblich.

„Oh!“, sprach Nummer 27, „Das kommt mir gerade zupass, mein Magen knurrt, als hätte ich einen Bären verschlungen.“ Dabei wusste es nicht, was ein Bär war, schließlich war es eine kleine Spinne und Bären waren riesengroß. Schnell balancierte es über die Fäden seines Netzes hin zu der Fliege und wickelte diese in seinen schier endlosen, klebrigen Spinnenfaden ein, solange bis das Insekt keinen Mucks mehr von sich gab. Nun hatte die kleine Spinne eine Mahlzeit, die bestimmt bis morgen, übermorgen oder überübermorgen reichen würde.

So vergingen die Tage, die Wochen und Monate. Kind Nummer 27 ging es gut. Es hatte nur ein Problem. Alle anderen Spinnentiere, die zu Besuch kamen, wunderten sich über seinen Namen.

„Nummer 27, so kann man doch nicht heißen!“, sagten sie das eine um das andere Mal. Aber Nummer 27 hieß nun einmal so. Und das gefiel ihm immer weniger.

Eines Tages, es war früh am Morgen, das kleine Spinnenkind schlug gerade die Augen auf, war ringsherum alles weiß. Es hatte geschneit. Schnell machte es sich daran, den Schnee von den Fäden ihres Spinnennetzes zu klopfen, wollte es auch heute fette Beute in seinem Netz zappeln sehen.

Doch es kam anders, ganz anders. Krach erfüllte den Wald, kam langsam näher. Gestalten, Zweibeiner, standen an seiner Tanne, besprachen irgendetwas. Und dann ging der Lärm erst richtig los. Der Baum erzitterte und fiel mit lautem Getöse um. Gleich darauf wurde er durch die Gegend gezerrt, irgendwo drauf geworfen und weggefahren. Nummer 27 verkroch sich eilig zwischen die Ritzen der Rinde des Baumes. Sein Herz pochte laut und schnell.

„Was wird jetzt aus mir?“, fragte es sich laufend.

Dann war Ruhe. Ab und zu wurde der Baum angehoben, gedreht und wieder weggestellt. Einige Male landete ein Getier in den Resten seines ziemlich ramponierten Spinnennetzes.

Einige Tage später ging die Reise weiter. Numero 27 wurde angst und bange, die Tanne wurde in ein Netz hineingezwängt. Es wurde so eng, dass die kleine Spinne kaum atmen konnte. Kurze Zeit darauf war diese Fahrt vorbei, der Baum wurde aus seiner Enge befreit und stand in einem wohlig warmen Raum. Einzig die Zweibeiner bereitete ihm Sorge, Gestalten, die um den Baum herumhüpften, bunten Tand sowie leuchtende Sterne an die Äste hingen, zur Musik, die den Raum erfüllte mit gar schrecklichen Stimmen sangen. Und dann dieser Duft, süßlich, warm, dampfend … Irgendetwas Besonderes hatte der an sich. Die Personen wurden immer lustiger und selbst Nummer 27 fühlte sich von dem Aroma beschwingt. Wenn nur dieser furchtbare Gesang des älteren Herrn nicht wäre. „Ohhoo Tannnehe-Bau-haum, ohhooho …“ Er erinnerte die kleine Spinne an den Lärm der schrecklichen Geräte, welche den Baum im verschneiten Wald flachgelegt hatten.

Endlich, endlich war Nummer 27 wieder alleine, fast alleine. Nur ein kleiner Junge saß vor dem Baum und spielte mit seinen bunten Bausteinen.

„Jonas! Jonas, geh bitte die Hände waschen, es gibt gleich Abendbrot!“, hörte Nummer 27 ein Rufen, und der Junge erhob sich nach der dritten, ziemlich energischen Wiederholung der mütterlichen Aufforderung.

Nummer 27 merkte sofort, von diesem Menschen geht für ihn keine Gefahr aus. Der spielt lieber, als zu essen. Die Person, der die kreischende Stimme aus der Küche gehörte, war dagegen gemeingefährlich. Da musste sich das Spinnenkind vorsehen.

„Wie heißt der?“, fragte sich Nummer 27, „Jonas, ein schöner Name, so heiße ich jetzt auch.“ Die Spinne war glücklich, endlich den furchtbaren Namen, „Nummer 27“, abgelegt zu haben. Sie war sich nicht sicher, ob Mutter das gefallen würde, doch fragen ging nicht. Er musste sein Schicksal seit diesem großen Unwetter selbst in die Hand nehmen. Also lautete sein Name ab jetzt Jonas.


Wie mag es der kleinen Spinne Jonas weiter ergehen? Bekommt sie Trouble mit der Menschenfamilie? Die Auflösung dieser Fragen, die Fortsetzung der Geschichte erscheint am 01. Januar 2022 hier auf diesem Blog. Den driiten und letzten Teil gibt es dann am 08. Januar 2022 zu lesen.

Bis dahin habt alle eine gute Zeit, kommt gesund ins neue Jahr!