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(c) pixabay.com

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Jeden Montagmorgen ist es derselbe Blick auf den Aufsteller vor dem Getränkemarkt.

»Lohnt es sich? Nee, nur 17 Millionen im Jackpot!« Ich warte noch eine Woche, dann sind es über 20 Mille. Oder auch nicht. Manchmal räumt jemand selbst solch einen mickrigen Berg Kohle ab. Ich werfe mein Geld nicht zum Fenster hinaus. Ich warte, bis es sich rentiert. Ein kleiner Jackpot ist was für Anfänger. Ich bin Profi. Rendite heißt das Zauberwort. Ab 20 Millionen wird Lotto gespielt. Immer sieben Tipps. Sieben ist meine Lieblingszahl, meine Glückszahl. Sieben ist eine Primzahl. Mit der gehe ich eine transzendente Verbindung ein, spüre ihre Magie beim Ausfüllen des Tippscheins, fühle den Gewinn mit allen Sinnen. Ein Tipp schafft es, garantiert, mit absoluter Sicherheit, vielleicht, unter Umständen, es ist nicht völlig auszuschließen, wahrscheinlich … wieder nicht. Aber in der nächsten Woche, der übernächsten … oder … oder … oder.

Dann kaufe ich mir ein neues Auto, ein richtiges, nicht wieder solch einen mickrigen Punto. Ein Benz soll es schon sein, mit ordentlich Chrom, sieben Airbags und 500 PS. Eine Weltreise buche ich, miete mir ein ganzes Kreuzfahrtschiff, nur für mich allein. Meine Frau? Na gut, die kommt mit. Ich stehe oben auf der Brücke und sage dem Käpt’n, wo es langgeht. Ein neues Fahrrad brauche ich, eines mit Batterie für die Lampe. Dynamos taugen nichts, da demmelts du nur fürs Licht und schiebst am Ende sogar bergab. Immer nur mit dem Auto kutschieren wird zu teuer – die heutigen Spritpreise kann sich nicht einmal ein Millionär leisten.

Millionär, wie das klingt! Reichtum, die weite Welt, alle beneiden dich. Passen so große Zahlen auf einen Kontoauszug? Auf A4 quer gedruckt, mit kleiner Schrift, das könnte hinkommen.

Aber. So ein Supergewinn muss generalstabsmäßig geplant werden. Ich bereite mich gewissenhaft darauf vor, schon zig Jahre lang. Das wichtigste ist, niemand darf davon etwas erfahren, nur meine Frau und ich. Absolute Geheimhaltung ist angesagt, strenger als beim Geheimdienst. Sonst kommen sie alle angerannt, wie die Schmeißfliegen, und die wirst du nicht wieder los. Zumindest nicht ohne ordentlichen Obolus.

Aber dann. Dann wird es kompliziert. Der Zaster muss gewinnbringend angelegt werden. Maximal hunderttausend Euro auf eine Bank. Wenn eine mal Pleite geht, gibt es das Geld vom Staat zurück, aber nur bis 100.000 €. Mehr nicht.

Oh je, 20 Mille, das sind 200 Banken. Gibt es so viele überhaupt? Und wenn es 50 Millionen werden? 500 Banken. Das riecht nach Arbeit und ich wollte chillen, chillen bis ans Ende der Welt. Ich muss einen Verwalter einstellen, einen der Ahnung hat, einen Banker. Der ist sauteuer, möchte immer nur Boni kassieren. Und ein Riesengehalt. Am Ende bescheißt der mich und überweist sich regelmäßig tausend Euro auf sein Konto, jede Woche von einem anderen Konto. Merkt keiner, wer hat da den Überblick, bei dem Batzen Geld, den vielen Banken. Ich brauche noch einen, der auf den Verwalter aufpasst und einen Securitymann. Nein, einer reicht nicht, der Tag hat 24 Stunden, die Woche sieben Tage. Die wollen auch mal Urlaub. Faulpelze. Also sieben Wachleute, das sollte reichen. Was das kostet! Bleibt da genug für mich übrig?

Ein neuer Zaun muss her, 2,50 Meter hoch. Oder eine Mauer. Obendrauf Maschinengewehre, ein Raketenwerfer. Das wäre es. Wir leben nicht im Wilden Westen. Wir wohnen in Deutschland, da ist das nicht erlaubt. Das steht im Kriegswaffenkontrollgesetz. Aber Kameras sind gestattet, an jede Ecke der Mauer eine und dazwischen noch ein paar, nur zur Sicherheit.

Eine Solaranlage und eine Windmühle zur Stromerzeugung brauche ich. Sonst macht mich die Stromrechnung arm. Und beim Blackout stehe ich im Dunkeln. Dann kommen die Gauner scharenweise, entführen mich und meine Penunze.

Tausend Banken, alle wollen Online-Banking. Reicht da ein Computer aus? Kann ich mir die vielen Passwörter merken? Und wenn der Rechner abstürzt, was dann? Oder ein Virus treibt Unfug auf der Festplatte. Ich brauche zwei oder drei Computer, bessert vier bis sieben. Ja, sieben Computer müssen es sein, in jedem Raum einer, inklusive Klo. Sieben ist eine Primzahl. Davor scheuen sich die Viren, Würmer und Hacker. Wenn die merken, dass ich aufgerüstet habe, denken die, ich bin schlau und blasen sicherheitshalber zum Rückzug.

Ein Notstromaggregat benötige ich. Wenn nachts Flaute ist, liefern Windrad und Strompanels keine Energie. Der Notstromer braucht Diesel, also lasse ich ein Tanklager bauen, unterirdisch wegen der Brandgefahr. Und die Feuerwehr, gleich nebenan. Ich muss unbedingt mit dem Oberbürgermeister sprechen. Die Feuerwehr muss auf das Nachbargrundstück umziehen. Die alte Wäscherei kann da weg. Wer wäscht schon Wäsche, wenn er Millionen hat. Da kauft man sich jeden Tag frische Klamotten, oder lässt liefern. „Ob ich dem OB eine Spende für die nächste Wahl überweise?“ Besser ist es.

Habe ich alles berücksichtigt, sämtliche Eventualitäten notiert? Zwischenbilanz. 50 Mille minus Windrad, Notstromer, Security, Spende an den OB, Mauer, Computer, minus, minus, minus …

Mist, ich brauche einen Kredit. Das wird teuer. Ach was, ich spiele wieder Lotto, sieben Tipps pro Woche.

Oder ich spare die wöchentliche Lottomark bis ich mir auf dem Flohmarkt ein Fahrrad kaufen kann, eins mit Batterie für die Lampe.