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(c) pixabay.com

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Abfahrt. Oder nicht. 12:43 Uhr, so steht es im Fahrplan, so steht es auf der Anzeigetafel, so zeigt es die Bahnhofsuhr. Kein Zug in Sicht.

Klammheimlich erscheint auf der Anzeige eine Laufschrift.

„Voraussichtlich 20 Minuten Verspatung.“ Die Punkte über dem „a“ fehlen, Sparkurs vom Bahnvorstand. Als der Erste das mitbekommt, fluchend auf die Anzeige weist, wissen es alle. Es ist wie stille Post, nur schneller und ohne Flüstern. Endlich eine Lautsprecherdurchsage.

„In Kürze erhält der verspätete ICE 4711 aus Dresden zur Weiterfahrt nach Düsseldorf Einfahrt auf Gleis neun!“ Falsche Richtung, ich möchte nach Kassel, Kassel-Wilhelmshöhe. Noch trister als Düsseldorf, weit weg vom Schuss, dem Stadtzentrum von Kassel. Dorf mit ICE-Bahnhof. Tote Hose, nur Bahnhof und ein Hotel. Und Pampas, viel Pampas, Vorstadt, Einfamilienhäuser, viel Grün. Aber Straßenbahnanschluss und Busbahnhof. Macht nichts, ich möchte genau in dieses Hotel, zu dem Kongress. Ist doch clever geplant. Kongress im Hotel direkt neben dem ICE-Bahnhof. Da gibt’s keine Komplikationen, wenn hinterher alle nach Hause wollen, oder zwischendurch heimlich verduften.

Da kommt er, der ICE, der falsche ICE, der nach Düsseldorf, über Köln. Mein Gott, ist der langsam, sollte sich beeilen, ich brauche das Gleis für meinen ICE, den nach Hamburg über Kassel, Kassel-Wilhelmshöhe. Ach nee, soll lieber gemächlich fahren, sonst kracht der in den Prellbock und schiebt den ganzen Bahnhof bis zum Römer, direkt vors Frankfurter Rathaus. Dann kann ich meinen Zug in den Wind schreiben.

Ich hasse dieses Gedränge. Tausend Leute warten auf den Zug nach Hamburg, tausend auf den Regionalexpress vom Gleis gegenüber und dann steigen noch tausend aus dem Zug aus. Was wollen die ganzen Dresdener hier? Dresden ist doch auch ganz nett. Und nur etwa sieben Dutzend steigen ein. Wieso will fast niemand nach Düsseldorf? Okay, kann ich verstehen, wer möchte da schon hin. Aber die Restlichen passen in meinen Zug doch gar nicht hinein! Na, das wird lustig.

So, jetzt könnte mein ICE kommen, das Gleis ist frei. Die Anzeige verrät, dass inzwischen schon 35 Minuten Verspätung zusammengekommen sind. Besser als 60 Minuten, man darf seinen Optimismus nicht verlieren.

Die Zeit rinnt dahin, deutlich langsamer als der Schweiß. Unterm Dach des Bahnhofs sind es nur 30 Grad. Da hinten, wo der Überbau zu Ende ist, schwitzen die Leute bei 40 Grad. Mindestens. Wer ist so blöd, den Sitzplatz am Zugende zu buchen, beziehungsweise an der Zugspitze, wenn der ICE wieder aus dem Bahnhof rausfährt. Es ist doch eine Binsenweisheit: „In jedem Sack wird hinten zu vorn.“

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute lautet: Der Zug fährt gleich ein. Und die schlechte: Der Zug verkehrt heute mit umgekehrter Wagenreihung. Jetzt kommt Bewegung ins Spiel, die Zeit vergeht schneller, niemand schaut genervt jede Minute auf seine Armbanduhr. Alle hasten ans andere Zugende. Kollisionen en gros. Der Schweiß rinnt, eine Flutkatastrophe bahnt sich an. Nur die aus der ersten Klasse, natürlich die fetten Bonzen, die haben es gut. Die bleiben stehen, die erste Klasse ist genau in der Mitte vom Zug.

Da kommt der ICE, ganz sachte. Der Prellbock. Der Bahnhof. Der Römer. Das Rathaus von Frankfurt. Bis der Zug endlich steht, gibt es keine Kollateralschäden. Jedenfalls in der Stadt. Prügeleien vor den Türen sind nicht auszuschließen. Das Gedränge ist enorm. Vor den Wagentüren ballen sie die Fahrgäste zum Einsteigen. Aber erst einmal muss die alte Bagage raus. Es ist ein Hauen und Stechen, ein Schieben und Zerren. Die Dicken stecken die Bäuche noch weiter heraus, drängeln, was das Zeug, besser gesagt, was die Wampe hergibt.

Endlich bin ich eingestiegen. Doch ich klemme fest, zwischen einem japanischen Riesenkoffer und einem Busen. Umkippen ausgeschlossen, vorn hart, aber hinten weich gepolstert, inklusive einem Hauch Eau de Cologne mit deutlicher Schweißnote. Ich kann nicht sagen, was sich besser anfühlt, Koffer oder Polster. Vor mir drei Japaner mit Mundschutz. Ja, die trugen solche Accessoires schon vor der Pandemie. Ihre Rollkoffer gleichen mittelgroßen Kleiderschränken. Stau in Wagen vier. Jeder sucht einen Sitzplatz, seinen Sitzplatz im überfüllten Zug. Dank Hitzewelle, dank Schweißfluten flutscht sich das sicher alles zurecht.

Glück gehabt. Nach fünf Minuten stehe ich vor meinem Abteil. Belegt. Ich reiße die Tür auf, winke mit der Platzreservierung.

„Platz 114.“ Ein Herr in Anzug und Krawatte fühlt sich angesprochen. Solche Typen sind mir von vornherein suspekt, im Zug nach Kassel-Wilhelmshöhe, im Sommer bei 45 Grad im Schatten. Pflichtbewusst erhebt er sich von seinem Fensterplatz, hält seine Tasche wie eine Trophäe vor der Brust und drängelt sich an mir vorbei, hinaus aus diesem stickigen Abteil, hinein ins Gewimmel. Viel wimmelt da nicht mehr. Ich steige über Taschen und ausgestreckte Beine, sacke erschöpft auf meinen Sitz. Die vorwurfsvollen Blicke der anderen ignoriere ich. Habe ich einen von ihnen vertrieben? Macht nichts, jetzt bin ich einer von ihnen, Wagen vier, Platz 114 steht auf meinem Billett, habe ich bezahlt. Die Gepäckablage ist voll, brechend voll. Eine Vollbremsung, nachher, wenn der Zug ordentlich Speed macht, würde das Problem für mich lösen. Aber erst einmal klemme ich die Tasche vor den Bauch, lege meinen Schmöker obendrauf.

Tief durchatmen, in einer knappen Stunde ist dieses Martyrium überstanden. Ich genieße den Blick auf den Bahnsteig. Da warten sie auf ihren Zug, den nächsten, übernächsten, natürlich verspäteten oder den am Gleis gegenüber, den Frühexpress von morgens um fünf. Der ist heute ausnahmsweise der Spätexpress abends um sechs. Diese Sorgen habe ich nicht, sitze im Mittagsexpress. Alles unter einer Stunde gilt als pünktlich. Ab dreieinhalb Stunden darf gemeckert werden.

Draußen stehen sie, die Raucher in ihrem Raucherbereich. Ziehen sich hastig eine rein, bevor sie im Zug darben müssen. Bei den aktuellen Verspätungen gilt eine Fahrt von Stuttgart nach Hamburg als Entziehungskur. Die Krankenkasse erstattet die Kosten. Die stehen da dichtgedrängt innerhalb der gelben Markierung. So ein Raucherbereich auf dem Bahnsteig ist wie der Pinkelbereich im Schwimmbad. Wer da hinmuss, hat kein Lachen im Gesicht, fühlt sich dafür hinterher frei. Alle anderen versuchen einen möglichst großen Abstand zu wahren. Nase zu, Luft anhalten, Mund zu, kein Tröpfchen schlucken. CH₄N₂O (Harnstoff) soll gut für die Haut sein, im Gegensatz zu Nikotin. Und ein wenig wärmer ist es dort ebenso.


Das war der erste Teil der Geschichte „Unterwegs von Irgendwo nach Nirgendwo“.

Die Geschichte basiert auf wahren Erlebnissen des Autors.

Und das sind die Erscheinungstermine für die folgenden zwei Teile:

Teil 2:     13.08.2022

Teil 3:     20.08.2022