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Der erste Teil der Geschichte wurde am 06. August 2022 veröffentlicht.

Und hier kommt Teil 2:


(c) pixabay.com

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Dann passiert es, etwas völlig Unerwartetes. Der Zug setzt sich in Bewegung. Es ist 13:28 Uhr. Wir sind bei genau 45 Minuten Verspätung angekommen, weniger als eine Stunde, also ein pünktlicher Zug. So muss es sein. In Deutschland sind die Züge immer pünktlich. Außer der Morgenexpress.

So ein ICE schafft locker 300 Klamotten. Das ist deutsche Spitzentechnik. Wir erreichen gerade mittlere Schrittgeschwindigkeit. Hätte ich lieber nach Kassel laufen sollen? Nein, es geht auch schneller, etwas schneller. Und Weichen gibt es hier, unzählige, hart wie der Komet, der damals die Dinos platt machte. Ich spüre es deutlich, werde abwechselnd ans Fenster und meinen Nebenmann geschleudert. Der hat spitze Ellenbogen und weiche Lenden. Die Main-Neckar-Brücke über den Main. Da unten fließt das Wasser, hier oben rinnt der Schweiß. Ob die Klimaanlage vor Kassel-Wilhelmshöhe zugeschaltet wird? Frankfurt-Süd. Inzwischen geht es zügig voran. Ich bin ja bescheiden. Den dreistelligen Bereich hat die Tachonadel längst nicht erreicht. Wann endlich gibt der Lokführer Gas? Oder Strom.

„Werte Reisende …“, so beginnt die Durchsage des Oberschaffners. Er begrüßte uns freundlich, weist darauf hin, dass aufgrund der Tatsache, dass heute ein anderer Wagentyp eingesetzt wird, nicht alle reservierten Plätze zur Verfügung ständen, somit die Platzreservierung aufgehoben sei und man die Platzkartengebühr zurückerstattet bekommen könne, wozu ein spezielles Formular vonnöten wäre. Das könne man auf der Homepage der Bahn herunterladen. Außerdem wäre das Getränkeangebot im Bordbistro heute nur eingeschränkt verfügbar, weil die Klimaanlage in der Bordküche ausgefallen sei. Nach solch einer Durchsage fühlt man sich in einem Zug der DB gleich heimisch. Etwas anderes, als den Ausfall der Klimaanlage erwartet man ohnedies nicht. Genau nach dieser Ansage hört die Abteillüftung auf, das Abteil zu lüften. Kam ohnehin nur Heißluft raus. Hat der Oberschaffner den Lüftung-Aus-Schalter betätigt? An heißen Tagen sollte man keinen Strom verschwenden. Sparkurs vom Bahnvorstand.

Frankfurt liegt hinter uns. Wir fahren. Wir schwitzen. Fenster öffnen – Fehlanzeige. Dafür gibt es die Klimaanlage. Klimaanlage?

Der Schaffner kommt. Ihn Schaffner nennen, darf man nicht. Dann wird er böse. Immerhin ist er der Zugbegleiter. Wie hat der es geschafft, sich durch den Zug zu quetschen. Er reißt die Tür auf. Schaffner reißen immer die Tür auf. Das erspart das Aufwecken der Fahrgäste. Eine Frau im Gang spricht ihn an. Sie sucht Wagen sieben. „Hier ist Wagen sechs“, entgegnet er. Augenblicklich mache ich mich zehn Zentimeter kleiner. Meine Reservierung ist für Wagen vier. Macht nichts, das spielt keine Rolle mehr. Ich lächle den Schaffner verlegen an, zeige ihm die Fahrkarte. Es gibt keinerlei Beanstandungen seinerseits.

Wir fahren immer noch, leidlich schnell, viel zu langsam. Immer gemächlicher. Ist der Sprit alle? Wurden ein paar Kraftwerke abgeschaltet, ist die Stromleitung zu dünn? Gegenwind? Irgendwie geht es nicht richtig voran. Wieder Schrittgeschwindigkeit, Schrittgeschwindigkeit für einen Jogger. Na immerhin!

Der Zug steht, mitten auf der Strecke. Die Sonne knallt auf den Zug. In solch einem Moment wurde vor vielen Jahren die Backröhre erfunden. Es riecht etwas im Abteil. Angebrannt? Es müffelt nach Schweiß.

Dann passiert nichts, fast nichts. Die Reisenden blicken der Reihe nach auf ihre Uhren, zücken gelangweilt das Smartphone, daddeln darauf herum und wundern sich. Der Herr schräg gegenüber sitzt im Funkloch, ich habe einen Balken. Wenigstens kann ich in mein Buch schauen, auch ohne Empfang. Der Oberschaffner meldet sich. Er teilt uns mit, dass der Zug angehalten wäre. Das ist schon mal etwas absolut Neues. Außerdem sagt er, die Strecke vor uns wäre gesperrt und er wüsste nicht, weshalb das so sei. Das riecht nach mindestens einer weiteren halbstündigen Verspätung mit der Option auf mehr. Kostet nix, da greift jeder Schnäppchenjäger gerne zu. Wird meine Reiselektüre reichen? Sie war für eine einstündige Fahrt ausgewählt. Ich beginne, langsamer zu lesen.

Dann passiert nichts, fast nichts. Es entspinnt sich zwischen mehreren Reisenden im Abteil ein Erfahrungsaustausch über Zugverspätungen. Das macht wenig Mut. Die Bahn ist sehr einfallsreich, wenn es um die Begründung von Verzögerungen geht. Wieso steht dieser verfluchte Zug hier mitten auf der Strecke herum? Er ist schon mit einer dreiviertel Stunde Verspätung losgefahren, hätte allen Grund, richtig Gas zu geben. Lok kaputt, Schienen in der Hitze verbogen, Lokführerstreik? Ausgerechnet heute, ich möchte, ich muss nach Kassel, nach Kassel-Wilhelmshöhe.

(c) pixabay.com

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Wieder knackt es im Lautsprecher und der Oberschaffner meldet sich. Der ICE hält auf Grund eines „angekündigten Suizids“, teilt er mit. So etwas hat keiner der Reisenden in seiner Reisepraxis bisher gehört. Mal etwas Neues von der Bahn, eine echte Innovation. Es klingt nach Rettung in letzter Sekunde. Ich denke, das ist ein verzweifelter Ruf:

„Hilfe, rettet mich! Genau genommen möchte ich nicht vor den Zug nach Kassel-Wilhelmshöhe werfen. Das tut bestimmt mächtig weh und gibt eine Sauerei. Also rettet mich, bitte!“ Und eine geheime Kraft hat es der Bahn verraten. Es bahnt sich eine mehrstündige Verspätung an. Die wildesten Spekulationen werden ausgesprochen. Der Herr schräg gegenüber hat bereits drei Suizide miterlebt, nicht persönlich, als Reisender. Fünf Stunden Verspätung sind sein Rekord. Oh, das gibt Kraft. Wie lange überlebt man ohne Essen und Trinken? Währenddessen rasen auf dem Nachbargleis die Züge aus der Gegenrichtung im Fünfminutentakt an uns vorüber. Hat der Selbstmörder nur Züge in Richtung Kassel im Visier?

Wie von Geisterhand setzt der Zug die Reise fort. Es ist nur Schrittgeschwindigkeit. Aber die Chance, Kassel, Kassel-Wilhelmshöhe in den nächsten zwei Wochen zu erreichen, macht Mut. Nur der Oberschaffner scheint den Mut verloren zu haben. Der meldet sich nicht noch einmal zu Wort. Nach zehn Minuten gibt der Zugführer richtig Gas oder Strom. Er möchte allen zeigen, was sein ICE draufhat. Mit annähernder Schallgeschwindigkeit, den Fahrgästen verschlägt es glatt die Sprache, rast er durch die hessischen Lande.

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Es ist eine reizvolle Reiseroute, landschaftlich betrachtet. Kleine Bergkuppen, grüne Täler, verträumte Ortschaften. Blauer Himmel. Der Zug düst durch Tunnel, über Brücken. Selbst mit geschlossenen Augen merkt man, ob sich der Zug gerade durch eine Tunnelröhre zwängt. Es fühlt sich an, als ändere sich der Luftdruck im Zug bei jeder Ein- und Ausfahrt schlagartig. Müdigkeit übermannt mich. Statt Schafe zu zählen, einige Schafherden weiden in den Tälern, zähle ich Tunnel: „Eins … zwei … drei oder war es schon der vierte, fünfte Tunnn…“


Das war der zweite Teil der Geschichte „Unterwegs von Irgendwo nach Nirgendwo“.

Die Geschichte basiert auf wahren Erlebnissen des Autors.

Und das sind die Erscheinungstermine der beiden anderen Teile:

Teil 1:     06.08.2022 (Link)

Teil 3:     20.08.2022